Nach Angriff vor Hamburger Synagoge: 200 Menschen setzen Zeichen der Solidarität

Hamburg - Nach der Attacke auf einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge (TAG24 berichtetet) versucht die Polizei, die Hintergründe der Tat aufzuklären. 

Polizisten stehen am abgesperrten Tatort vor der Synagoge.
Polizisten stehen am abgesperrten Tatort vor der Synagoge.  © dpa/Jonas Walzberg

Der Angreifer - ein Deutscher aus Berlin mit kasachischen Wurzeln - mache einen "extrem verwirrten Eindruck", sagte eine Polizeisprecherin am Sonntagabend. Es sei sehr schwierig, ihn zu vernehmen. 

Es sei unklar, woher der Mann die militärisch wirkende Kleidung habe, die er bei der Tat mit einem Klappspaten am Sonntagnachmittag trug. Die Ermittlungen dauerten an, auch der Staatsschutz wurde eingeschaltet.

Die Gemeinde wollte laut Polizei am Sonntag das Laubhüttenfest Sukkot feiern. Auch das 26 Jahre alte Opfer sei auf dem Weg dorthin gewesen und habe das Gelände gerade betreten wollen. Der 29 Jahre alte Tatverdächtige habe dort offensichtlich gewartet, sagte die Sprecherin. 

Zu den Motiven könne man noch keine definitiven Aussagen treffen. "Ob die beiden sich kennen, ob es vielleicht sogar noch einen privaten Hintergrund gegeben hat, das kann man nicht sagen."

Der 26-Jährige erlitt Kopfverletzungen, ist aber nicht lebensgefährlich verletzt. Er konnte sich den Angaben zufolge in Sicherheit bringen und wurde bis zum Eintreffen von Rettungskräften von Passanten erstversorgt. 

Beamte, die zum Schutz der Synagoge vor Ort waren und den Vorfall beobachteten, hätten den Angreifer festgenommen. Er hat laut Polizei seinen Wohnsitz in Berlin.

Außenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die Attacke scharf

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD).
Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD).  © dpa/AP/Pool EPA/Olivier Hoslet

"Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen", schrieb Maas am Sonntagabend auf Twitter. "Meine Gedanken sind bei dem Studenten, ich wünsche gute Genesung." 

Nach dpa-Informationen soll der Täter einen Zettel mit einem Hakenkreuz in seiner Hosentasche gehabt haben.

Sollte sich ein antisemitischer Hintergrund bestätigen, würde das dunkle Erinnerungen an den Anschlag auf das jüdische Gotteshaus in Halle vor fast einem Jahr wecken. "Die Frage ist, was haben wir nicht gelernt seit Halle?", sagte Landesrabbiner Shlomo Bistritzky von der Jüdischen Gemeinde Hamburg, der nach eigenen Angaben wenige Minuten nach der Tat eintraf. "Alle waren sehr, sehr schockiert."

Am 9. Oktober 2019 hatte der schwer bewaffnete Rechtsextremist Stephan Balliet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Die begingen dort zu dem Zeitpunkt den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Als ihm dies nicht gelang, erschoss er eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen 20 Jahre alten Gast. Auf seiner Flucht verletzte der Deutsche mehrere Menschen teils sehr schwer. Gegen ihn läuft am Oberlandesgericht Naumburg der Prozess.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) erklärte: "Ich bin bestürzt über den Angriff vor einer Synagoge in Hamburg." Die Polizei kläre nun die Hintergründe der Tat auf. "Ich wünsche dem Opfer viel Kraft und baldige Genesung. Hamburg steht fest an der Seite unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger."

Update, 5. Oktober, 10.46 Uhr: Weitere deutsche Politiker zeigten sich zutiefst erschüttert

Vizekanzler Olaf Scholz verurteilte bei Twitter den antisemitischen Angriff in Hamburg als "feigen und abscheulichen Anschlag".
Vizekanzler Olaf Scholz verurteilte bei Twitter den antisemitischen Angriff in Hamburg als "feigen und abscheulichen Anschlag".  © Kay Nietfeld/dpa

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) hat den Angriff auf den jüdischen Studenten vor einer Hamburger Synagoge scharf verurteilt. Es sei "ein feiger und abscheulicher Anschlag, der auch mich bestürzt", schrieb der Bundesfinanzminister und frühere Hamburger Bürgermeister am Montag bei Twitter.

Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat den Angriff als "widerliche Attacke" verurteilt. "Der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist eine Schande für unser Land", sagte sie am Montag laut Mitteilung in Berlin. 

