Psychiater über Leute, die keine Maske tragen können: "Müssen Möglichkeit haben, am Leben teilzunehmen"

Leipzig - Die Maskenpflicht gehört für viele seit mittlerweile fast einem Jahr zum Alltag. Dennoch gibt es auch Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz aufgrund einer Behinderung oder auch psychischen Erkrankung nicht tragen können.

Prof. Dr. Georg Schomerus, Direktor der Klinik für Psychiatrie am Leipziger Uniklinikum.
Prof. Dr. Georg Schomerus, Direktor der Klinik für Psychiatrie am Leipziger Uniklinikum.  © News5 / Grube

Zu ihnen gehört Manuela Schritt (52) aus Leipzig, der aufgrund ihrer Vergangenheit das Tragen einer Maske nicht möglich ist. Auch Prof. Dr. Georg Schomerus (47), Direktor der Klinik für Psychiatrie am Leipziger Uniklinikum, hat sich nun zu dem Thema geäußert. Er fordert, dass auch Menschen wie Schritt die Möglichkeit haben, am Leben teilzunehmen.

Zwar würden Fälle, in denen Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung keine Maske tragen können, nur selten vorkommen, so der Psychiater und Psychotherapeut. Dass dies jedoch auftreten kann, sei nicht vom Tisch zu weisen. "Wir hatten im vergangenen Jahr einen Patienten, von wahrscheinlich Tausenden. Es ist nicht häufig, aber es kommt vor", so der Klinik-Direktor.

Diejenigen, die davon betroffen sind, würden "unerträgliche Angst und Panikzustände" erleiden. "Das kann beispielsweise auftreten, wenn jemand eine Traumatisierung erlebt hat, also beispielsweise einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, bei dem ihm jemand etwas ins Gesicht gedrückt hat."

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Das Tragen der Maske rufe dann Erinnerungen hervor, die für diejenigen nicht auszuhalten sind.

"Man will ja nicht jedem sein Leid ins Gesicht halten"

Zwar komme es nur selten vor, dennoch könnten Menschen mit psychischer Erkrankung mitunter keinen Mund-Nasen-Schutz aufgrund ihrer Erlebnisse tragen. Prof. Schomerus bittet um Verständnis für die Betroffenen. (Symbolbild)
Zwar komme es nur selten vor, dennoch könnten Menschen mit psychischer Erkrankung mitunter keinen Mund-Nasen-Schutz aufgrund ihrer Erlebnisse tragen. Prof. Schomerus bittet um Verständnis für die Betroffenen. (Symbolbild)  © News5 / Grube

Auch Manuela Schritt hatte im Gespräch mit TAG24 von Erinnerungen gesprochen, die durch die Maske geweckt würden. "Für mich fühlt es sich dann so an, als würde man mir die Luft zum Atmen nehmen."

Weil sie im Alltag keine Maske tragen kann, wird sie immer wieder angefeindet. Gleichzeitig sorgt sie sich um die Persönlichkeitsrechte von Menschen mit Behinderungen. Der Grund: Wollen diese Menschen ein Attest haben, muss darauf auch vermerkt sein, warum sie keine Maske tragen können. "Wenn Menschen, auf die dies ebenfalls zutrifft, jetzt in die Läden gehen, geben sie ihre kompletten Daten preis", kritisiert sie die Regelung.

"Auf dem Attest muss nachvollziehbar sein, warum jemand keine Maske tragen kann. Ich glaube, die ausdrückliche Erkrankung muss nicht draufstehen. Aber das ist für jemanden mit einer psychischen Erkrankung natürlich trotzdem sehr unangenehm", so Schomerus dazu. "Das kann für die Betroffenen auch sehr entwürdigend sein. Man will ja nicht jedem sein Leid ins Gesicht halten."

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Der Klinikdirektor wirbt um Verständnis für diejenigen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung keine Maske tragen können. "Es sind wenige. Aber auf die Wenigen kann man auch Rücksicht nehmen. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, am Leben teilzunehmen."

Titelfoto: News5 / Grube

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