Zeuge schildert im Prozess gegen Magdeburg-Todesfahrer: "Habe die Wut aus mir herausgeschrien"
Von Dörthe Hein
Magdeburg - Wie der Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt das Leben von Menschen beeinflusst hat, wird im Strafprozess gegen den Todesfahrer immer wieder deutlich.
Am 23. Verhandlungstag berichtete eine 21 Jahre alte Frau als Zeugin, dass sie ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgebrochen hat. Sie habe bis heute Flashbacks, sei krankgeschrieben, lebe bei ihrer Mutter und könne nicht allein schlafen.
Ihre Führerscheinausbildung habe sie unterbrochen, aber auch mit dem Zug könne sie nicht fahren. Sie wolle gern wieder die Kontrolle über ihr Leben bekommen, sagte die 21-Jährige.
Das Landgericht Magdeburg hört derzeit Betroffene, die nicht direkt körperlich verletzt wurden, aber psychische Folgen davongetragen haben.
Von ihnen berichteten viele, dass sie Angst vor Menschenmengen haben und sie meiden, dass bestimmte Geräusche Angst bei ihnen auslösen und sie schlecht schlafen. Viele sind in Therapie, viele andere haben aber auch noch keinen Platz bekommen.
Ein 78 Jahre alter Zeuge hatte ein Video gemacht, unmittelbar bevor das Auto über den Weihnachtsmarkt fuhr. Die kurze Sequenz wurde im Verhandlungssaal gezeigt.
Zu hören ist das von Bläsern gespielte Lied "Oh Tannenbaum", Menschen unterhalten sich. Im Hintergrund ist das Rathaus zu sehen, Menschen gehen an festlich beleuchteten Ständen vorbei, einige stehen zusammen.
Zeugen werden täglich an Anschlag erinnert
Kurz darauf sei der Todesfahrer "mit wahnsinniger Geschwindigkeit" vielleicht einen halben Meter an ihm vorbeigefahren, sagte der 78-Jährige. Er rang auf dem Zeugenplatz immer wieder um Fassung.
"Ich war so voller Wut." Er habe in die Schneise geblickt, die der Todesfahrer hinterließ. "Ich habe geschrien, ich habe die Wut aus mir herausgeschrien."
Er und seine Familie hätten körperlich unversehrt den Weihnachtsmarkt verlassen können. Bis heute machten ihm die Geräusche von Hubschraubern, Krankenwagen und Sirenen zu schaffen.
Seine Ehefrau sagte mit Blick auf den Anschlag: "Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht dran erinnert werden." Der 78-Jährige ergänzte: "Wir müssen es versuchen, wie wir damit klarkommen."
Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg lenkte der damals 50 Jahre alte Taleb A. am 20. Dezember 2024 einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter weit über den Weihnachtsmarkt.
Fünf Frauen und ein neunjähriger Junge starben. Mehr als 300 Menschen wurden teils schwerst verletzt. Die Anklage wirft Taleb A. unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor.
Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

