Innovation in Hamburg: Pflanzenkohle soll den Klimaschutz vorantreiben

Hamburg – Anstatt Kohle zu verbrennen und dadurch Energie zu gewinnen, stellen Felix Ertl und Peik Stenlund durch den Verbrennungsprozess der Pyrolyse vielfältig nutzbare Pflanzenkohle und grüne Energie her. In Hamburg haben sie dafür die erste industrielle Produktionsstätte von Pflanzenkohle und erneuerbarer Energie in Betrieb genommen. Am Freitag haben die beiden Gründer von "Circular Carbon" Industriekoordinator Andreas Rieckhof (63, SPD) ihr Cleantech-Unternehmen vorgestellt. Der Fokus liegt vor allem darauf, industrielle Prozesse zu dekarbonisieren.

Head of Product Operations, Dirk Knaul (v.l.n.r.), führte mit den Gründern Peik Stenl und Felix Ertl durch die Anlage.
Head of Product Operations, Dirk Knaul (v.l.n.r.), führte mit den Gründern Peik Stenl und Felix Ertl durch die Anlage.  © Madita Eggers/TAG24

Auf das unglaubliche Potenzial von Pflanzenkohle sind die Gründer von "Circular Carbon", Felix Ertl und Peik Stenlund, per Zufall gestoßen. Eigentlich wollten die beiden heutigen Pioniere auf diesem Gebiet aus Reststoffen Strom erzeugen, der auch Maschinen antreiben kann. Dafür verbrannten sie beispielsweise Maisspindeln, um Maismühlen in Uganda anzutreiben.

Dabei entstand auch eine Menge Pflanzenkohle. "Ursprünglich hat man das als Brennstoff angedacht, bis dann Bananenstauden aus dem Haufen herausgeschossen sind, die besser gewachsen sind als in der Umgebung", sagte Felix Ertl im Gespräch mit TAG24.

Seit gut einem halben Jahr konzentrieren sich die beiden am Standort Hamburg auf die Pflanzenkohle-Gewinnung. Um diese effektiv zu betreiben, wird sehr viel Biomasse benötigt. Diese liefert aktuell eine benachbarte Kakaofabrik, die "Circular Carbon" mit den nicht benötigten Kakaobohnenschalen beliefert.

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Gleichzeitig nutzt die Fabrik den bei der Kohle-Produktion regenerativ erzeugten Dampf als Prozess-Dampf, wodurch bis zu Zweidrittel weniger Erdgas für die Kakao-Herstellung benötigt wird.

Hamburg ist eine Hochburg der Lebensmittelindustrie

Felix Ertl (v.l.n.r.), Industriekoordinator Andreas Rieckhof (63) und Peik Stenl im Pfanzenkohle-Lager von "Circular Carbon" in Hamburg.
Felix Ertl (v.l.n.r.), Industriekoordinator Andreas Rieckhof (63) und Peik Stenl im Pfanzenkohle-Lager von "Circular Carbon" in Hamburg.  © Madita Eggers/TAG24

"Im Idealfall sind es immer Standorte, wo eine Synergie geschaffen werden kann. Dass derjenige, der die Biomasse anliefert, auch gleichzeitig die Wärme abnehmen kann und will", so Ertl.

So starte bald auch ein Projekt im Hamburger Hafen: "Da fallen sehr viele Reststoffe an und wir haben dann wirklich Schiffszugang. Und die brauchen wiederum für die Entsalzung Energie." Eine Win-win-Situation.

Allgemein ist der Standort Hamburg aufgrund seiner hohen Verfügbarkeit an Biomasse sehr attraktiv für die Gründer. "Hamburg ist eine Hochburg der Lebensmittelindustrie und der Lebensmittelherstellung. Von den zehn größten Lebensmittelherstellern der Welt sind, glaube ich, sechs oder sieben auch in Hamburg niedergelassen, was wenig bekannt ist", sagte Industriekoordinator Andreas Rieckhof.

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"Deswegen wollen wir jetzt ein Food-Cluster gründen, zum einen um die Wurzeln der Unternehmen in Hamburg zu stärken und zum anderen Unternehmen wie Circular Carbon und die Prozesse der Dekarbonisierung zu stärken."

Eine Dekarbonisierungsleistung wie von 1,6 Millionen Bäumen

Die fertige Pflanzenkohle frisch aus der Produktion.
Die fertige Pflanzenkohle frisch aus der Produktion.  © Madita Eggers/TAG24

Die Dekarbonisierung ist das Hauptziel von Circular Carbon. "Wir haben innerhalb der letzten 100 bis 200 Jahre diesen Kohlenstoff, der über die Pflanzen über Millionen von Jahren in den Boden eingebracht wurde, durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern in die Atmosphäre verschoben", so Ertl. Dieser müsse jetzt wieder in die Erde.

Allein in einem Jahr bindet "Circular Carbon" durch seine Pflanzenkohle-Produktion 8500 Tonnen CO₂. Das sei eine Dekarbonisierungsleistung wie von 1,6 Millionen Bäumen.

"Wir haben hier eine CO₂-Minus-Fabrik: Wir entnehmen der Atmosphäre CO₂ und speichern es in einem 'mehrhaltigen Produkt', mit dem wir wieder neues CO₂ aus der Atmosphäre holen."

Pflanzenkohle ist vielfältig einsetzbar

Am Freitag gaben die Gründer von "Circular Carbon" einen Einblick in ihre Pflanzenkohle-Produktion.
Am Freitag gaben die Gründer von "Circular Carbon" einen Einblick in ihre Pflanzenkohle-Produktion.  © Madita Eggers/TAG24

Die Kohle kann aus zahlreichen organischen Reststoffen gewonnen werden. "Als Faustregel gilt: Was als Material verbrannt werden kann, können wir es auch verkohlen. Quasi wie ein Biomasse-Kraftwerk, nur der Vorteil bei der Pyrolyse ist, dass wir nicht mit hohen Temperaturen reingehen", erklärte Ertl.

"Die meisten Brennstoffe haben einen Ascheschmelzpunkt, daraus wird Glas, wenn man das verbrennt. Bei der Pyrolyse mit 700 oder 800 Grad bleiben wir unter diesen Punkt und können so Reststoffe verwenden, die man so gar nicht verfeuern kann, wie zum Beispiel Reishülsen und Dinkelspelzen."

Ein Prozess, der auch in naher Zukunft die Kompostierung, eine große Methan-Quelle mit Treibhauseffekt, ersetzen könnte. Grünschnitt aus der Stadt könnte zum Beispiel auch als Biomasse genutzt werden. Ebenso kann die Pflanzenkohle durch ihre hohe Wasserhaltefähigkeit eingesetzt werden, um Regenwasser zu filtern und zu speichern, anstatt es in die Kanalisation weiterzuleiten.

Und sie ist vielfältig in der Landwirtschaft einsetzbar: "Und zwar von der Kuh bis zum Boden und alles, was dazwischen ist: Stall-Einstreu, Güllebehandlung und Biogasanlage. Und überall hat die Pflanzenkohle einen katalytischen Effekt, arbeitet eng mit der Biologie zusammen, fördert mikrobielles Leben und verwandelt den Boden von einer Kohlenstoffquelle zu einer Kohlenstoffsenke", erklärte Ertl.

Laut Gründer Peik Stenlund ist das alles aber erst der Anfang, sie wollen mit ihrer Pflanzenkohle noch vieles erreichen und umsetzen. Und vor allem Unternehmen einen Service bieten, den es so weltweit noch nicht gebe.

Titelfoto: Madita Eggers/TAG24

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