Banken warfen Blender das Geld nur so hinterher: Aufstieg und Fall des Baulöwen Jürgen Schneider
Leipzig - Ein Baulöwe verzückte Anfang der 1990er-Jahre die Geschäftswelt. Denn alles, was er anfasste, wurde zu purem Gold. So schien es zumindest.
Bis Dr. Jürgen Schneider ohne Vorwarnung untertauchte und die größte Immobilienpleite der deutschen Geschichte hinlegte - mit einem Schuldenberg von 5,3 Milliarden D-Mark.
Vor 30 Jahren, am 22. Februar 1996, wurde der in Florida gefasste Betrüger zurück nach Deutschland überführt, wo er verurteilt wurde. In Leipzig gab es immer wieder mal den Vorschlag, diesem Ganoven ein Denkmal zu setzen. Ohne ihn wäre die City heute nicht so prächtig.
Im April 1994 herrschte auf den Leipziger Baustellen hektische Betriebsamkeit. Handwerksfirmen rissen die kürzlich von ihnen eingebauten neuen Fenster aus den Häusern, sie deinstallierten die Heizungen oder sammelten das frisch verlegte Parkett wieder ein.
Retten, was zu retten ist. Denn dass "Doc Schneider" die Rechnung bezahlt, galt nach seiner Flucht als ausgeschlossen.
Die Chefs von Bau- und Handwerksfirmen fragten sich, wie sie auf diesen Blender und Aufschneider hereinfallen konnten. Erst recht die Banker von 55 verschiedenen Kreditinstituten, welche dem feinkleideten Herrn mit Toupet die Millionen ungeprüft hinterhergeworfen hatten.
Schneider stand sogar auf der Liste der Bürger, denen demnächst das Bundesverdienstkreuz verliehen werden sollte.
Der Bauunternehmer wuchs in einer vermögenden Familie auf und heiratete reich. So war es ihm möglich, 1986 für 40 Millionen D-Mark in Frankfurt das heruntergekommene Hotel "Fürstenhof" zu erwerben. Er führte eine denkmalgerechte Luxussanierung durch und veräußerte es für 450 Millionen.
Nach eigenen Angaben machte er 200 Millionen D-Mark Gewinn. Schneider wurde zur Legende, das Projekt seine goldene Eintrittskarte zu den Geldhäusern.
Als Schneiders Schneeballsystem aufflog, verschwand der Baulöwe
Die brauchte er aber gar nicht. Die Banken rannten ihm hinterher. Mit Schneider ließ sich gut Geld verdienen, schließlich kassiert der Kreditvermittler auch eine satte Provision. Sie überprüften auch nicht die von Schneider vorgelegten Projekte, bei welchen der Wert und die erhofften Mieten völlig überzogen waren.
Für die Frankfurter Zeilgalerie schrieb er 22.000 nutzbare Quadratmeter in den Antrag. Der Bearbeiter von der Deutschen Bank hätte nur mal kurz um die Straßenecke gehen und das Bauschild anschauen müssen: Da standen korrekt 9000 Quadratmeter.
Die Schneider-Gruppe (zeitweise 3000 Mitarbeiter) kaufte nach und nach 170 Häuser in deutschen Luxuslagen auf - nur Filetstücke, welche große Kreditsummen zu rechtfertigen schienen.
Die Sanierungsprojekte verschachtelte der Baulöwe in ein unentwirrbares Geflecht aus 130 Tochterfirmen, die sich gegenseitig Scheinrechnungen stellten und so den Wert auf dem Papier steigerten.
Dann kamen Gerüchte auf, und die Banken begannen, Schneider nach mehr Eigenkapital zu fragen. Sein Schneeballsystem drohte aufzufliegen. Kurz vor Ostern 1994 überwies er noch 245 Millionen Mark auf sein Schweizer Konto und verschwand mit seiner Frau spurlos.
Ehepaar Schneider nach mehr als einem Jahr in den USA gefasst
Auf einen Schlag waren gesunde Handwerksfirmen in ihrer Existenz bedroht, mussten Hunderte Arbeiter entlassen. Bis die Hilfsprogramme der Politik wirkten, verging einige Zeit - rettete aber fast alle vor der Insolvenz.
Allein der Deutschen Bank schuldete Schneider 1,3 Milliarden. Deren Chef versprach immerhin, die offenen Handwerker-Rechnungen zu begleichen. Dass er die 50 Millionen Mark als "Peanuts" bezeichnete, brachte ihm den Zorn der Firmen und das Unwort des Jahres 1994 ein.
Im Mai 1995 wurde das Ehepaar Schneider von Zielfahndern des BKA und FBI in Florida festgenommen, aber erst im Februar 1996 nach Deutschland überführt.
Das Urteil erfolgte kurz vor Weihnachten 1997. Wegen Betrugs, Kreditbetrugs und Urkundenfälschung musste Schneider für sechs Jahre und neun Monate in den Bau. Der relativ milde Spruch wurde mit der erheblichen Mitschuld der Banken begründet.
Leipzig kam ganz gut aus dem Schneider
Leipzig entpuppte sich 1990 als eine Schatzinsel für Perlensucher Jürgen Schneider. Die altehrwürdigen Kaufmannshäuser und Messepaläste in der Innenstadt waren völlig heruntergekommen und bedurften einer denkmalgerechten Sanierung.
Etwa 20 dieser Häuser holte er in seine Sammlung und plante, sie zu Schmuckstücken aufzupeppen. "Leipzig war mein Waterloo", sagte er später.
Nach der Pleite führten die meisten Gläubigerbanken die Sanierung nach Schneiders Plänen weiter. Dass Leipzig schon zehn Jahre nach der Wende den früheren Glanz versprühte, liegt auch an dem Aufschneider.
Die "Mädler-Passage" mit "Auerbachs Keller" etwa gilt als Deutschlands beliebtestes Einkaufszentrum. Für "Barthels Hof", das "Hotel Fürstenhof" sowie das "Romanushaus" ließ der Spekulant Pläne erstellen.
Ab 2000 hatte Schneider bereits wieder öffentliche Auftritte in Leipzig. Er überlegte, die äußerst beliebten Stadtführungen zu Schneider-Immobilien selbst durchzuführen und aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Die Stadtväter rieten ihm wegen der geprellten Handwerker ab. Seine drei Bücher stellte er in Leipzig vor. Der Erlös geht an eine Stiftung, welche die geschädigten Handwerker unterstützt.
Denn von Almosen muss der Pleitier trotzdem nicht leben. Er schlug sein reiches Erbe aus und überließ es seinen Kindern, welche nun für die Eltern sorgen. Interviews gibt der inzwischen 91-Jährige seit geraumer Zeit nicht mehr.
Titelfoto: Bildmontage: Wolfgang Kluge/ZB FUNKREGIO OST/lsn, picture-alliance/dpa

