Dresden - Schauspieler Alexander Scheer (49) wurde mit "Sonnenallee" zum Star, spielte seitdem viele Jahre an der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf und in etlichen TV- und Kino-Filmen. Erstaunlich oft verkörperte er dabei Rockstars. Gleichzeitig zieht es Scheer in Musikprojekten ans Mikrofon. Am Sonntag, 22. Februar, gastiert er mit Regisseur Andreas Dresen & Band und dem Programm "Fernseher aus, Sternschuppen an!" im Alten Schlachthof in Dresden. Seine derzeit am Berliner Ensemble gefeierte Revue "HEROES - Alexander Scheer singt David Bowie" wird am 30. Juni im Kulturpalast zu erleben sein. Ein Gespräch über Faszination und Leidenschaften.
TAG24: Herr Scheer, in Ihrer Vita finden sich verblüffend viele Bandprojekte, teilweise eher kurzlebig. Welchen Stellenwert hat Musik für Sie, der ja im Hauptberuf Schauspieler am Theater und beim Film ist?
Alexander Scheer: Einen großen Stellenwert. Ich wollte immer ein Popstar sein. Aber auch Filmstar. Durch den Erfolg meines ersten Films "Sonnenallee" war dann klar, wo die Reise hingeht. Aber Musik habe ich immer schon gemacht. Das bleibt. Musik brauche ich wie Luft zum Atmen.
TAG24: Während der Arbeiten für "Gundermann" ist offensichtlich eine enge Freundschaft zwischen Ihnen und Regisseur Andreas Dresen entstanden. War die Figur Gundermann und dessen Musik dafür ein besonderer Katalysator - über den Sie sich gefunden haben?
Alexander Scheer: Für unsere Arbeit war er essenziell. Wir haben beide Zugang zu Gundermann. Den musste ich allerdings erst finden. In den 90er-Jahren wollte ich ja erst mal West-Platten nachholen. Wichtig ist aber, dass man weiß, was man dreht. So entwickelte sich bei Andreas die Liebe zu Gundermanns Liedern schon in der Wendezeit, wohingegen mir erst später klar wurde, was für ein Sprachrohr Gundi für den Osten war.
TAG24: Das Projekt Scheer/Dresen-Band sollte ursprünglich eine Art Gimmick sein für die Premiere des Gundermann-Films. Wann und wie war Ihnen klar, dass Sie das darüber hinaus fortführen wollen?
Alexander Scheer: Nach der Premiere und während der Pressetour wollten wir im Anschluss an den Film nur ein paar seiner Songs spielen. Das Publikum forderte: Spielt mehr! Dem Wunsch sind wir nachgekommen. Dass wir das jetzt mehr als sechs Jahre so erfolgreich machen dürfen, hätten wir damals allerdings nicht gedacht.
Alexander Scheer: "Freue mich über starke Rollen, von denen ich lerne"
TAG24: Dresen ist zumeist der Ruhepol, Sie die Rampensau - so gewollt?
Alexander Scheer: Das ist nicht so gewollt. Wir können es gar nicht anders! Wenn man ehrlich ist, und das sollte man auf einer Bühne immer, sind wir einfach die, die wir sind.
TAG24: Unter anderem spielt Ex-Pankow-Gitarrist Jürgen Ehle mit. Ist dieses Bandprojekt auch eines mit ostdeutscher Identität?
Alexander Scheer: Nicht zwingend. Unser Drummer etwa kommt aus Charlottenburg. Unsere Identität ist nicht ideologisch. Wir sind Freunde und darauf kommt’s an. Die Gage teilen wir so auf: Jeder kriegt das Gleiche.
TAG24: Der Film "Sonnenallee", durch den Sie berühmt wurden, war tatsächlich für viele ostdeutsche Menschen identitätsstiftend, hat erstmals auch ein westdeutsches Publikum für das Leben in der DDR sensibilisiert. Ist das für Sie ein abgeschlossenes Kapitel?
Alexander Scheer: Wenn ich auf der Straße erkannt werde, hat "Gundermann" mittlerweile "Sonnenallee" den Rang abgelaufen. Aber "Sonnenallee" war der erste Film über den Osten. Es ging um unser Land und unser Leben. Das wollte übrigens niemand produzieren. Erst als wir einen Hit landeten, war das Thema auch für den Westen interessant. "Gundermann" war für mich seit Langem wieder eine stimmige Auseinandersetzung mit der DDR.
TAG24: Sie haben extrem oft historische Figuren gespielt. Gibt’s eine Erklärung, warum Sie dafür so oft gecastet werden?
Alexander Scheer: Ich kann mir viel vorstellen, vielleicht durch meine doppelte Sozialisierung in Ost und West. Ich bin auch ein guter Lügner, man kann mir fast alles glauben. Jedenfalls freue ich mich über starke Rollen, von denen ich lerne. Von jedem Film will ich was haben, was ich nicht vergesse.
TAG24: Unter diesen Figuren waren sehr viele Musiker, von Keith Richards über Blixa Bargeld bis David Bowie und dazwischen natürlich Gundermann. Sehr breites Spektrum: Wer steht Ihnen am nächsten?
Alexander Scheer: Fragen Sie eine Mutter, welches Kind sie am liebsten hat. Ich liebe sie alle! Aber: Ohne Gundermann kein Bowie! Angefangen hab ich ja mal als Schlagzeuger, aber das war mir zu weit hinten auf der Bühne. Durch "Gundermann" habe ich mich ans Mikro vorgemogelt. Freiwillig hätte ich’s wohl nie gewagt, erst Gundermann hat mich zum Sänger gemacht.
Alexander Scheer: "Es entsteht derzeit ein Drehbuch über einen anderen bedeutsamen deutschen Musiker"
TAG24: Bowie spielen Sie derzeit zum dritten Mal: erst "Lazarus" am Schauspiel Hamburg, dann in der Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", aktuell die Show "HEROES" am Berliner Ensemble. Was bedeutet Ihnen Bowie?
Alexander Scheer: Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. Damit kann ich was anfangen. Niemand in der Kunst hat das so ausgelebt wie Bowie. Er war erfolgreich, orientierte sich aber nie am Markt. Er ging oft Risiken ein, die sichere Bank war nie sein Ding. Übrigens war er eine Leseratte. Er brachte eine Liste seiner 100 Lieblingsbücher heraus. Christa Wolf steht auch drauf. Wir kombinieren seine Hits mit einigen dieser Texte.
TAG24: Über den Konzerten von Scheer und der Dresen-Band steht traditionell "sie spielen (nicht nur) Gundermann-Lieder". Was steht im Zentrum des neuen Programms "Fernseher aus, Sternschnuppen an"?
Alexander Scheer: Natürlich Gundermann. Es gibt so viele Lieder von ihm, wir spielen auf jeder Tour immer wieder neue und andere. Dazu kommen Songs von Pankow, Rio Reiser und auch Bowie. Jürgen Ehle hat zudem neue Musik auf hinterlassene Gundermann-Texte geschrieben.
TAG24: Seit "Gundermann" sind Sie Stammspieler in Andreas-Dresen-Filmen. Gibt es neue gemeinsame Pläne?
Alexander Scheer: Es entsteht derzeit ein Drehbuch über einen anderen bedeutsamen deutschen Musiker. Wir bleiben dem Thema also treu.