OB-Wahlkampf in Leipzig: Warum waren Sie beim Stasi-Wachregiment, Herr Thärichen?
Von Andreas Tappert
Leipzig - OB-Bewerber Dirk Thärichen (56, parteilos) hat seinen Job verloren, als 2003 bei Leipzigs Olympia-Bewerbung sein Dienst beim Wachregiment "Feliks Dzierzynski", das zur Stasi gehörte, bekannt wurde. Jetzt hat er seine Vergangenheit in seinem Podcast "Sag's jetzt" erneut thematisiert. TAG24 wollte genau wissen, was damals beim Stasi-Wachregiment lief.
TAG24: Das Wachregiment "Feliks Dzierzynski" war eine Eliteeinheit des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Niemand musste dort dienen. Warum sind Sie ausgerechnet zu dieser Truppe gegangen?
Dirk Thärichen: Ich wollte nach meinem Abitur in Berlin Ökonomie studieren. Das war ein sehr begehrtes Studium, und da hieß es: "Sie müssen drei Jahre zur Armee." Weil ich bereit war, drei Jahre zu gehen, habe ich den Wunsch geäußert, in Leipzig zu bleiben. Die Außenstelle Leipzig des Wachregiments stellte fünf Tage Kaserne und zwei Tage zu Hause schlafen in Aussicht.
TAG24: Hat Sie niemand vor diesem Schritt gewarnt? Ihre Eltern oder Ihre Freunde?
Thärichen: In meinem Umfeld galt das Wachregiment als normaler Wehrdienst. Es hatte ja auch tatsächlich nichts mit Bespitzelung oder inoffiziellen Mitarbeitern zu tun. Und wer mir im Oktober 1988 gesagt hätte, dass es im Oktober 1990 ein vereintes Deutschland gibt, der hätte hellseherische Fähigkeiten gehabt.
TAG24: Ein Jahr später, am 1. September 1989, wurden Sie einberufen. Damals war die Ausreisewelle über Ungarn gerade auf ihrem Höhepunkt. Warum haben Sie nicht gesagt: Das mache ich jetzt nicht mehr?
Thärichen: Es stimmt, die Lage war angespannt. Aber ich hatte mich ein Jahr vorher verpflichtet und wollte studieren. Und ich wollte auf gar keinen Fall als Grenzsoldat an die Grenze.
Dirk Thärichen: "Damals war ich noch nicht mutig genug, aufzustehen und zu gehen"
TAG24: Bei Ihrer Einberufung haben Sie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten.
Thärichen: Dazu muss man wissen: Diese Erklärung war keine IM-Verpflichtung. Es war eine Erklärung, die jeder unterschreiben musste, der im Wachregiment seinen Dienst antrat. Ich kenne keinen, der die Unterschrift verweigert hat. Damals war ich noch nicht mutig genug, aufzustehen und zu gehen.
TAG24: Was wäre geschehen, wenn Sie nicht unterschrieben hätten?
Thärichen: Das weiß ich nicht. Aber meinen Traum vom Ökonomie-Studium hätte ich jedenfalls abhaken können.
TAG24: Sie haben dann während der Friedlichen Revolution im Wachregiment gedient?
Thärichen: Meine Grundausbildung wurde zwei Wochen verkürzt, weil sich die Lage in Leipzig so zuspitzte. Ich kam in die Kaserne des Wachregiments in Leutzsch und habe dort Wache gehalten. Das bedeutet: Ich hatte dort vor Ort zwei Gebäude zu bewachen. Der Oktober war eine schwierige Zeit, im November und Dezember war die Lage völlig ungeordnet und Anfang Januar habe ich dem Wachregiment dann bereits mitgeteilt, dass ich ausscheiden will. Ende Januar bin ich ausgeschieden. Ich war also insgesamt fünf Monate im Wachregiment.
TAG24: Sie hätten im Oktober auch gegen die Demonstranten in Leipzig eingesetzt werden können. Hätten Sie geschossen?
Thärichen: Nein. Meine Mutter und ich hatten dazu telefoniert, als sich die Lage zuspitzte. Uns war beiden klar: Ich hätte nicht auf andere Menschen geschossen.
Leipziger OB-Anwärter Dirk Thärichen: "Ich habe nie jemanden bespitzelt"
TAG24: Hatten Sie nach Ihrem Ausscheiden Kontakt mit der Stasi?
Thärichen: Nein. Und noch einmal: Ich habe keinen einzigen Bericht geschrieben und auch nie jemanden bespitzelt. Aus meiner Sicht war ich nicht bei der Stasi, ich war beim Wachregiment. Ich habe meinen Wehrdienst im Wachregiment abgeleistet, das dem MfS unterstellt war.
TAG24: Warum machen Sie Ihre Vergangenheit dann jetzt noch einmal öffentlich?
Thärichen: Weil im Rahmen meiner Kandidatur als Leipziger Oberbürgermeister ab 2027 dieses Thema sicherlich wieder kommen wird – obwohl das alles schon 38 Jahre her ist. Die Menschen erwarten dabei ehrliche Antworten von mir. Und die bekommen sie.
TAG24: Angenommen, Sie werden Leipzigs neuer Oberbürgermeister: Wie wollen Sie reagieren, wenn Sie bei offiziellen Anlässen auf Ihre Verbindung zum Stasi-Wachregiment angesprochen werden?
Thärichen: Ich werde es erklären – so wie ich es jetzt getan habe. Ich stehe zu meiner Jugend in der DDR, zu meiner Biografie und zu meinen Entscheidungen – auch zu denen, die ich heute anders treffen würde.
TAG24: Würden Sie zustimmen, dass TAG24 Ihre Stasi-Akte einsieht?
Thärichen: Ja.
Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/Roland Hartig ; EHL Media/Erik-Holm Langhof

