Dresden - Es hat sich mittlerweile etabliert, dass das Staatsschauspiel zum Auftakt einer neuen Spielzeit mit drei Premieren am Stück aufwartet. Die größte Aufmerksamkeit erfährt naturgemäß die Eröffnung am Samstag im Schauspielhaus (in diesem Jahr: "Love, Death & Shadows" von und mit Christian Friedel). Flankiert wird dieser große Aufschlag aber stets mit Aufführungen im Kleinen Haus, allen voran traditionell ein Bürgerbühnenstück mit Dresdner Jugendlichen. Beide Produktionen können sich sehen lassen.
Ich gegen die ganze Welt
"Sind wir im Krieg oder auf Klassenfahrt?" - dieser Satz beschreibt die fragile Gefühlslage junger Menschen in Felix Krakaus Bürgerbühnen-Produktion "Die Jugend von Orleans" mit dem sperrig-gegenderten Untertitel "Eine Held*innenbeschwörung nach Schillers 'Jungfrau von Orleans'". Es geht um Aufruhr und Ratlosigkeit, verknüpft werden die Lebensrealitäten heutiger Jugendlicher mit historischen Mythen. Die Premiere war am Freitag im Kleinen Haus 1.
Traditionell sind die Klassiker-Überschreibungen der Bürgerbühne, gespielt von Dresdner Jugendlichen, nur sehr vage an ihre Vorlagen angelehnt. Es geht viel mehr um eine Untersuchung der Emotionen junger Menschen. Und bei dieser Tiefenbohrung wird allerhand zu Tage gefördert.
Natürlich steht die berühmte Johanna von Orleans im Hintergrund, die junge Frau, die im Hundertjährigen Krieg als 17-Jährige mit wehender Fahne französische Truppen gegen England anführte. Sie wurde als siegreiche Heldin gefeiert und dann - mit 19 Jahren - auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Taugt sie als Heldin?
Die zwölf Jugendlichen dieser Inszenierung sind zwischen 16 und 20 Jahren alt, entsprechen also der historischen Figur. Mit ihrem Furor wollen sie sich aber wenig identifizieren. Johannas Leben wird mit Hoffnungen, Zielen und Wünschen der Gegenwart abgeglichen - in einer Zeit, in der junge Leute mit Krisen, der noch nicht verarbeiteten Corona-Zeit, Kriegsängsten konfrontiert sind.
Trotzdem lasten hohe Erwartungen auf der jungen Generation. Wie dem begegnen? " Jede Johanna offenbart andere Wünsche. Im Chor heißt es: "Hausaufgaben, Liebeskummer, Klimakrise - alles Scheiße!" Will man heldenhaft sein, sich einsetzen? Nein! Man weiß ja noch einmal, wofür. Man schreit "Ich gegen die ganze Welt." Aber das sei keine Einbahnstraße: "Die Welt kann sich durchaus mal fragen, was sie für uns tun kann."
Krakau inszeniert das temporeich auf schräger Scheibe. Mal tanzen die Darsteller unter einem Kranz aus glühenden Neonröhren wie im Techno-Club, mal wird der Electro-Walzer "Joan of Arc (Maid of Orleans)" von OMD gesungen, die sonst so aufrührerische Alternative-Hymme "Where ist My Mind" von den Pixies kommt als melancholische Piano-Version daher - stimmiges Gefühls-Chaos.
Eine energiegeladene Inszenierung, fulminant gespielt, absolut sehenswert. Nächste Vorstellung: Donnerstag um 19.30 Uhr.
Harter Stoff!
Sollte man alle Männer eliminieren? Das forderte die US-Autorin Valerie Solanas, bevor sie 1968 auf den Pop-Art-Künstler Andy Warhol schoss. Ein Leben zwischen Missbrauch und Wahn entfaltet sich in "I Shot A Pop Star". Premiere war am Sonntag im Kleinen Haus 3.
Komplett lautet der Stücktitel so: "I Shot A Pop Star oder wie ich versuchte, das Manifest zur Vernichtung der Männer umzusetzen", zu sehen in einer Fassung von Sophie Scherer (Dramaturgie) und Monique Séjourné (Regie). Es ist harter Stoff!
Berüchtigt wurde Solanas durch ihr S.C.U.M.-Manifest, in dem sie Frauen aufforderte, das Geldsystem abzuschaffen, Regierungen zu stürzen und alle Männer zu töten. Das Stück versucht nicht, ihre Schriften zu legitimieren. Ihre triste Lebensgeschichte wird erzählt, geprägt vom sexuellen Missbrauch durch den Vater, später patriarchalisch gefühlter Gesellschaft. Die mit paranoider Schizophrenie diagnostizierte Autorin starb 1988 mit 52 Jahren.
Sarah Schmidt spielt Valerie eindringlich in ihrer typischen Ruppigkeit, Leonie Hämer brilliert als Alter Ego und Mutter, Thomas Eisen übernimmt weitere 12 (!) männliche Rollen. Im Knast wettert Schmidts Valerie: "Ich lass mich von den verschissenen Feministinnen nicht vereinnahmen", später werden ihre Aussagen von einem heutigen Song der Rapperin Ikkimel untermalt: "Ich mach mir nicht die Finger krumm für irgendeinen Stecher".
Das dreifach stark gespielte Stück fragt, wie radikal Feminismus sein kann. Es kommentiert nicht, überlässt die Interpretation dem Publikum. Besonders bei Männern muss das sacken.