Prozess gegen Magdeburger Todesfahrer: "Man hat Knochen knacken gehört"
Magdeburg - Am Dienstag stand der neunte Verhandlungstag im Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt an. Seine Tat rückte weiter in den Fokus.
Am neunten Prozesstag standen insgesamt acht Augenzeugen und Betroffene vor Gericht. Sie schilderten ihre Erlebnisse und Beobachtungen vom Anschlagsabend.
Besonders emotional war die fast 50-minütige Aussage einer Geschädigten, deren Mutter beim Anschlag getötet wurde.
TAG24 war vor Ort und berichtete live. In diesem Artikel könnt Ihr die Verhandlung komplett nachlesen.
15.24 Uhr: Prozess beendet
Richter Dirk Sternberg entlässt die letzte Zeugin des Sitzungstages und unterbricht den Prozess.
Er wird am Mittwoch um 9.30 Uhr fortgesetzt.
15.18 Uhr: Kinder der Zeugin leiden unter Panikattacken
Die zweifache Mutter und ihr Mann suchten Zuflucht. Die Kinder im Alter von sieben und elf Jahren waren verängstigt und schrien, schildert die 39-Jährige.
"Da war Angst, Furcht und Hilflosigkeit, das ist schrecklich für eine Mutter", erläutert sie weinend, "als Mutter möchte man seine Kinder vor furchtbaren Situationen bewahren. Sie mussten Dinge sehen und Dinge hören, die ihr Leben für immer verändert haben."
Vertrauen, Leichtigkeit und die Besinnlichkeit der Weihnachtstage ist verloren gegangen. Die zwei Mädchen wurden schwer mental geschädigt und leiden unter Panikattacken. Die Kinder sowie die Augenzeugin sind seitdem in psychologischer Behandlung.
15.03 Uhr: Zeugin hat Taleb A. am Tatabend erkannt
Eine 39-jährige Brandenburgerin sagt am Dienstag nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, Eltern und ihren Ehemann aus, betont sie im Zeugenstand. Am Anschlagsabend war sie gemeinsam mit den fünf Angehörigen vor Ort.
Sie erinnert sich, wie beeindruckt die Familie von der Schönheit des Budenzaubers gewesen war. Die Gruppe hielt sich in der Nähe des Rathauses auf, als sie ein lautes Poltern und schreiende Menschen hörten, erinnert sich die Zeugin.
"Ich drehte mich um und sah wie dieses schwarze Auto Menschen zur Seite schob", erklärt sie unter Tränen, "mir ist sofort bewusst gewesen, dass es ein Anschlag war." Sie zog ihre Tochter aus dem Weg.
Die 39-Jährige beschreibt, wie sah, dass der Angeklagte Taleb A. starr und regungslos nach vorne geblickt hatte. Das Tatauto sah aus, als würde es "Müllsäcke" hinter sich herziehen. "Aber es waren keine Müllsäcke, es waren Menschen."
14.39 Uhr: Augenzeugin agierte als Ersthelferin
Die Augenzeugin half am Anschlagsabend vielen verletzten Personen, erläutert sie.
"Wir sehen ja viel auf Arbeit, aber das dort war verheerend", schildert die Frau, "wenn man sich umguckte ist man schon über den nächsten gestolpert."
Sie erklärt, dass es "ewig" gedauert habe, bis Hilfsmittel vor Ort ankamen. Als die Weihnachtsmarktbuden geschlossen wurden, fiel für die Ersthelfer auch die Lichtquelle weg.
Nachdem das Schlimmste vorüber war, ging die Gruppe dann nach Hause. Bis heute ist die 58-Jährige in psychologischer Betreuung.
14.28 Uhr: Zeugin schildert schockierende Details
Eine 58-jährige Zeugin erläutert jetzt vor Gericht, dass sie gemeinsam mit Arbeitskollegen am 20. Dezember den Weihnachtsmarkt besuchte.
"Wir hörten ein Geräusch, was ich nicht einordnen konnte", erläutert die Augenzeugin. Sie beobachtete das Auto, das links an ihrer Gruppe vorbeifuhr.
