Ganz ohne Worte: Maskentheater bringt erstmals St. Pauli auf die Bühne
Hamburg - Masken, Magie und jede Menge St.-Pauli-Flair! Zum ersten Mal kommt die international bekannte Maskentheater-Company "Familie Flöz" auf die Reeperbahn. Im Gepäck: ihr neues Stück "Wunder", das eigens für und mit dem St. Pauli Theater entwickelt wurde und sich ganz ohne Worte dem Mythos des Hamburger Kiezes widmet. TAG24 hat vor der Premiere am Donnerstag (8. Oktober) mit Erfinder Hajo Schüler (55) gesprochen.
TAG24: Herr Schüler, wie entstand die Idee zu "Wunder" und welche Rolle spielte dabei das St. Pauli Theater?
Schüler: Die Idee lag bei uns tatsächlich schon länger in der Schublade. Irgendwann kam Uli Waller [Anm. d. Red.: Intendant] auf uns zu und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, ein Stück zu machen, das mit dem Ort St. Pauli zu tun hat.
Da fiel uns der Film "Das Wunder von Mailand" ein. Wir dachten sofort, dass er gut zu dieser Konstellation aus Hamburg und St. Pauli passen könnte. Und so ist die Idee für "Wunder" entstanden.
TAG24: Wie nähert man sich einem Stadtteil wie St. Pauli, wenn man selbst gar nicht von hier kommt?
Schüler: Da hatten wir zunächst schon ein bisschen Manschetten, weil niemand von uns aus Hamburg kommt. Aber unsere Arbeit funktioniert mit Masken und ist weit entfernt von Realismus. Das heißt, wir arbeiten stark mit Archetypen, also Figuren mit einem universellen Charakter.
Dennoch haben wir natürlich recherchiert und uns mit St. Pauli und seiner Beziehung zu Hamburg beschäftigt. Ansonsten haben wir nach Themen gesucht, die zwar für den Stadtteil stehen, etwa Gentrifizierung oder das Entertainment-Business, die aber gleichzeitig einen universellen Charakter haben und die es an vielen Orten gibt.
Schüler über die Masken: "Das verändert den Blick der Zuschauer sofort!"
TAG24: "Wunder" kommt komplett ohne Dialoge aus. Was macht Ihre Form des Theaters so besonders?
Schüler: Wir arbeiten mit Masken, ohne Sprache, das heißt, es gibt keinen Text. Stattdessen gibt es bei uns viel Musik und verschiedene Schichten von Geräuschen, Alltagsgeräusche sowie live erzeugte Sounds.
Sobald ein Schauspieler eine Maske aufsetzt, verschwindet sein Gesicht und damit das Persönlichste. Und das verändert den Blick der Zuschauer sofort: Wir gucken sofort auf den ganzen Körper, lesen diesen und verstehen so die Figur.
TAG24: Trotzdem hat man beim Zuschauen manchmal das Gefühl, die Masken würden lächeln oder ihren Ausdruck verändern.
Schüler: Genau das ist das Spannende! Eigentlich wissen wir, dass sich die Maske überhaupt nicht bewegt. Trotzdem sehen wir plötzlich eine Regung oder Veränderung. Der Zuschauer erzeugt diese Veränderung selbst und spielt dieses Spiel quasi mit: Man weiß, dass man derjenige ist, der Leben in die Maske bringt, und vergisst dadurch irgendwann, dass es überhaupt eine Maske ist.
TAG24: Was kann eine Maske, was ein menschliches Gesicht vielleicht nicht kann?
Schüler: Dadurch, dass das Gesicht und damit auch das Ego verschwinden, sehen wir viel stärker den Körper und damit das Innere einer Person. Das ist eine Fähigkeit, die Masken haben, dass sie die innere Welt des Menschen öffnen und dadurch eine ganz tiefe Verbindung zum Publikum schaffen. Wir suchen deshalb Situationen und Konflikte, die etwas Allgemeingültiges haben und an die Erfahrungen der Zuschauer anknüpfen.
"Wunder" im St. Pauli Theater: "Das ist kein Shakespeare oder Molière!"
TAG24: Was macht "Wunder" zu einem Stück, das man gesehen haben sollte?
Schüler: Wer noch nie Maskentheater gesehen hat, sollte auf jeden Fall einmal kommen und erleben, wie Masken lebendig werden. Wir machen Theater für ein sehr breites Publikum und haben viele Zuschauer, die sonst gar nicht zum typischen Theaterpublikum gehören.
Weil es keinen gesprochenen Text gibt, macht sich jeder seinen eigenen Text dazu. Dadurch ist das Stück sehr offen, für unterschiedliche Altersgruppen und soziale Hintergründe. Jeder schafft sich hier sein eigenes Theater.
TAG24: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Sie auch das nicht "typische Theaterpublikum" erreichen?
Schüler: Ich glaube, unsere Arbeit ist zunächst schwer zu beschreiben. Wenn man sie aber einmal gesehen hat, versteht man sie sofort. Es gibt nicht so viele Gruppen, die mit Masken arbeiten. Es ist eine besondere Form, die man nicht in jedem Theater findet. Das ist kein Shakespeare oder Molière, den man vielleicht schon hundertmal gesehen hat, sondern etwas, das man erst einmal neu entdecken muss.
"Wunder" von Familie Flöz ist vom 6. Oktober bis zum 1. November im St. Pauli Theater zu sehen. Tickets gibt es unter st-pauli-theater.de.
Titelfoto: Kerstin Schomburg