Der Rechtsstaat müsse alles tun, um jüdisches Leben zu schützen. "Wir müssen uns der Hetze noch entschiedener entgegenstellen und stärker für die Betroffenen von Hass und Gewalt da sein". Dem Opfer wünschte sie baldige und vollständige Genesung, viel Kraft und "die Solidarität von uns allen".

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, verurteilte die Attacke ebenfalls scharf. "Dass ein Mann auf dem Weg zum Gebet in seiner Gemeinde Opfer eines brutalen Angriffs wird, hat mich zutiefst erschüttert", sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). 

"In diesen Tagen steht der Attentäter von Halle vor Gericht. Dieser erneute Anschlag an einem jüdischen Feiertag macht noch einmal deutlich, wie wichtig eine Debatte über den tief sitzenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, seine Hintergründe und die erforderlichen Gegenmaßnahmen ist".

Update, 5. Oktober, 11.05 Uhr: Zentralrat zu Hamburg: Hass auf Juden darf niemanden kalt lassen

Der Zentralrat der Juden mahnt angesichts des Angriffs vor einer Hamburger Synagoge zum Eintreten gegen Antisemitismus. "Die Situation, dass Juden in Deutschland vermehrt zur Zielscheibe von Hass werden, darf niemanden in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland kalt lassen", erklärte Präsident Josef Schuster am Montag in Berlin. "Wir erwarten von der gesamten Gesellschaft, dem Hass gegen Juden entschieden entgegenzutreten - im Sinne unserer Demokratie, unserer Freiheit und damit jüdisches Leben uneingeschränkt in Deutschland möglich ist."

Schuster dankte der Hamburger Polizei für ihr Eingreifen, forderte aber auch eine Prüfung, wie die Sicherungsmaßnahmen verbessert werden könnten. 

Zudem müsse Hamburg unabhängig von dem aktuellen Vorfall wie andere Bundesländer zuvor zügig einen Antisemitismusbeauftragten ernennen.

Update, 5. Oktober, 11.22 Uhr: Staatsschutz ermittelt nach Angriff

Nach dem Angriff haben Staatsschutz und Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Der 29 Jahre alte mutmaßliche Täter, der nach dem Angriff von Polizeibeamten überwältigt worden war, werde noch am Montag einem Haftrichter vorgeführt, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. 

Ein Termin stand zunächst nicht fest. Der Staatsschutz ermittelt bei politisch motivierten Taten.

Nach Angaben der Hamburger Innenbehörde werden jüdische Einrichtungen an Feiertagen besonders geschützt. So sei auch zum Laubhüttenfest die polizeiliche Präsenz vor der Synagoge verstärkt worden, sagte ein Sprecher. 

Update, 5. Oktober, 12.37 Uhr: Wohnung des mutmaßlichen Täters in Hamburg durchsucht

Noch in der Nacht nach dem Angriff hat die Polizei eine Wohnung in der Hansestadt durchsucht. 

Ersten Erkenntnissen zufolge hatte sich der 29 Jahre mutmaßliche Täter dort unangemeldet aufgehalten, sagte ein Polizeisprecher am Montag der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. In seiner Wohnung in Berlin lebe er seit 2019 nicht mehr.

In der Wohnung in Hamburg-Langenhorn hätten die Beamten zunächst keine weiteren offensichtlichen Hinweise auf einen Mittäter oder rechte Struktur oder Gesinnung gefunden. 

Sie haben mehrere Datenträger, vor allem zwei Laptops und USB-Sticks, sichergestellt. Die Auswertung dauere noch an. 

Aufgrund der Gesamtumstände gehen Polizei und Staatsanwaltschaft von einem antisemitisch motiviertem Angriff aus und werten den Angriff als versuchten Mord - mutmaßlich mit antisemitischen Hintergrund.

Update, 5. Oktober, 13.24 Uhr: Jüdische Gemeinde Hamburg: Angriff war "ein Terroranschlag"

Philipp Stricharz, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, gibt ein Interview.
Philipp Stricharz, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, gibt ein Interview.  © dpa/Jonas Walzberg

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Hamburg, Philipp Stricharz, hat den Angriff vor der Synagoge am Sonntag als "Terroranschlag" bezeichnet. 

"Terror deswegen, weil solche Taten die Leute verunsichern und sie zum Teil in Angst versetzen. Und zwar in die Angst, ob man wirklich ohne Verletzungen und Behelligungen unsere jüdischen Einrichtungen erreicht, um Feste zu feiern". 

