Sexunfall oder kaltblütiger Mord? Leiche von Frau (†23) in verwüstetem Keller gefunden

London (Großbritannien) - Farouk Abdulhak, Sohn eines Milliardärs aus dem Jemen, ist offenbar in den Mord an einer 23-jährigen Norwegerin in London verwickelt. Die junge Frau soll zuerst vergewaltigt und dann erwürgt worden sein.

Die norwegische Studentin Martine Vik Magnussen (†23) wurde 2008 in London gewaltsam ermordet.
Die norwegische Studentin Martine Vik Magnussen (†23) wurde 2008 in London gewaltsam ermordet.  © Screenshot Twitter/@metpoliceuk

Abdulhak flüchtete vor 15 Jahren aus Großbritannien - nur wenige Stunden nach dem schrecklichen Verbrechen an Martine Vik Magnussen - und nutzte den Einfluss seiner Familie, um der britischen Justiz zu entgehen, heißt es in einem Bericht der BBC. Gegenüber dem Fernsehsender habe der Mann seine Beteiligung an dem Verbrechen zugegeben.

Die Leiche der Studentin wurde 2008 unter Trümmern im Keller eines Wohnhauses entdeckt. Seitdem stand Abdulhak auf einer Liste der meistgesuchten Personen der Polizei in London. Außerdem liegt gegen ihn ein internationaler Haftbefehl vor. Allerdings hat das Vereinigte Königreich kein Auslieferungsabkommen mit dem Jemen.

Abdulhak sagte einem Journalisten der "BBC", zu dem er aufgrund von dessen ebenfalls jemenitischer Herkunft Vertrauen gefasst hatte, dass Magnussen an den Folgen eines "schiefgelaufenen Sexunfalls" gestorben sei.

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Zuvor hatte der Reporter Nawal Al-Maghafi über die sozialen Medien Kontakt zu Abdulhak aufgenommen. Bislang hatte er Presse-Anfragen ignoriert.

"Ich habe etwas getan, als ich jünger war, es war ein Fehler", schrieb Abdulhak in einer seiner ersten Nachrichten an Al-Maghafi. Es folgten Tausende Texte und Hunderte Sprachnachrichten, die der Täter in mehr als fünf Monaten an den Journalisten schickte.

Jedoch nannte er kein einziges Mal den Namen des Opfers und sprach auch nicht von ihrem "Tod", sondern von "Vorfall" oder "Unfall".

Würgemale am Hals der norwegischen Studentin

Farouk Abdulhak ist der Sohn von Shaher Abdulhak, der bis zu seinem Tod einer der reichsten und mächtigsten Männer im Jemen war. Er wuchs in den USA und Ägypten auf.
Farouk Abdulhak ist der Sohn von Shaher Abdulhak, der bis zu seinem Tod einer der reichsten und mächtigsten Männer im Jemen war. Er wuchs in den USA und Ägypten auf.  © Screenshot Twitter/@metpoliceuk

Dabei ging aus dem Bericht des Gerichtsmediziners ganz deutlich hervor, dass die junge Frau auf gewaltsame Weise starb: Sie habe Zeichen am Hals gehabt, die darauf hindeuten, dass die Norwegerin gewürgt wurde, bis sie erstickte. Ihr Körper wies auch 43 Schnittverletzungen und Abschürfungen auf, viele entstanden offenbar infolge eines Kampfes.

Kennengelernt haben sich Magnussen und Abdulhak als Studenten an einer Londoner Universität. Ein letztes Mal lebend gesehen wurde die Frau am 14. März 2008, wo sie mit Abdulhak bis in die frühen Morgenstunden in einem Nachtclub feierte. Er habe dann angeboten, die Party in seine Wohnung zu verlegen.

Weil Magnussens Freunde dafür inzwischen zu müde waren, verließen die Studentin und ihr Begleiter um 2.59 Uhr den Club, wie die Aufnahmen aus einer Sicherheitskamera belegen.

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Für das, was danach geschah, gibt es keine Zeugen. Fakt ist: Bei Sonnenaufgang war Martine Magnussen tot. Ihre Leiche wurde zwei Tage später gefunden. Die 48 Stunden dazwischen nutzte Abdulhak, um das Land zu verlassen. Zuerst mit einem Linienflug von London nach Kairo. Von dort ging es mit dem Privatjet seines Vaters in den Jemen weiter, wo Farouk Abdulhak bis dahin nie gelebt hatte.

