Zeuge im Prozess über Magdeburg-Anschlag: "Was für eine bescheuerte Idee?"

Magdeburg - Weiter geht es im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Die Horror-Taten des Angeklagten rücken weiter in den Fokus.

Der Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt wird fortgesetzt.
Der Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt wird fortgesetzt.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Der 51-jährige Angeklagte Taleb A. steht wegen sechsmaligen Mordes und über 300-fachen versuchten Mordes vor Gericht. Ihm droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.

Grundlegende Informationen zu dem Attentat und dem langwierigen Gerichtsverfahren findet Ihr im Artikel "Eigenes Gerichtsgebäude gebaut: Mega-Prozess gegen Magdeburger Amokfahrer startet".

TAG24 ist wieder für Euch vor Ort und berichtet live.

11.40 Uhr: Prozess pausiert

Richter Dirk Sternberg kündigt eine einstündige Mittagspause bis 12.45 Uhr an.

Noch eine Zeugin wird nach der Unterbrechung erwartet.

11.32 Uhr: Augenzeuge leidet seit Anschlag unter Sprach- und Schlafstörungen

Als fünfter Zeuge des Tages schildert ein 57 Jahre alter Mann, dass er am 20. Dezember 2024 nach dem Feierabend spontan auf den Weihnachtsmarkt gefahren ist.

Er stand gerade am Grünkohlstand, als er von hinten Schreie hörte. "Es dauerte Bruchteile von Sekunden, bis ein schwarzes Auto an mir vorbeisemmelte", erklärt der Augenzeuge. Menschen seien durch die Luft geflogen und lagen über den Boden verteilt.

Der 57-Jährige flüchtete vom Weihnachtsmarkt. Er erinnert sich, auf dem Weg eine fremde Frau aufgefangen und an die Rettungskräfte übergeben zu haben.

Seine Heimfahrt habe Stunden gedauert. "Ich hab an jedem Parkplatz angehalten und musste Luft holen und habe mich gefragt 'Was war das jetzt?'", erklärt der Augenzeuge. "Realisiert hab ich es erst zu Hause und bin dort zusammengebrochen."

Körperlich verletzt wurde er nicht, durch die psychische Belastung habe sich seine Sprache und Gehör aber massiv verschlechtert und er musste im Krankenhaus betreut werden. Auch heute ist er noch traumatisch belastet und berufsunfähig.

Taleb A. ist aufgrund eines andauernden Durst- und Hungerstreiks abgemagert.
Taleb A. ist aufgrund eines andauernden Durst- und Hungerstreiks abgemagert.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

11.07 Uhr: Lehrerin hat noch heute mit psychischen Folgen zu kämpfen

Heute macht sich die Lehrerin Vorwürfe. "Hätte man noch mehr machen können, hätte man noch mehr helfen können?"

Zwar blieb die 37-Jährige unverletzt, doch mental hat sie noch heute mit dem Gesehenen zu kämpfen. Sie habe Angst vor Lichtern im Dunkeln oder auf sie zufahrende Autos, seit dem Anschlag ist sie sehr schreckhaft. "Da war eine Traurigkeit und Leere."

Als sie dann noch vom Tod einer Frau erfuhr, die an dem Abend in der gleichen Schlange stand wie sie, begab sich die Zeugin in psychiatrische Betreuung. Bis heute ist sie in Behandlung.

"Bei mir kamen die Tränen, wenn nur Weihnachten erwähnt wurde", so die 37-Jährige. Sie musste sich sogar zur Weihnachtszeit krankschreiben lassen, auch ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt war nicht möglich.

10.54 Uhr: Augenzeugin "war sofort klar, dass es ein Anschlag war"

Jetzt sagt eine 37-jährige Lehrerin aus Magdeburg aus. Sie war am Anschlagsabend traditionell zur Weihnachtsfeier mit ihrer Volleyball-Gruppe auf dem Markt.

Die Gruppe teilte sich schließlich, um zu unterschiedlichen Ständen zu gehen. "Ich habe nur die schwarze Front [des Autos] mit den hellen Lichtern wahrgenommen", weiß die 37-Jährige, sie könne sich aber nicht an Geräusche oder andere Eindrücke erinnern.

"Ich habe die Menschen nach links und rechts fliegen sehen", schildert die Lehrerin vor Gericht. "Mir war sofort klar, dass der sich nicht verfahren hat, sondern dass es ein Anschlag war."

Alle außer einer Person in ihrem Team blieben glücklicherweise unverletzt. Eine Freundin der Zeugin zog sich eine Verletzung am Fuß zu.

Dem Angeklagten droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.
Dem Angeklagten droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

10.39 Uhr - Verletzter wütend auf Taleb A.: "Wie kann man auf so eine bescheuerte Idee kommen?"

Der Geschädigte erlitt eine Thoraxprellung und ein gebrochenes Schlüsselbein, seine Lebensgefährtin eine Hirnblutung, eine taube Gesichtshälfte und einen Beckenbruch. "Es war monatelang nur Klinikaufenthalt."

Zum Ende seiner höchst emotionalen Aussage zeigt sich der 38-Jährige stinksauer auf den Angeklagten. "Wie kann man sowas machen? Wie kann man auf so eine bescheuerte Idee kommen? Was soll das?", echauffiert er sich vor Gericht.

Das Paar und alle Angehörigen leiden noch heute massiv unter den Folgen, auch psychisch. "Man hat Angst, in größere Menschenmengen zu gehen, man dreht sich ständig um", erklärt er.

