Wo ein Millimeter die Welt verschiebt: Sächsische Firma stellt Weltkugeln noch in Handarbeit her

Von Birgit Zimmermann

Markranstädt - Anders als eine flache Karte vermittelt ein Globus eine Vorstellung, wie die Weltkugel aussieht. Bei Leipzig stellt eine traditionsreiche Firma Globen nach wie vor in Handarbeit her.

Eine Kaschiererin beklebt in Handarbeit einen Globus in der Firma Räthgloben. Dafür müssen die elliptischen Zuschnitte passgenau auf eine Kunststoff- oder Glaskugel geklebt werden.  © Jan Woitas/dpa

Die Kaschiererin Claudia steht an einem hölzernen Bock und drückt und schiebt an Russland herum. Es geht um Millimeter. Die 40-Jährige stellt bei der Firma Räthgloben in Markranstädt bei Leipzig Weltkugeln her - in Handarbeit. Das Unternehmen blickt auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurück. Verlagsleiter Thomas Härtel ist zuversichtlich, dass seine Globen auch in Zeiten von Google Maps noch ihren Platz haben.

Um die Welt entstehen zu lassen, klebt Claudia zwölf bedruckte elliptische Papierbahnen auf Kugeln aus Kunststoff oder Glas. Der Vorgang nennt sich Kaschieren. "Ein gutes Auge muss man haben und eine ruhige Hand", sagt sie. Das vom Kleber durchweichte Papier kann leicht reißen. "Das ist eine ganz feinfühlige Sache. Man muss viel mit Druckpunkten arbeiten." 

Schon minimale Fehler können den Globus ruinieren: Überlappen sich die Bahnen zu sehr, sieht man beim Betrachten dicke Längstreifen. Schlimmer noch: Geht etwas beim Kaschieren sehr schief, können Buchstaben von Städte- oder Ländernamen verschluckt werden. Das darf nicht sein.

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Wie sauber sie gearbeitet hat, überprüft Claudia deswegen nach dem Aufkleben, in dem sie die Kugel auf eine Lampe stellt und alles noch einmal akribisch anschaut. 

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Leuchtglobus von 1925 im Museum

Thomas Härtel, Verlagsleiter der Räthgloben 1917 Verlags GmbH, zwischen verschiedenen Globen. Bei Räthgloben entstehen die Weltkugeln noch in Handarbeit.  © Jan Woitas/dpa

Die Wurzeln der Globenfirma in Leipzig reichen bis ins Jahr 1917 zurück. Gründer Paul Räth habe mit Lehrmittelschaukästen begonnen und ab den 1920er Jahren Globen produziert, berichtet Härtel (52). Die erste kommerzielle Produktion von beleuchteten Globen wird Räth zugeschrieben.

Der Räthgloben 1917 Verlag, so der offizielle Firmenname, erlangte eine große Bedeutung. Nachvollziehen lässt sich das im Globenmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, nach eigenen Angaben das weltweit einzige seiner Art. Es beherbergt rund 820 Objekte - und 50 davon sind Globen von Räth, wie die Sprecherin der Nationalbibliothek, Elke Koch, mitteilt. 

Ein frühes Exemplar eines Leuchtglobus von Räth aus dem Jahr 1925 werde dauerhaft im Museum in Wien ausgestellt. Vier weitere Leuchtgloben gehörten zur Studiensammlung. Im Bestand seien 42 Erdgloben, sechs Himmelsgloben und zwei Mondgloben aus dem Hause Räth. 

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Räthgloben überstand den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung, wurde in der DDR verstaatlicht und nach der Wiedervereinigung privatisiert. Nach einer Insolvenz 1999 übernahm die italienische Firma Tecnodidattica das Unternehmen zu fast 100 Prozent. Räth ist eine von zwei Firmen, die in Deutschland Globen herstellt. Die andere ist der Columbus Verlag in Süddeutschland.

Politische Streitfälle auf dem Globus

Dafür müssen die elliptischen Zuschnitte passgenau auf eine Kunststoff- oder Glaskugel geklebt werden.  © Jan Woitas/dpa

Aktuell arbeiten fünf fest angestellte Mitarbeiter für Räthgloben, wie Härtel sagt. Sie stellen pro Jahr rund 1000 handkaschierte Weltkugeln her. Die Nachfrage sei nach wie vor da, sagt der Verlagsleiter. Außerdem läuft der Vertrieb von maschinell in Italien gefertigten Globen für den deutschsprachigen Markt über Sachsen. Globen würden heutzutage viel online verkauft, aber auch nach wie vor über den Buchhandel sowie über Spielwaren- und Lehrmittelhändler.

Eine Herausforderung für die Branche sind die politischen Verschiebungen auf der Welt. "Es gibt eigentlich immer irgendwelche politischen Streitfälle", sagt Verlagsleiter Härtel. Er nennt als Beispiele die Krim und den Golf von Mexiko, den US-Präsident Donald Trump per Dekret in Golf von Amerika umbenannt hat. Das Unternehmen halte sich bei seiner Kartografie an die offizielle Linie Deutschlands und der EU. "Die Krim gehört bei uns zur Ukraine, der Golf von Mexiko heißt noch so."

Dennoch muss auf den Globen immer wieder etwas geändert werden. "Es gab die Abspaltung des Südsudan. Die Republik Mazedonien heißt nach einem Streit mit Griechenland jetzt Nordmazedonien." Kasachstan sei mit seiner Hauptstadt nicht das beständigste Land.

"Wenn so eine Änderung offiziell wird, wird es in der nächsten Auflage geändert", sagt Härtel. "Aber wir können nicht 300 Globen wegschmeißen, nur weil Kasachstan mal wieder die Hauptstadt ändert."

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Weltreise auf der eigenen Weltkugel

Räthgloben erfüllt in seiner kleinen Manufaktur auch Sonderwünsche.  © Jan Woitas/dpa

Was für die aktuelle Kartografie ein Problem ist, ist aus Sicht des Globenmuseums in Wien zugleich die Stärke historischer Weltkugeln im digitalen Zeitalter. "Digitale Karten und historische Globen erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Während Google Maps unseren Alltag erleichtert, eröffnen historische Globen einen Blick in die Wissens- und Kulturgeschichte. Sie zeigen nicht nur geografische Kenntnisse ihrer Zeit, sondern spiegeln auch das jeweilige Weltbild, den Stand der Wissenschaft und die künstlerische Gestaltung jener Zeit wider", heißt es vom Museum.

Räthgloben erfüllt in seiner kleinen Manufaktur unterdessen auch Sonderwünsche. Unter anderem habe das Stadtgeschichtliche Museum in Leipzig für sein Kaffeemuseum im Haus "Zum Arabischen Coffe Baum" einen Globus bestellt, auf dem der sogenannte Kaffeegürtel dargestellt ist - also die Regionen nördlich und südlich des Äquators, in denen Kaffee angebaut wird.

Häufig werde ein Globus auch als Geschenk oder zu einem besonderen Anlass gekauft, sagt Härtel. Ein Privatmann habe sich nach einer Weltreise bei der Firma gemeldet und die Daten seiner Tour übermittelt. Seither besitze er einen handgefertigten Globus, auf dem er anhand eigens markierter Punkte seine Traumreise immer wieder nachvollziehen könne.

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