Hier spielt die KI mit: Premiere im Kleinen Haus

Dresden - Können und wollen wir unsere menschliche Existenz mittels KI auf ewig für die Nachwelt erhalten? Dieser Frage widmet sich "Homo Faber / Robo Faber". Regisseur Marcel Kohler verwendet für seine Bühnenfassung des Romans "Homo faber" von Max Frisch eine Künstliche Intelligenz. Das Experiment ist so faszinierend wie streckenweise ermüdend. Die Premiere war am Samstag im Kleinen Haus in Dresden.

Walter Faber (Sven Hönig) bestaunt den künstlichen Avatar von sich selbst.
Walter Faber (Sven Hönig) bestaunt den künstlichen Avatar von sich selbst.  © Sebastian Hoppe

Der 1957 veröffentlichte Roman "Homo faber" von Max Frisch ist ein Klassiker der (west-)deutschen Nachkriegsliteratur. Die Adaption von Marcel Kohler setzt da ein, wo das Buch offen endet, am Vorabend der Operation des an Krebs erkrankten Protagonisten Walter Faber. Eine KI soll das Fortleben des technikgläubigen Ingenieurs sichern - in Form eines USB-Sticks.

Ein sehr schöner Clou gelingt der Inszenierung ganz am Anfang, noch während das Publikum die Plätze einnimmt.

Eingespielt wird die Tonaufnahme einer alten Folge der TV-Sendung "Das literarische Quartett", in der die Kritiker Marcel Reich-Ranicki, Helmuth Karasek, Sigrid Löffler & Co. die Bedeutung von Frischs Roman in den 90er-Jahren besprechen. Die Schauspieler des folgenden Stücks agieren dazu lippensynchron.

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"Ich lese den Roman heute und bin verblüfft", hört man Reich-Ranicki loben, bevor seine schnarrende Stimme - Achtung, KI! - die traditionelle Theateransprache übernimmt: "Schalten Sie bitte während der Veranstaltung ihre Mobiltelefone aus." Es bleibt der beste Gag.

Frisch ging es in seinem Roman um das Interesse des Menschen, die "Schöpfung durch Technik nutzbar zu machen". Ingenieur Faber reist darin für die UNESCO um die Welt, überlebt eine Flugzeugnotlandung und beginnt eine inszestuöse Affäre mit der jungen Elisabeth - nicht ahnend, dass "Sabeth" jene Tochter ist, die seine frühere Partnerin Hanna nicht abgetrieben hatte. Sabeth stirbt durch seine Schuld, Faber selbst erkrankt an Krebs.

Publikum nimmt viel Diskussionsstoff mit

Um die KI zu "füttern", erzählt Faber einem Techniker (Jonas Holupirek) seine Lebensgeschichte.
Um die KI zu "füttern", erzählt Faber einem Techniker (Jonas Holupirek) seine Lebensgeschichte.  © Sebastian Hoppe

Diese Handlung wird neu arrangiert. Angesichts der bevorstehenden Operation beschließt Faber (Sven Hönig) nach dem Besuch von Hanna (Fanny Staffa), sich in einer KI zu verewigen. Denn die, sagt er, "erkennt die Zukunft besser als Menschen, spekuliert nicht, träumt nicht, kann sich nicht irren." Seine Geschichte (Teile des Romans) erzählt Faber einem Techniker (Jonas Holupirek, der noch weitere Rollen übernimmt), der seine Stimme für die KI aufnimmt.

Das wurde zuvor mit Sven Hönig selber durchgespielt. Seine mittels eines Large Language Models für ein intelligentes Sprachsystem aufgenommene Stimme gerät per USB-Stick an Sabteh (Leonie Hämer), die mit ihm kommuniziert und einen Flirt mit dem Avatar beginnt, der auch als Computer-generierte Projektion erscheint (Konzept vom Video-Künstler Zimoun). Während Hönigs Faber komatös im Krankenbett liegt, reagiert sein Chatbot auf die Impulse Hämers, die zu seinen unerwarteten Antworten improvisieren muss.

In diesem zweiten Teil des Stücks wird die Problematik des Ansatzes offenbar: Hönigs KI-Stimme leiert ihre Antworten so höflich und emotionslos herunter wie der Computer HAL 9000 in "2001: Odyssee im Weltraum". Wenn Sabeth sagt, das sei ihr zu gruselig, entgegnet die KI rational: "Gruselig bezeichnet nur Unspezifisches. Frag mich etwas Präzises." Gegen den digitalen Stoizismus dieses Dialogs muss Leonie Hämer mit körperlicher Präsenz anspielen. Das gelingt ihr eindrucksvoll, doch wirkt die KI-Sprache zunehmend einschläfernd - hier gerät das Konzept an seine Unterhaltungs-Grenze, bremst die brillanten Schauspieler mit unbehaglicher Statik aus.

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Bewertet wird die fragwürdige Technik nicht, aber Faber deutet final Negatives an: "Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts wirklich interessiert?" Mit der darauffolgenden Frage "Warum?" wird das Publikum entlassen und nimmt viel Diskussionsstoff mit.

Titelfoto: Sebastian Hoppe

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