"Da lagen so viele Menschen davor, die schob er mit sich", erinnert sie sich, "dann fuhr das Auto wie auf einer Buckelpiste über die Menschen, man hörte die Knochen knacken." Die Räder hatten demnach keinen Kontakt mehr zum Boden, schildert die 58-Jährige die schockierenden Details.
Da sie und ihre Kollegen medizinisches Fachpersonal sind und alle unverletzt waren, sorgten sie sich um die Betroffenen.
14.18 Uhr: Verletzte nach Anschlag noch immer eingeschränkt
Die nächste Augenzeugin, eine 33-jährige Lehrerin, war am Anschlagsabend mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt.
Sie hielt sich mit einer Freundin an einer Bude auf. "Ich sah einfach nur große Lichter in der Dunkelheit", erinnert sich die junge Frau. Sie versuchte noch wegzuspringen, war aber bereits am Fuß vom Todeswagen erwischt worden. Im Anschluss war ihre Achillessehne geschwollen und ihr Fuß geprellt.
Bis heute leidet die 33-Jährige unter Einschränkungen: Sie konnte nicht vollumfänglich als Sportlehrerin unterrichten, auch im Volleyball-Verein und als Kurstrainerin war sie nicht mehr tätig. Bis heute ist sie in physiotherapeutischer Behandlung, auch mental leidet sie bis heute.
14.09 Uhr: Richter ermahnt Angeklagten
Der Angeklagte Taleb A. will nach der Entlassung der Zeugin eine Erklärung abgeben. Richter Sternberg unterbindet dies.
Er ermahnt den 51-Jährigen, mit Hinblick auf die Zeugen seine Fragen und ausschweifenden Erläuterungen zu unterlassen.
13.55 Uhr: Zeugin hat dauernd Angst, verletzt zu werden
Der Ernst der Situation wurde der Zeugin erst später bewusst. Sie war zunächst regulär arbeiten und hat mit ihrer Familie Weihnachten gefeiert.
Nachdem sie eines Tages bitterlich weinen musste und der Boden unter gewankt hatte, wendete sie sich schließlich an die Opferhilfe, schildert die 48-Jährige. "Selbst das Aufflattern von Tauben hat mich erschreckt."
"Männer mit entsprechendem Aussehen und dunkle Autos" seien seitdem eine Herausforderung, sie habe stetig Angst, verletzt zu werden. Auch mit großen Menschenmengen kann sie nicht mehr umgehen. "Da ist nichts außer eine unglaubliche Leere, Ohnmacht und Trauer."
Dank psychologischer Betreuung kann sie die Flashbacks zu dem Abend inzwischen kontrollieren. "Was bleibt ist ganz viel Scham, dass ich nicht helfen konnte", erklärt die Niedersächsin weinend, "ich konnte nicht entscheiden, was da passiert ist, aber ich kann entscheiden jetzt auszusagen. Wenigstens das."
Mit ihrem Auftreten vor Gericht möchte sie außerdem andere Zeugen ermutigen, ebenfalls auszusagen.
13.44 Uhr: Augenzeugin schildert Beobachtungen am Anschlagsabend
Die nächste Betroffene, eine 48 Jahre alte Niedersächsin, war am Anschlagsabend mit ehemaligen Klassenkameraden auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt.
Sie erinnert sich, dass sie zwischen mehreren Stehtischen standen. Dann sahen sie, wie der Todeswagen an ihnen vorbeifuhr. "Es klang, als würde man mit Fäusten auf Pappkartons schlagen. Aber ich habe gemerkt, es sind Menschen", erklärt sie unter Tränen.
Sie wurde in der Hektik gegen die Weihnachtsmarktbude gedrückt. Die 48-Jährige erinnert sich, dass sie einer verletzten Frau helfen wollte. "Aber ich konnte nicht, ich konnte mich nicht bewegen."
