Prozess zum Magdeburg-Anschlag: Zeugen schildern Schlimmes vom Tatabend

Magdeburg - Der Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt wurde am Dienstag fortgesetzt. Die Horror-Taten des Angeklagten rückten am 15. Verhandlungstag weiter in den Fokus.

Am Dienstag fand der 15. Verhandlungstag im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt statt.
Am Dienstag fand der 15. Verhandlungstag im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt statt.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Insgesamt zwei Frauen, drei Männer und eine Jugendliche sprachen vor Gericht über ihre Beobachtungen vom Anschlagsabend am 20. Dezember 2024. Die sechs Augenzeugen haben alle bis heute noch sowohl körperlich als auch mental mit dem Geschehenen zu kämpfen.

Der 15. Verhandlungstag war wieder höchst emotional. Viele Zeugen weinten, ein Mann zeigte sich sogar wütend gegenüber dem Angeklagten Taleb A. (51).

Der 51-Jährige war selbst wieder vor Ort, verfolgte den Prozesstag aber als stiller Beobachter und äußerte sich am Dienstag selbst nicht.

Prozess zum Magdeburg-Anschlag: Taleb A. sprach von "sterben oder umbringen"
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TAG24 war wieder vor Ort und berichtete live. Den kompletten Verhandlungstag könnt Ihr in diesem Artikel nachlesen.

13.27 Uhr: Prozess nach sechster Zeugin beendet

Nach dieser letzten emotionalen Zeugenaussage beendet Richter Sternberg den Prozesstag.

Eigentlich hätte am Mittwoch ein weiterer Verhandlungstag stattgefunden, der wurde allerdings im Voraus abgesagt. Der Prozess wird voraussichtlich am 19. Januar fortgesetzt.

13.10 Uhr: Augenzeugin kämpft seit Anschlag mit Migräne- und Panikattacken

Nach einer knapp 75-minütigen Pause wird die letzte Zeugin für den Verhandlungstag aufgerufen. Die 20 Jahre alte Magdeburgerin war am Anschlagsabend mit einer Freundin auf dem Weihnachtsmarkt verabredet.

Schon zu Beginn ihrer Aussage bricht die junge Frau in Tränen aus. Sie und ihre Freundin stellten sich für Essen und Getränke an, als die Todesfahrt des Angeklagten begann, erinnert sie sich. "Plötzlich war alles stumm, das war, als wäre man in einer Blase gefangen."

Sie konnte sehen, wie Menschen von dem Auto erfasst und überrollt wurden. Die 20-Jährige und ihre Begleiterin rannten aus dem Weg und dann nach Hause. "Ich hab nicht realisiert, was passiert war", schildert die Magdeburgerin unter Tränen.

Bis heute kämpft die junge Frau mit Migräne- und Panikattacken, hat Schwierigkeiten, allein das Haus zu verlassen und große Angst beim Anblick von Autos.

"Ich hab das Gefühl, dass ich dadurch eine andere Person bin", erklärt sie abschließend. Bis heute ist sie in psychiatrischer Betreuung.

Die Aussagen der Zeugen sind wieder höchst emotional.
Die Aussagen der Zeugen sind wieder höchst emotional.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

11.40 Uhr: Prozess pausiert

Richter Dirk Sternberg kündigt eine einstündige Mittagspause bis 12.45 Uhr an.

Noch eine Zeugin wird nach der Unterbrechung erwartet.

11.32 Uhr: Augenzeuge leidet seit Anschlag unter Sprach- und Schlafstörungen

Als fünfter Zeuge des Tages schildert ein 57 Jahre alter Mann, dass er am 20. Dezember 2024 nach dem Feierabend spontan auf den Weihnachtsmarkt gefahren ist.

Er stand gerade am Grünkohlstand, als er von hinten Schreie hörte. "Es dauerte Bruchteile von Sekunden, bis ein schwarzes Auto an mir vorbeisemmelte", erklärt der Augenzeuge. Menschen seien durch die Luft geflogen und lagen über den Boden verteilt.

Der 57-Jährige flüchtete vom Weihnachtsmarkt. Er erinnert sich, auf dem Weg eine fremde Frau aufgefangen und an die Rettungskräfte übergeben zu haben.

Seine Heimfahrt habe Stunden gedauert. "Ich hab an jedem Parkplatz angehalten und musste Luft holen und habe mich gefragt 'Was war das jetzt?'", erklärt der Augenzeuge. "Realisiert hab ich es erst zu Hause und bin dort zusammengebrochen."

Körperlich verletzt wurde er nicht, durch die psychische Belastung habe sich seine Sprache und Gehör aber massiv verschlechtert und er musste im Krankenhaus betreut werden. Auch heute ist er noch traumatisch belastet und berufsunfähig.

Taleb A. ist aufgrund eines andauernden Durst- und Hungerstreiks abgemagert.
Taleb A. ist aufgrund eines andauernden Durst- und Hungerstreiks abgemagert.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

11.07 Uhr: Lehrerin hat noch heute mit psychischen Folgen zu kämpfen

Heute macht sich die Lehrerin Vorwürfe. "Hätte man noch mehr machen können, hätte man noch mehr helfen können?"

Zwar blieb die 37-Jährige unverletzt, doch mental hat sie noch heute mit dem Gesehenen zu kämpfen. Sie habe Angst vor Lichtern im Dunkeln oder auf sie zufahrende Autos, seit dem Anschlag ist sie sehr schreckhaft. "Da war eine Traurigkeit und Leere."