10.32 Uhr: Augenzeuge suchte auf Weihnachtsmarkt panisch nach Partnerin

Ein 38-jähriger Feuerwehrmann war am Anschlagsabend mit seiner Lebensgefährtin auf dem Weihnachtsmarkt, als die Todesfahrt von Taleb A. begann.

Das Paar hatte sich gerade etwas zu essen geholt, als sie ein lautes Geräusch hörten. "In dem Moment zu schalten, zu reagieren, da war es schon zu spät", erklärt der Geschädigte, "ich wurde umgerissen und wurde zweimal überrollt, einmal vom Vorderrad, einmal vom Hinterrad."

Der 38-Jährige bricht in Tränen aus, als er sich erinnert, wie er panisch nach seiner Partnerin gesucht hat.

10.22 Uhr: Vater ist "froh, dass meine Familie überlebt hat"

Das jüngste Kind, das einige Prellungen erlitt, hat sowohl mental als auch körperlich den Vorfall "am besten weggesteckt". Die Frau des 45-Jährigen erlitt einen Wadenbruch und hat weiterhin mit dem Anschlag zu kämpfen, ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt ist für die ganze Familie nicht möglich.

Zum Ende seiner Aussage wendet sich der Zeuge an Taleb A. "Bis zum Prozessbeginn habe ich keinen Gedanken an [den Angeklagten] verschwendet", erklärt er und spricht von den "sehr niederen Beweggründen" für diese Tat.

"Ich bin sehr froh, dass meine Familie überlebt hat", erklärt der Betroffene unter Tränen.

Der Angeklagte ist auch am Dienstag wieder vor Ort und verfolgt die Zeugenaussagen.
Der Angeklagte ist auch am Dienstag wieder vor Ort und verfolgt die Zeugenaussagen.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

10.15 Uhr: Jugendliche "wurde von ihrem Freundeskreis aufgefangen"

Der Zeuge erläutert, dass seine Frau noch vor Ort versorgt wurde, bevor sie abtransportiert werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt war seine jugendliche Tochter bereits im Krankenhaus.

Viele Nächte verbrachte der 45-Jährige auf der Intensivstation am Krankenbett seiner Frau und seiner 13-jährigen Tochter. "Sie lag da vollgepumpt mit Medikamenten und Flüssigkeiten, sie war nicht mehr so, wie ich sie kannte". Geschlafen habe der zweifache Vater in der Zeit kaum.

Kurz nach Weihnachten wurde die Frau des Zeugen entlassen und seine Tochter auf die Kinderstation verlegt. "Sie wurde von ihrem Freundeskreis komplett aufgefangen" erinnert sich der Mann mit einem Lächeln und meint, es war der Familie "fast peinlich" wie viele Kinder auf der Station waren. "Wir haben viel geblödelt und haben das Beste aus der Zeit gemacht."

10.06 Uhr: Familienvater trug Ehefrau aus der Gefahrenzone

Als zweiter Zeuge am Dienstag sagt auch der Vater der Jugendlichen vor Gericht aus. Der 45 Jahre alte Mann erinnert sich, wie er gerade auf dem Heimweg von der Arbeit war, als er einen Anruf erhielt.

Eine Ersthelferin hatte ihn mit dem Handy seiner Frau angerufen und aufgefordert, zum Magdeburger Weihnachtsmarkt zu kommen. Im Hintergrund des Telefonats habe er seine Frau "nach den Kindern schreien gehört", erinnert er sich.

"Die Fahrt nach Magdeburg - weinen, beten, was man so macht - war intensiv", schildert der 45-Jährige. Die Eltern des Familienvaters trafen zeitgleich mit ihm ein. Er fand seine Frau und seine siebenjährige Tochter. Der Zeuge ringt mit den Tränen als er erklärt, dass er seine Frau aus der Gefahrenzone getragen hat.

9.56 Uhr: Jugendliche musste neu laufen lernen

Ihr Becken und ein Oberschenkel wurden durch den Zusammenprall gebrochen. Die 13-Jährige musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen und ganz neu laufen lernen. Viele Monate war sie in psychiatrischer Betreuung.

Auch heute hat die Teenagerin noch mit den Folgen zu kämpfen. Früher hat sie gerne geturnt und hatte Spaß im Schulsport, das klappt heute nicht mehr. "Weil ich da so viele Schmerzen bekomme", erklärt sie, besonders, wenn sie länger gehen oder stehen muss.

Eine weitere Operation steht der Jugendlichen noch bevor.

Sechs Zeugen sagen am Dienstag vor Gericht aus.
Sechs Zeugen sagen am Dienstag vor Gericht aus.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

9.50 Uhr: Junge Zeugin wurde vom Auto mitgeschleift

Die erste von sechs Zeugen, die heute aussagen möchte, schildert nun ihre Erinnerungen an den Anschlagsabend. Die 13-jährige Schülerin wird im Zeugenstand von ihrem Vater und Rechtsanwalt von Rüden unterstützt.

Die Teenagerin berichtet, dass sie am 20. Dezember mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und einer Freundin auf dem Weihnachtsmarkt Riesenrad fahren wollte. Die 13-Jährige hielt sich mit der Gruppe an einem Langos-Stand auf.

"Ich hab zur Seite geguckt, nur noch ein Licht gesehen und dann war ich unterm Auto und wurde mitgeschleift", erinnert sich die Schülerin.

In einer Kurve wurde sie unter dem Auto herausgeschleudert. Einige Passanten eilten ihr sofort zu Hilfe. "Ich hatte echt dolle Schmerzen", schildert die Geschädigte. Ihr wurde zunächst eine Infusion gelegt, bevor sie in ein Krankenhaus gebracht werden konnte.

Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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