Ihre Klassenkameraden und sie wurden glücklicherweise nicht verletzt und konnten vom Tatort flüchten. "Es lagen überall an der Seite Menschen, ich wollte nicht hingucken. Es war wie im Traum", heißt es.
13.35 Uhr: Prozess wird fortgesetzt
Nach einer 45-minütigen Pause wird der Prozess jetzt fortgesetzt.
Auch für die zweite Tageshälfte werden noch einige Betroffene und Angehörige erwartet.
12.45 Uhr: Prozess pausiert
Richter Sternberg wünscht der Geschädigten viel Kraft und bedankt sich für die Aussage. Der Prozess wird für die Mittagspause unterbrochen.
Der Verhandlungstag wird um 13.30 Uhr fortgesetzt.
12.40 Uhr - Betroffene: "Dieser Abend bestimmt mein ganzes Leben"
Die Familie leidet bis heute. Die beiden Töchter können den Schulweg nicht alleine meistern. Auch mit Freunden treffen, Straßenbahn fahren oder shoppen ist nicht möglich. Das jüngere Mädchen möchte nicht einmal mehr Weihnachten feiern.
"Es gibt keine Nacht, die wir durchschlafen", schildert die Zeugin. Seit dem Anschlagsabend hat sie keinen Appetit mehr und hat über 15 Kilogramm abgenommen.
"Ich wünschte, ich könnte an was anderes denken, aber dieser Abend bestimmt mein ganzes Leben", heißt es, "ich gehe weder auf Feste und Feiern, noch treffe ich mich mit Freunden oder gehe tanzen." Viele Freundschaften seien dadurch zerbrochen.
Auf die Rückfrage, weswegen sie heute aussagt, erklärt die 40-Jährige: "Als ich die ersten Tage erlebt hab, wie viel der Täter hier zu Wort kommt, hab ich gedacht 'so darf es nicht sein'. Ich finde es wichtig, dass auch die Opfer zu Wort kommen."
12.27 Uhr: Verletzte hat sich nach Anschlag "zu Hause versteckt"
Am Ende ihrer knapp 45-minütigen, höchst emotionalen Aussage schildert die gelernte Erzieherin, dass ihre 11- und 14-jährigen Kinder große Probleme hatten, wieder zur Schule zu gehen.
"Meine Kinder hatten wahnsinnige Angst um mich. Sie dachten an dem Abend wo sie mich gesehen haben, dass sie ihre Mama verlieren würden", heißt es. Die Familie hatte große Angst, überhaupt das Haus zu verlassen.
"Ich habe mich zu Hause versteckt", gibt die Geschädigte zu, "jeden Tag zum Friedhof, Kinder von der Schule abholen, mehr gab es nicht."
Bis heute können die Betroffenen nicht mit großen Menschenmengen oder lauten Geräuschen umgehen und sprechen nur wenig über den Abend. Das ältere Mädchen wurde an der Schulter verletzt und ist weiterhin in Reha. Die 40-jährige Geschädigte litt unter gestauchten Rippen sowie einer Beckenprellung. Die gesamte Familie ist derzeit in psychologischer Betreuung.
12.08 Uhr: Zeugin erfuhr erst nach Tagen vom Tod ihrer Mutter
Auf dem Heimweg aus dem Krankenhaus einen Tag später erfuhr die Geschädigte, was am Vorabend passiert war.
Ihre schwer verletzte Mutter habe demnach laut geschrien und wurde in ein Versorgungszelt gebracht. Die Schwester der Zeugin habe einen Helfer den Satz sagen hören: "Es gibt keine Kapazität für Reanimation."
Lange Zeit war die Familie auf der Suche nach ihrer Mutter. Sie gingen alle davon aus, dass ihr geholfen werden konnte, schildert die 40-Jährige vor Gericht. Auch die eingerichteten Hotlines konnten den Betroffenen nicht weiterhelfen. Sie schalteten sogar eine Vermisstenanzeige.
Erst am Montag - drei Tage nach dem Anschlag - erfuhr die Geschädigte, dass ihre Mutter getötet worden war. "Es stand nie jemand vor der Tür, der uns das gesagt hat. Das ist bis heute nicht passiert."