Als sie dann noch vom Tod einer Frau erfuhr, die an dem Abend in der gleichen Schlange stand wie sie, begab sich die Zeugin in psychiatrische Betreuung. Bis heute ist sie in Behandlung.

"Bei mir kamen die Tränen, wenn nur Weihnachten erwähnt wurde", so die 37-Jährige. Sie musste sich sogar zur Weihnachtszeit krankschreiben lassen, auch ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt war nicht möglich.

10.54 Uhr: Augenzeugin "war sofort klar, dass es ein Anschlag war"

Jetzt sagt eine 37-jährige Lehrerin aus Magdeburg aus. Sie war am Anschlagsabend traditionell zur Weihnachtsfeier mit ihrer Volleyball-Gruppe auf dem Markt.

Die Gruppe teilte sich schließlich, um zu unterschiedlichen Ständen zu gehen. "Ich habe nur die schwarze Front [des Autos] mit den hellen Lichtern wahrgenommen", weiß die 37-Jährige, sie könne sich aber nicht an Geräusche oder andere Eindrücke erinnern.

"Ich habe die Menschen nach links und rechts fliegen sehen", schildert die Lehrerin vor Gericht. "Mir war sofort klar, dass der sich nicht verfahren hat, sondern dass es ein Anschlag war."

Alle außer einer Person in ihrem Team blieben glücklicherweise unverletzt. Eine Freundin der Zeugin zog sich eine Verletzung am Fuß zu.

Dem Angeklagten droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.
Dem Angeklagten droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

10.39 Uhr - Verletzter wütend auf Taleb A.: "Wie kann man auf so eine bescheuerte Idee kommen?"

Der Geschädigte erlitt eine Thoraxprellung und ein gebrochenes Schlüsselbein, seine Lebensgefährtin eine Hirnblutung, eine taube Gesichtshälfte und einen Beckenbruch. "Es war monatelang nur Klinikaufenthalt."

Zum Ende seiner höchst emotionalen Aussage zeigt sich der 38-Jährige stinksauer auf den Angeklagten. "Wie kann man sowas machen? Wie kann man auf so eine bescheuerte Idee kommen? Was soll das?", echauffiert er sich vor Gericht.

Das Paar und alle Angehörigen leiden noch heute massiv unter den Folgen, auch psychisch. "Man hat Angst, in größere Menschenmengen zu gehen, man dreht sich ständig um", erklärt er.

10.32 Uhr: Augenzeuge suchte auf Weihnachtsmarkt panisch nach Partnerin

Ein 38-jähriger Feuerwehrmann war am Anschlagsabend mit seiner Lebensgefährtin auf dem Weihnachtsmarkt, als die Todesfahrt von Taleb A. begann.

Das Paar hatte sich gerade etwas zu essen geholt, als sie ein lautes Geräusch hörten. "In dem Moment zu schalten, zu reagieren, da war es schon zu spät", erklärt der Geschädigte, "ich wurde umgerissen und wurde zweimal überrollt, einmal vom Vorderrad, einmal vom Hinterrad."

Der 38-Jährige bricht in Tränen aus, als er sich erinnert, wie er panisch nach seiner Partnerin gesucht hat.

10.22 Uhr: Vater ist "froh, dass meine Familie überlebt hat"

Das jüngste Kind, das einige Prellungen erlitt, hat sowohl mental als auch körperlich den Vorfall "am besten weggesteckt". Die Frau des 45-Jährigen erlitt einen Wadenbruch und hat weiterhin mit dem Anschlag zu kämpfen, ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt ist für die ganze Familie nicht möglich.

Zum Ende seiner Aussage wendet sich der Zeuge an Taleb A. "Bis zum Prozessbeginn habe ich keinen Gedanken an [den Angeklagten] verschwendet", erklärt er und spricht von den "sehr niederen Beweggründen" für diese Tat.

"Ich bin sehr froh, dass meine Familie überlebt hat", erklärt der Betroffene unter Tränen.

Der Angeklagte ist auch am Dienstag wieder vor Ort und verfolgt die Zeugenaussagen.
Der Angeklagte ist auch am Dienstag wieder vor Ort und verfolgt die Zeugenaussagen.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

10.15 Uhr: Jugendliche "wurde von ihrem Freundeskreis aufgefangen"

Der Zeuge erläutert, dass seine Frau noch vor Ort versorgt wurde, bevor sie abtransportiert werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt war seine jugendliche Tochter bereits im Krankenhaus.

Viele Nächte verbrachte der 45-Jährige auf der Intensivstation am Krankenbett seiner Frau und seiner 13-jährigen Tochter. "Sie lag da vollgepumpt mit Medikamenten und Flüssigkeiten, sie war nicht mehr so, wie ich sie kannte". Geschlafen habe der zweifache Vater in der Zeit kaum.

Kurz nach Weihnachten wurde die Frau des Zeugen entlassen und seine Tochter auf die Kinderstation verlegt. "Sie wurde von ihrem Freundeskreis komplett aufgefangen" erinnert sich der Mann mit einem Lächeln und meint, es war der Familie "fast peinlich" wie viele Kinder auf der Station waren. "Wir haben viel geblödelt und haben das Beste aus der Zeit gemacht."

Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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