Von Andreas Tappert
Leipzig - Leipzigs Linke geht mit Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (48) ins Rennen um das Oberbürgermeister-Amt. Mit fünf Jahren Rathaus-Erfahrung und über 5000 Parteimitgliedern im Rücken gilt sie als Favoritin. Doch wer ist die Frontfrau der Linken? Und wie tickt sie?
Die Diplom-Dramaturgin hat nach mehreren Jahren Berufserfahrung promoviert und war unter anderem als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" tätig, beim Deutschlandradio und als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Landtagsabgeordneten. Berufsbegleitend studierte sie Verwaltungsrecht.
Als Bürgermeisterin setzte sie die Wahl von Thomaskantor Andreas Reize (51) durch, führte freien Eintritt in städtischen Museen ein, verdoppelte die städtische Förderung für die Freie Szene und machte das Leipziger Tanztheater und das LOFFT in der Baumwollspinnerei möglich.
Um Leipzigs Stadthaushalt zu sanieren, fordert Jennicke vom Bund, dass er seine "Schulden" begleicht. "Mindestens zwei Drittel" des Leipziger strukturellen 300-Millionen-Euro-Defizits würden aus Aufgaben des Bundes bestehen, die dieser nicht bezahlt, rechnet sie vor.
Wenn dies gelingt, würden noch 100 Millionen Euro Schulden übrig bleiben. "Dafür liegt ein Konsolidierungspapier der Stadtverwaltung vor, das wir klug austarieren müssen", sagt sie.
Und was geschieht, wenn der Bund seine "Schulden" nicht begleicht und Leipzig auf diesen Außenständen sitzen bleibt? "Wir werden es nicht schaffen, die Schulden aus eigener Kraft zu begleichen", antwortet sie. "Es ist unseriös, etwas anderes zu suggerieren."
Lieber moderate Preiserhöhungen statt drastischem Sparkurs
Und was meint sie mit "den Haushalt klug austarieren"? "Den Stellenabbau in der Stadtverwaltung können wir in diesem Maße nicht fortsetzen", glaubt die 48-Jährige. "Weil dann wesentliche Aufgaben in dieser Stadt nicht mehr erfüllt werden können." Kfz-Ummeldungen, Wohngeld und Behindertenparkplätze würden sich weiter verzögern. "Leipzig wäre nicht mehr lebenswert."
Statt dort drastisch zu sparen, hat die Stadt auf "moderate Preiserhöhungen" gesetzt, zum Beispiel bei Kultur, Marktgebühren und Parken. "Aber damit werden wir unsere finanziellen Probleme nicht lösen", räumt Jennicke ein.
Ihr Kernthema ist jedoch die Wohnungspolitik. Ein neues "Amt für bezahlbaren Wohnraum" soll die bestehende Gesetzeslage umsetzen und so möglichst viele Leipziger Haushalte entlasten. "Die Zahl der Wohngeldberechtigten ist stark angestiegen und dementsprechend auch die Zahl der Wohngeldanträge und der entsprechenden Bewilligungen - von 35.639 im Jahr 2023 auf 44.959 im Jahr 2025", begründet sie dies.
Die Stadt schiebe aber noch immer eine große Bugwelle von Anträgen vor sich her, weil 2025 durchschnittlich 3190 im Monat eingingen. "Die Bearbeitungsfrist dauert durchschnittlich ein halbes Jahr."
Auch Naturkundemuseum hat Priorität: "Wird eine überregionale Attraktion"
Die Leipziger Mietpreisbremse bremse den privaten Wohnungsbau nicht aus. Die derzeit in Leipzig laufenden Wohnungsbauprojekte würden zeigen, dass sich Wohnungen mit vertretbaren Mieten errichten lassen - auch wenn das angesichts hoher Grundstückspreise und steigender Kapitalmarktkosten schwierig sei, sagt sie.
Die Gewerbesteuerhebesätze will Jennicke nicht anheben, aber die Gewerbesteuereinnahmen von aktuell 500 auf 700 Millionen Euro steigern. "Leipzig ist bei Zukunftstechnologien wie Umwelttechnik, Medizintechnik und Biotechnologie gut aufgestellt", sagt sie. "Ich werde die Verwaltung so aufstellen, dass sie optimal auf die Anforderungen der Wirtschaft reagiert. Wirtschaftspolitik wird bei mir Chefsache."
Auf den Bau des 90 Millionen Euro teuren neuen Naturkundemuseums will die Kulturbürgermeisterin nicht verzichten, auch wenn der Neubau Leipzig jährliche Unterhaltskosten von sechs Millionen Euro beschert. "Den Baubeschluss und den Finanzierungsbeschluss hat der Stadtrat gefasst und 74 Millionen Euro Fördermittel sind gesichert", betont sie. "Das Naturkundemuseum wird eine überregionale Attraktion. Natürlich ziehen wir das durch."
Auch an der 17 Millionen Euro teuren Sanierung des Gebäudes der Scala in der Gottschedstraße will sie festhalten. "Dafür gibt der Bund elf Millionen Euro Fördermittel und sechs Millionen Euro werden durch einen Kredit finanziert", sagt sie. Falls der Stadtrat im Oktober zustimme, werde das Projekt gestartet.
Damit Leipzig sauberer wird, will sie die Graffiti-Beseitigungs-Gruppe wieder ins Leben rufen, die aus Kostengründen eingestellt wurde. Bessere Ampelschaltungen und ein besseres Baustellenmanagement sollen für einen flüssigeren Verkehr sorgen und für den Klimaschutz sollen jährlich 2000 Bäume im Stadtgebiet gepflanzt werden.