Fotos, wie sie kein anderer macht: Große Schau zum 75. Geburtstag von Dresdner Fotograf
Dresden/Zwickau - Manche seiner Fotografien scheinen zu klingen. Ein gespannter Körper, geschlossene Augen, eine Hand kurz vor dem nächsten Einsatz - der Dresdner Fotograf Matthias Creutziger versteht es wie wenige, Musik abzubilden. Seit Jahrzehnten fotografiert Creutziger Musiker, doch sind seine Bilder weit mehr als Konzertdokumente. Zum 75. Geburtstag widmet die Schlossgalerie Wildenfels bei Zwickau Creutziger eine Retrospektive, die auch die weniger bekannten Seiten seines fotografischen Schaffens sichtbar macht.
Creutziger, am 8. Dezember 1951 im Wildenfelser Ortsteil Härtensdorf geboren, kam als Autodidakt zur Fotografie. Mit der Kamera und als Rezensent begleitete er die Dresdner Free-Jazz-Szene und reiste zu Festivals nach Ostberlin, Prag, Warschau.
Die Musiker fotografierte er nicht wie Stars auf einem Podest. Bei ihm werden Miles Davis, Michel Petrucciani, Pharoah Sanders oder B. B. King zu Personen, die ganz in ihrem Tun versunken sind.
Ein Blick, ein Schweißfilm auf der Stirn, eine verkrampfte Hand können bei ihm mehr erzählen als eine perfekt ausgeleuchtete Porträtpose.
Das hängt auch mit der eigenen Nähe zur Musik zusammen: Creutziger spielte selbst Schlagzeug und war über viele Jahre Teil jener Szene, die er fotografierte. Er weiß, dass der entscheidende Augenblick auf der Bühne, wenn sich Spannung aufbaut, oft nur Sekundenbruchteile hat.
Später weitete sich sein Blick auf die klassische Musik aus. Seit den 1980er-Jahren fotografierte Creutziger die Staatskapelle Dresden, ab 2003 arbeitete er als Theaterfotograf an der Sächsischen Staatsoper. Dirigenten wie Sir Colin Davis erscheinen in seinen Bildern deshalb nicht als Ehrengäste des Kulturbetriebs, sondern als Künstler bei der Arbeit: konzentriert, angespannt, manchmal beinahe entrückt, manchmal verrückt.
Dabei wird das musikalische Geschehen stets erfahrbar.
Matthias Creutziger erhielt Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden
Doch überrascht die Ausstellung mit Ausflügen in andere Welten. Auf Reisen hat er die Kamera nie aus der Hand gelegt. Kuba etwa begegnet ihm als farbgesättigter Kosmos aus Menschen, Straßen und Bewegung.
In den USA sucht er weniger nach Postkartenmotiven als nach den Überresten einer vergangenen Moderne - Architektur, Zeichen und Oberflächen, in denen Zeit ihre Spuren hinterlassen hat.
Am überraschendsten sind vielleicht jene Bilder, bei denen nicht einmal der Fotograf bestimmt, wie das Ergebnis aussieht.
Fotografische Materialien, die durch Bakterien verändert wurden, entwickeln eigene Strukturen und Farben. Aus einem Schaden entsteht ein neues Bild.
Creutziger akzeptiert den Zufall nicht nur, er macht ihn zum Mitspieler. Anregungen fand er beim dänischen Informel-Künstler K. R. H. Sonderborg (1923-2008). Mit einem breiten, in Entwickler getauchten Pinsel griff er unmittelbar in den fotografischen Prozess ein: Nur einzelne Partien des Fotopapiers wurden behandelt, Spritzer und Zufall zugelassen. So entstanden zwischen Fotografie und Malerei angesiedelte Bildkompositionen.
Die Retrospektive in Wildenfels, die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fotothek entstand, erzählt deshalb nicht einfach die Geschichte eines erfolgreichen Musikfotografen. Sie zeigt einen neugierigen Bildermacher, der sich nie damit zufriedengegeben hat, die Wirklichkeit lediglich abzubilden.
Dass sein umfangreiches Archiv inzwischen von der Deutschen Fotothek bewahrt wird und Creutziger 2026 mit dem Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden ausgezeichnet wurde, unterstreicht die Bedeutung seines Lebenswerks.
Titelfoto: Markus Weinberg