Sein Anwalt bestand damals darauf, dass der Student in dem Mordfall unschuldig sei.

Al-Maghafi, der bereits 2011 im Jemen zu der Story recherchierte, musste die Geschichte zunächst auf Eis legen, nachdem die Behörden unter dem damaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh ihm das nahegelegt hatten. Er nahm den Fall 2022 erneut auf. Abdulhaks Vater war inzwischen gestorben, Saleh wurde 2017 von Huthi-Rebellen ermordet.

Der mutmaßliche Täter lebt allein und isoliert von seiner Familie

Die Polizei in London kann den Fall nicht abschließen, weil der mutmaßliche Mörder nicht nach Großbritannien ausgeliefert wird.
Die Polizei in London kann den Fall nicht abschließen, weil der mutmaßliche Mörder nicht nach Großbritannien ausgeliefert wird.  © 123rf.com/daisycooil

Al-Magafi gelang es, Farouk Abdulhaks Vertrauen zu gewinnen und allmählich begann dieser, sich zu öffnen. Unter anderem erzählte er, dass er wieder im Jemen lebt, aufgrund der Geschehnisse von 2008 und aus Angst vor einer Verhaftung jedoch nicht mehr nach Großbritannien reisen könne.

Er lebe auch isoliert von seiner Familie, die - einschließlich seiner Ex-Frau und seiner Tochter - aufgrund des Bürgerkrieges aus dem Jemen geflohen ist.

Seine Freunde hätten seit seiner Flucht nichts mehr von Abdulhak gehört. Sie seien schockiert gewesen, als sie damals von Magnussens Tod lasen, und sagten, seine mutmaßliche Beteiligung sei völlig untypisch.

Einige der früheren Freundinnen der Ermordeten sagten dem Reporter, Martine und Farouk hätten sich öfter getroffen und seien Freunde gewesen. Doch in der Nacht vor der Tat schien er anders zu sein. So sei er wütend geworden, als einer der Freunde ein Foto von ihm und Martine machen wollte.

Eine andere Freundin berichtete, sie glaube, Abdulhak habe einmal versucht, Magnussen zu küssen, was sie ablehnte und ihm sagte, sie sei nicht interessiert.

Als sich die Studentin nach besagter Partynacht bei niemandem meldete, meldeten ihre Freunde sie bei der Polizei als vermisst, allerdings sei die Angelegenheit zunächst nicht ernst genommen worden. Das passierte erst, als jemand bemerkte, dass Farouk Abdulhak sein Facebook-Konto gelöscht hatte.

Seine Wohnung wurde durchsucht und schließlich die halbnackte Leiche von Martine Magnussen im Keller des Wohnblocks gefunden.

In jener Nacht sei Kokain im Spiel gewesen

Ein enger Vertrauter von Farouks Vater erzählte dem BBC-Reporter, dass der Sohn sich der britischen Justiz stellen und verteidigen wollte, der Vater jedoch davon abgeraten habe.

Inzwischen glaubt Farouk Abdulhak nicht mehr an Gerechtigkeit. Er denkt, "dass das Strafjustizsystem in Großbritannien stark voreingenommen ist" und "ein Exempel statuieren" wolle, in dem der "Sohn eines Arabers ... der Sohn von jemandem, der reich ist", vor Gericht steht.

In einer seiner Nachrichten an den Journalisten Al-Maghafi schrieb Abdulhak: "Es war nur ein Unfall. Nichts Schändliches. Nur ein Sexunfall, der schiefgelaufen ist." Und an den er sich kaum erinnern könne, weil Kokain im Spiel gewesen sei.

Die Familie von Martine Magnussen hat bis heute keine Antwort auf die Frage, wer ihr Mörder ist. Für die Metropolitan Police wurde Farouk Abdulhak "schnell als einziger Verdächtiger identifiziert". Ihm werden in dem Fall Vergewaltigung und Mord vorgeworfen.

Titelfoto: Screenshot Twitter/@metpoliceuk

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