11.48 Uhr: Geschädigte erinnert sich an die letzten Worte an ihre getötete Mutter
Die Verletzte erklärt, wie ihr erster Instinkt war, nach ihrer Familie zu suchen. Die Kinder und Schwester der 40-Jährigen waren unversehrt, ihre Mutter lag jedoch schwer verletzt auf dem Boden.
"Ich hab gemerkt, dass sie ganz, ganz schlecht Luft bekommt", erinnert sich die 40-jährige Geschädigte unter Tränen, "ich hab gesagt 'Mutti du musst schön weiteratmen'. Das war das Letzte, was ich jemals zu ihr gesagt hab."
Sie erinnert sich, dass ihre eigenen Schmerzen erst später einsetzten. "Meine Hose war voll Blut, meine Hände waren voll Blut, mein Brustkorb und mein Becken tat weh", schildert die zweifache Mutter.
11.43 Uhr: Erziehern wurde gegen Weihnachtsmarktbude geschleudert
Eine 40-jährige Erzieherin sagt als dritte Geschädigte des Tages aus. Schon zu Beginn ringt die Betroffene mit den Tränen.
Sie war mit ihrer Mutter, Schwester und drei Kindern am 20. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Einige Stunden verlebte die Gruppe eine schöne Zeit im Budenzauber, schildert die 40-Jährige ausführlich. Die Geschädigte trennte sich von der Gruppe, um in der Sparkasse Bargeld abzuheben.
Auf dem Weg dorthin durch die Menschenmenge wurde sie von dem Todesauto erfasst. "Ich bin durch die Luft geflogen und weiß noch, dass ich gegen so eine Weihnachtsmarktbude geschleudert wurde. Ich hab nur gemerkt, dass meine Hände voller Blut waren, wusste aber nicht, woher es kam."
11.25 Uhr: Nachfragen von Taleb A. unterbunden
Der Zeuge lässt Nachfragen des Angeklagten zu.
Taleb A. fragt über seinen Verteidiger, wie der 52-Jährige den bisherigen Prozess und die Schilderungen des Täters einschätzen würde. Auch möchte er erfahren, ob seine Ex-Frau die Beweggründe des Attentäters kennen würde.
Richter Dirk Sternberg unterbindet die Fragestellung und entlässt den Zeugen.
11.17 Uhr: Betroffenes Kind "möchte sein altes Leben zurück"
Die Ex-Frau des Zeugen leidet noch immer unter starken Schmerzen. Durch die Versteifung nach dem Lendenwirbelbruch ist eine "lebenslange Beeinträchtigung" absehbar, erklärt der 52-Jährige.
Bis heute ist die Geschädigte in medizinischer sowie psychologischer Betreuung.
Die Kinder im Alter von 8 und 13 Jahren waren glücklicherweise weitgehend körperlich unverletzt, sind aber ebenfalls in psychologischer Betreuung. Einer der Söhne könne bis heute nicht über den Vorfall sprechen.
"Er möchte nie wieder Mandeln essen, weil es am Mandelstand passiert ist. Er will auch nie wieder Weihnachtsmärkte besuchen", schildert der Vater, "er möchte sein altes Leben zurück."
11.05 Uhr: Zeuge eilte am Anschlagsabend Ex-Frau und Kindern zur Hilfe
Ein 52-jähriger JVA-Beamter aus Niedersachsen erklärt, wie er am Abend des Anschlags von seiner Ex-Frau angerufen wurde, die mit den Kindern auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt war.
Der Mann reiste sofort an, um zu helfen, schildert er. Seine Ex-Frau erlitt einen gebrochenen Lendenwirbel.
Die gemeinsamen Kinder wurden zwischenzeitlich in Sicherheit gebracht, doch niemand wusste wohin. Der 52-Jährige suchte sowohl in der Johanniskirche als auch im Allee-Center nach den Kindern. Die beiden wurden in einem Feuerwehrfahrzeug von Seelsorgern betreut.
