Prozess gegen Magdeburger Todesfahrer: "Man hat Knochen knacken gehört"

Magdeburg - Am Dienstag stand der neunte Verhandlungstag im Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt an. Seine Tat rückte weiter in den Fokus.

Der Prozess um Magdeburg-Todesfahrer Taleb A. (51) wird fortgesetzt.
Der Prozess um Magdeburg-Todesfahrer Taleb A. (51) wird fortgesetzt.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Am neunten Prozesstag standen insgesamt acht Augenzeugen und Betroffene vor Gericht. Sie schilderten ihre Erlebnisse und Beobachtungen vom Anschlagsabend.

Besonders emotional war die fast 50-minütige Aussage einer Geschädigten, deren Mutter beim Anschlag getötet wurde.

TAG24 war vor Ort und berichtete live. In diesem Artikel könnt Ihr die Verhandlung komplett nachlesen.

15.24 Uhr: Prozess beendet

Richter Dirk Sternberg entlässt die letzte Zeugin des Sitzungstages und unterbricht den Prozess.

Er wird am Mittwoch um 9.30 Uhr fortgesetzt.

15.18 Uhr: Kinder der Zeugin leiden unter Panikattacken

Die zweifache Mutter und ihr Mann suchten Zuflucht. Die Kinder im Alter von sieben und elf Jahren waren verängstigt und schrien, schildert die 39-Jährige.

"Da war Angst, Furcht und Hilflosigkeit, das ist schrecklich für eine Mutter", erläutert sie weinend, "als Mutter möchte man seine Kinder vor furchtbaren Situationen bewahren. Sie mussten Dinge sehen und Dinge hören, die ihr Leben für immer verändert haben."

Vertrauen, Leichtigkeit und die Besinnlichkeit der Weihnachtstage ist verloren gegangen. Die zwei Mädchen wurden schwer mental geschädigt und leiden unter Panikattacken. Die Kinder sowie die Augenzeugin sind seitdem in psychologischer Behandlung.

Der Angeklagte Taleb A. sitzt während der Verhandlung in einem Sicherheitskasten.
Der Angeklagte Taleb A. sitzt während der Verhandlung in einem Sicherheitskasten.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

15.03 Uhr: Zeugin hat Taleb A. am Tatabend erkannt

Eine 39-jährige Brandenburgerin sagt am Dienstag nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, Eltern und ihren Ehemann aus, betont sie im Zeugenstand. Am Anschlagsabend war sie gemeinsam mit den fünf Angehörigen vor Ort.

Sie erinnert sich, wie beeindruckt die Familie von der Schönheit des Budenzaubers gewesen war. Die Gruppe hielt sich in der Nähe des Rathauses auf, als sie ein lautes Poltern und schreiende Menschen hörten, erinnert sich die Zeugin.

"Ich drehte mich um und sah wie dieses schwarze Auto Menschen zur Seite schob", erklärt sie unter Tränen, "mir ist sofort bewusst gewesen, dass es ein Anschlag war." Sie zog ihre Tochter aus dem Weg.

Die 39-Jährige beschreibt, wie sah, dass der Angeklagte Taleb A. starr und regungslos nach vorne geblickt hatte. Das Tatauto sah aus, als würde es "Müllsäcke" hinter sich herziehen. "Aber es waren keine Müllsäcke, es waren Menschen."

14.39 Uhr: Augenzeugin agierte als Ersthelferin

Die Augenzeugin half am Anschlagsabend vielen verletzten Personen, erläutert sie.

"Wir sehen ja viel auf Arbeit, aber das dort war verheerend", schildert die Frau, "wenn man sich umguckte ist man schon über den nächsten gestolpert."

Sie erklärt, dass es "ewig" gedauert habe, bis Hilfsmittel vor Ort ankamen. Als die Weihnachtsmarktbuden geschlossen wurden, fiel für die Ersthelfer auch die Lichtquelle weg.

Nachdem das Schlimmste vorüber war, ging die Gruppe dann nach Hause. Bis heute ist die 58-Jährige in psychologischer Betreuung.

14.28 Uhr: Zeugin schildert schockierende Details

Eine 58-jährige Zeugin erläutert jetzt vor Gericht, dass sie gemeinsam mit Arbeitskollegen am 20. Dezember den Weihnachtsmarkt besuchte.

"Wir hörten ein Geräusch, was ich nicht einordnen konnte", erläutert die Augenzeugin. Sie beobachtete das Auto, das links an ihrer Gruppe vorbeifuhr.

"Da lagen so viele Menschen davor, die schob er mit sich", erinnert sie sich, "dann fuhr das Auto wie auf einer Buckelpiste über die Menschen, man hörte die Knochen knacken." Die Räder hatten demnach keinen Kontakt mehr zum Boden, schildert die 58-Jährige die schockierenden Details.

Da sie und ihre Kollegen medizinisches Fachpersonal sind und alle unverletzt waren, sorgten sie sich um die Betroffenen.

Der Angeklagte wird immer wieder von Richter Sternberg ermahnt.
Der Angeklagte wird immer wieder von Richter Sternberg ermahnt.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

14.18 Uhr: Verletzte nach Anschlag noch immer eingeschränkt

Die nächste Augenzeugin, eine 33-jährige Lehrerin, war am Anschlagsabend mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt.

Sie hielt sich mit einer Freundin an einer Bude auf. "Ich sah einfach nur große Lichter in der Dunkelheit", erinnert sich die junge Frau. Sie versuchte noch wegzuspringen, war aber bereits am Fuß vom Todeswagen erwischt worden. Im Anschluss war ihre Achillessehne geschwollen und ihr Fuß geprellt.

Bis heute leidet die 33-Jährige unter Einschränkungen: Sie konnte nicht vollumfänglich als Sportlehrerin unterrichten, auch im Volleyball-Verein und als Kurstrainerin war sie nicht mehr tätig. Bis heute ist sie in physiotherapeutischer Behandlung, auch mental leidet sie bis heute.

14.09 Uhr: Richter ermahnt Angeklagten

Der Angeklagte Taleb A. will nach der Entlassung der Zeugin eine Erklärung abgeben. Richter Sternberg unterbindet dies.

Er ermahnt den 51-Jährigen, mit Hinblick auf die Zeugen seine Fragen und ausschweifenden Erläuterungen zu unterlassen.

13.55 Uhr: Zeugin hat dauernd Angst, verletzt zu werden

Der Ernst der Situation wurde der Zeugin erst später bewusst. Sie war zunächst regulär arbeiten und hat mit ihrer Familie Weihnachten gefeiert.

Nachdem sie eines Tages bitterlich weinen musste und der Boden unter gewankt hatte, wendete sie sich schließlich an die Opferhilfe, schildert die 48-Jährige. "Selbst das Aufflattern von Tauben hat mich erschreckt."

"Männer mit entsprechendem Aussehen und dunkle Autos" seien seitdem eine Herausforderung, sie habe stetig Angst, verletzt zu werden. Auch mit großen Menschenmengen kann sie nicht mehr umgehen. "Da ist nichts außer eine unglaubliche Leere, Ohnmacht und Trauer."

Dank psychologischer Betreuung kann sie die Flashbacks zu dem Abend inzwischen kontrollieren. "Was bleibt ist ganz viel Scham, dass ich nicht helfen konnte", erklärt die Niedersächsin weinend, "ich konnte nicht entscheiden, was da passiert ist, aber ich kann entscheiden jetzt auszusagen. Wenigstens das."

Mit ihrem Auftreten vor Gericht möchte sie außerdem andere Zeugen ermutigen, ebenfalls auszusagen.

Die Zeugen sitzen nur wenige Meter vom Angeklagten Taleb A. entfernt.
Die Zeugen sitzen nur wenige Meter vom Angeklagten Taleb A. entfernt.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

13.44 Uhr: Augenzeugin schildert Beobachtungen am Anschlagsabend

Die nächste Betroffene, eine 48 Jahre alte Niedersächsin, war am Anschlagsabend mit ehemaligen Klassenkameraden auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt.

Sie erinnert sich, dass sie zwischen mehreren Stehtischen standen. Dann sahen sie, wie der Todeswagen an ihnen vorbeifuhr. "Es klang, als würde man mit Fäusten auf Pappkartons schlagen. Aber ich habe gemerkt, es sind Menschen", erklärt sie unter Tränen.

Sie wurde in der Hektik gegen die Weihnachtsmarktbude gedrückt. Die 48-Jährige erinnert sich, dass sie einer verletzten Frau helfen wollte. "Aber ich konnte nicht, ich konnte mich nicht bewegen."

Ihre Klassenkameraden und sie wurden glücklicherweise nicht verletzt und konnten vom Tatort flüchten. "Es lagen überall an der Seite Menschen, ich wollte nicht hingucken. Es war wie im Traum", heißt es.

13.35 Uhr: Prozess wird fortgesetzt

Nach einer 45-minütigen Pause wird der Prozess jetzt fortgesetzt.

Auch für die zweite Tageshälfte werden noch einige Betroffene und Angehörige erwartet.

Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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