Die Gemeinde sei fassungslos, dass trotz aller Maßnahmen vor der jüdischen Synagoge und seitens der jüdischen Gemeinde "jemand noch so nah an die Synagoge rankommt und eine solche Tat begeht".

Bei dem verletzten Studenten handelt es sich der jüdischen Gemeinde zufolge um einen Gast, der in Hamburg zu Besuch war. "Er hält sich tapfer und wacker. Aber es ist schon so, dass er schwer verletzt ist. Nicht lebensbedrohlich", sagte Stricharz weiter. 

Unmittelbar nach dem Angriff habe das Opfer gegenüber der Polizei ausgesagt, dass es den Täter noch nie zuvor gesehen habe, so ein Polizeisprecher dazu.

Der Gemeindevorsitzende plädierte dafür, dass Sicherheitssystem zum Schutz der Mitglieder zu verändern. 

"Rein operativ oder taktisch muss man sicherlich einiges hier ändern. So etwas darf nicht passieren. Es reicht offenbar nicht, eine massive Polizeipräsenz zu haben". Es gehe nun darum, wie genau die stattfindet.

Update, 5. Oktober, 13.40 Uhr: Hamburgs Innensenator Grote: Antisemitische Gefahr "allgegenwärtig"

Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Synagoge hat Hamburgs Innensenator Andy Grote hat die Bedrohung durch antisemitische Gewalttäter betont. "Auch dem Letzten, der geglaubt hat, im weltoffenen #Hamburg könne so etwas nicht passieren, muss jetzt klar sein, wie allgegenwärtig die Gefahr ist", twitterte der SPD-Politiker am Montag. 

Seine Solidarität gelte allen jüdischen Mitbürgern. 

Update, 5. Oktober, 15.14 Uhr: Katharina Fegebank: "Antisemitismus ist ein Thema, das alle betrifft"

Katharina Fegebank, zweite Bürgermeisterin von Hamburg, gibt ein Statement ab während Philipp Stricharz, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, und Shlomo Bistritzky, Landesrabbiner von Hamburg neben ihr stehen.
Katharina Fegebank, zweite Bürgermeisterin von Hamburg, gibt ein Statement ab während Philipp Stricharz, erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, und Shlomo Bistritzky, Landesrabbiner von Hamburg neben ihr stehen.  © Jonas Walzberg/dpa

Nach dem Angriff vor einer Synagoge hat Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, Katharina Fegebank (Grüne), der Jüdischen Gemeinde ihre Solidarität und Anteilnahme bekundet. 

"Wir sehen jetzt, dass die Gefahr allgegenwärtig ist und dass Antisemitismus ein Thema ist, das die gesamte Gesellschaft betrifft", sagte Fegebank am Montag. 

Sie traf sich danach mit Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und weiteren Vertretern der jüdischen Gemeinde in der Synagoge an der Hohen Weide.

Update, 5. Oktober, 15.24 Uhr: Regierungssprecher Seibert spricht von Schande

Mit Entsetzen hat die Bundesregierung auf den Angriff vor einer Synagoge in Hamburg reagiert. Es sei beschämend, wenn ein Bürger jüdischen Glaubens in Deutschland auf der Straße attackiert werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. 

Der Angriff sei widerwärtig, unabhängig davon in was für einem Zustand sich der Angreifer zum Zeitpunkt der Tat befunden habe. "In Deutschland ist jede solche Tat eine Schande", betonte Seibert.

Die Bundesregierung dankte den Polizisten, die schnell eingegriffen und den Täter festgenommen hatten. 

"Es ist klar, dass von einer antisemitischen Tat ausgegangen werden muss", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Update, 5. Oktober, 16.46 Uhr: Antisemitismus-Beauftragter: "Die Tat ist abscheulich"

Schleswig-Holsteins Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Peter Harry Carstensen (CDU), hat den Angriff vor der Synagoge in Hamburg als abscheuliche Tat bezeichnet. 

"Es ist nicht tolerierbar, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger auf offener Straße angegriffen werden", sagte der ehemalige Ministerpräsident am Montag. Es sei eine Schande, dass es erneut zu einem schweren antisemitischen Angriff an einem der hohen Feiertage gekommen sei.

Die Gesellschaft müsse klar Haltung gegen jede Form des Antisemitismus beziehen, verlangte Carstensen. "Juden müssen in Deutschland ohne Angst leben können. Dass dies aber leider keine Selbstverständlichkeit ist, wurde uns gestern wieder schmerzlich vor Augen geführt." 

Titelfoto: Jonas Walzberg/dpa

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