Die zwei Söhne waren schwer verstört, einer der Jungen war ohnmächtig geworden. Das andere Kind habe sogar die eigene Mutter aus der Gefahrenzone gezogen, erklärt der Beamte.
10.57 Uhr: Verhandlungsfähigkeit von Taleb A. soll erneut geprüft werden
Richter Dirk Sternberg spricht den Betroffenen, die freiwillig vor Gericht aussagen, seinen "größten Respekt" aus.
Rechtsanwalt von Rüden stellt erneut in den Raum, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten zu prüfen. Taleb A. versprach am letzten Verhandlungstag, den Geschädigten keine Fragen stellen zu wollen - daran hält sich der 51-Jährige am Dienstag nicht. Auch befindet er sich in einem wochenlangen Hungerstreik.
Sternberg vertagt die Anfrage und lädt den nächsten Zeugen vor.
10.43 Uhr: Geschädigte "findet es unmöglich, wie sich der Angeklagte die Bühne nimmt"
Sowohl die 57-Jährige als auch ihr Mann waren bis Frühjahr 2025 krankgeschrieben. Beide mussten sich mehreren Operationen unterziehen und waren in psychologischer Behandlung, erklärt die Zeugin.
Inzwischen arbeitet sie wieder. Doch mit körperlichen Einschränkungen hat sie weiter zu kämpfen: "Ich habe bei jedem Schritt Schmerzen." Treppensteigen, knien, hocken oder lange Strecken gehen sind kaum möglich, schildert sie. Aufgrund der Kopfwunde ist ihre linke Kopfseite noch heute taub.
Auf die Nachfrage, warum sie freiwillig vor Gericht aussagt, findet die Verletzte klare Worte: "Ich finde es unmöglich, wie sich der Angeklagte hier die Bühne nimmt. Er spricht immer von den saudischen Frauen - bin ich weniger wert, als eine saudische Frau? [...] Ich wollte meine Geschichte erzählen."
"Ich hoffe einfach, dass Weihnachten dieses Jahr schöner wird als letztes Jahr", schließt die dreifache Mutter.
10.30 Uhr: Höchst emotionale Aussage von verletzter Frau
Der Angeklagte Taleb A. will zur ersten Befragten eine Erklärung abgeben. Richter Sternberg erteilt ihm das Wort nicht und lädt die nächste Geschädigte vor.
Die 57-jährige Zeugin schildert unter Tränen, dass sie am 20. Dezember mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt war. Das Anschlagsauto raste von der Seite aus auf sie zu.
"Ich weiß noch, wie ich mit dem Kopf auf die Motorhaube aufschlug und dann war ich erstmal weg", erklärt die Geschädigte. Sie erinnert sich an eine stark blutende Kopfwunde und Schmerzen im Knie. Ihr Ehemann wurde an den Rippen und am Bein verletzt.
Immer wieder ringt die 57-Jährige vor Gericht mit den Tränen. "Ich saß alleine zwischen zwei Menschen, die auf der Straße lagen und um ihr Leben gekämpft haben und das auch verloren haben."
10.19 Uhr: Geschädigte lernt, wieder auf Weihnachtsmärkte zu gehen
Zwischenzeitlich konnte die 38-Jährige ihre Arbeit wiederaufnehmen. Doch seit Prozessbeginn ist sie erneut krankgeschrieben. Die Verhandlung nimmt sie emotional schwer mit, erklärt sie.
Die Verletzte liebt eigentlich Weihnachtsmärkte - auf einen großen wie in Magdeburg traut sie sich aber nicht mehr. Sie und ihr Partner besuchten zuletzt einen kleinen Weihnachtsmarkt in ihrer Heimat.
"Wir wollen nicht, dass der Täter gewonnen hat", schildert die Geschädigte, "wir tasten uns langsam ran."
10.06 Uhr: Zeugin "hat niemandem mehr vertraut"
Die Geschädigte schildert ihren langen Klinikaufenthalt und Heilungsprozess. Die 38-Jährige war viele Wochen bettlägerig, sodass ihr Freund sie zu Hause pflegen musste.
"Ich musste ein halbes Jahr kämpfen, um überhaupt eine Reha zu bekommen", beklagt die Geschädigte vor Gericht. Sie habe sich auch vor dem Pflegedienst ständig rechtfertigen müssen.
Sowohl Gehen als auch Autofahren musste die Geschädigte wieder erlernen. Ihr Bein schmerzt noch immer. Ihr Becken hat sich durch den Bruch so verschoben, dass sie nie auf natürlichem Weg ein Kind haben kann, erläutert die Frau.
Neben den körperlichen Schmerzen bleiben aber auch die seelischen. "Ich habe niemandem mehr vertraut", so die 38-Jährige, "ich meide Menschenmengen und versuche immer, dass mir der Rücken frei bleibt. Ich habe Angst vor bestimmten Menschentypen."
Bis heute ist die Zeugin in psychologischer Betreuung.
9.53 Uhr: Verletzte erinnert sich an Anschlagsabend
Als Erstes am Dienstag sagt eine 38-jährige Geschädigte aus. Sie war am 20. Dezember mit ihrem Freund auf der Durchreise und besuchte auf dem Weg nach Merseburg den Magdeburger Weihnachtsmarkt.
Die Frau schildert, wie sie sich beim Budenzauber etwas zu essen geholt und sich dann auf dem Weg zu einem Stehtisch gemacht hat - dabei wurde sie vom Todesauto erfasst. Ihr Partner zog sie zwischen einige Buden, um sie zu schützen.
"Ich hatte tierische Schmerzen. Ich wollte mein Bein aufstellen, aber das ging nicht", erinnert sich die Geschädigte. Ihr Oberschenkel, ihr Becken, ihr Sitz-, Scham- und Kreuzbein sowie ein Lendenwirbel war gebrochen. "Ich hab die ganze Zeit gedacht, es ist ein Traum."
Ein Ersthelfer rettete ihr das Leben. "Ich bin da sehr, sehr dankbar", erklärt die 38-Jährige.
9.42 Uhr: Richter ermahnt Zuschauer
Noch vor dem ersten Zeugen macht Richter Dirk Sternberg zwei Ankündigungen: Ein Angehöriger eines Geschädigten meldete in einer E-Mail ans Gericht, dass sich einige Zuschauer daneben benehmen würden.
Demnach würden einige Besucher laut reden, lachen oder sogar essen. Der Richter bittet darum, dies künftig zu unterlassen. "Wir sind keine Theaterveranstaltung, kein Kino", so Sternberg.
Die zweite Ermahnung gilt dem Angeklagten: Taleb A. soll, wie auch schon an den vorherigen Prozesstagen, seine Fragen über seine Verteidiger stellen lassen. Am Dienstag sind zahlreiche Geschädigte geladen, die durch eventuelle Nachfragen zusätzlich belastet werden können, so Sternberg.
9.24 Uhr: Neunter Prozesstag beginnt
Auch knapp einen Monat nach Prozessbeginn ist das Interesse am Anschlagsprozess weiterhin groß. Der Zuschauerraum ist bis auf wenige Plätze prall gefüllt.
Um kurz vor halb 10 wird der Angeklagte Taleb A. (51) in seine Sicherheitszelle geführt. Pressevertreter dürfen kurzzeitig Fotos vom Todesfahrer schießen, bevor der Verhandlungstag beginnt.
6.28 Uhr: Zahlreiche Geschädigte erwartet
Am neunten Verhandlungstag im Prozess gegen den Magdeburg-Attentäter Taleb A. werden insgesamt sieben Geschädigte erwartet. Auch will mittags die Angehörige einer Toten aussagen.
Am Donnerstag berichteten zwei Augenzeugen sowie eine Verletzte von den Geschehnissen des Anschlagsabends. Nach einer Einigung der Prozessparteien müssen die Opfer eigentlich nicht vor Gericht aussagen, sie tun dies freiwillig.
Der Prozess soll regulär um 9.30 Uhr beginnen.
Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa