"Kleiner Bruder" lebt und arbeitet in Leipzig-Grünau: Wenn Gott dich in die Platte führt
Leipzig - Sie sind nur drei, aber zu ihnen kommt die halbe Welt. In Leipzig hat sich die kleinste Ordensgemeinschaft von ganz Ostdeutschland niedergelassen. Ihre Mission: durch Arbeit und Lebensstil den armen und ausgegrenzten Menschen nahe sein. Die drei "Kleinen Brüder vom Evangelium" predigen aus der Platte, leben bescheiden zusammen in einem Plattenbau im Neubauviertel Leipzig-Grünau. Dafür sind Bruder Andreas (67), Michael (59) und Gotthard (67) sogar Genossen geworden.
Glaube braucht keinen Dom. Für die "Kleinen Brüder vom Evangelium" sind zwei identische und direkt übereinanderliegende Leipziger Plattenbauwohnungen ihr Kloster - jeweils drei Zimmer, Küche, Bad.
Vor Gott sind schließlich alle gleich - und das bezieht sich wohl auch auf ihre Wohnumstände. Die Kinderzimmer sind Gebetsraum und Wohnstuben mit Doppelstockbetten für die kleinen Evangelisten und ihre Gäste, das Wohnzimmer ihr Gemeindezentrum. Ein Raum der Stille ist für Rückzug und Gebete reserviert.
Turbulenter geht's dagegen regelmäßig in der Küche zu, dem Dreh- und Angelpunkt bei Besuchern, Feiern und Zusammenkünften. Denn nicht nur Liebe geht durch den Magen, sondern offenbar auch Religion.
"Wir haben oft Gäste aus dem Viertel, dann wird zusammen gekocht und gegessen", sagt Bruder Andreas Knapp (67). Weil er in Rom Theologie studierte und in Neapel arbeitete, tischt er dabei gern seine italienischen Lieblingsgerichte auf - von Pizza bis Pasta, "aber auch Hausmannskost".
Im Plattenbau findet einmal pro Woche ein gemeinsames Gebet statt
Bruder Michael (59), der länger in Frankreich lebte, steuert frankophile Geschmacksnoten bei.
Als Dessert wird zum Ausklang des Abendmahls manchmal Gitarrenbegleitung beim gemeinsamen Singen serviert. Die appetitliche Kombi aus Mahlzeit, Melodien und Mission ist das Credo der "Kleinen Brüder". Zusammen essen, leben, beten.
"Jeden Donnerstagabend laden wir zum gemeinsamen Gebet ein", erzählt Andreas. "Dann kommen meist acht bis zehn Interessenten aus der Nachbarschaft."
Doch auch kleine Bruderprediger müssen am Monatsende Miete, Strom und Heizung zahlen. Deshalb gehen die drei unorthodoxen Berufen nach. Bruder Michael (59) ist gelernter Elektriker, arbeitet im Schichtsystem als Betreuer in einer Behinderteneinrichtung.
Bruder Gotthard (67) war vor seiner Rente Gefängnisseelsorger, kümmert sich jetzt in der Nachbarschaftshilfe um Einkäufe, das Ausfüllen bürokratischer Formularfluten für die Nachbarschaft und hilft beim Putzen.
Vor mehr als 20 Jahren fing alles an
Andreas hat nach seinem Studium als Wanderprediger eine ganze Litanei an Berufen ausprobiert: "In Neapel war ich ein Jahr lang als Bauarbeiter tätig. In Bolivien stand ich als Joghurtverkäufer mit einem Bauchladen auf dem Markt. Dort habe ich auch drogenabhängige Jugendliche aus brutaler Armut von der Straße geholt und sie als eine Art 'Geburtshelfer' für neue Perspektiven in ihrem Leben bei ihrer Alphabetisierung unterstützt. In Leipzig war ich dann als Gefängnisseelsorger tätig und stand für einen Versandbetrieb zehn Jahre lang am Fließband."
Und wie fing alles an? Vor 26 Jahren platzte Andreas zufällig in eine Wohngemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium" in Frankfurt am Main hinein und fühlte sich wie von Gottes Hand geführt.
"Die Gemeinschaft eines großen Freundeskreises abseits akademischer Milieus bei Menschen mit einfacher Arbeit und an sozialen Brennpunkten faszinierte mich", sagt er.
Die Nachbarn der Brüder waren Abbruchhäuser, Alkoholprobleme und Arbeitslosigkeit. "Trotzdem oder gerade deshalb war es eine verbindliche Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig bei Sorgen zuhörte und bei Problemen half."
Mehrere Städte kamen für die Ordensgründung infrage
In Gottes Namen schloss sich Andreas einer Gemeinschaft in einem Vorort von Paris an, finanzierte die Brudergemeinde als Putzkraft in einem Altenheim mit.
Vor fast 21 Jahren zog es ihn zurück in die Heimat. Er fuhr mit zwei Ordensbrüdern auf der Suche nach einem passenden Ort für eine Neugründung mit dem Zug durch die neuen Bundesländer. Berlin, Magdeburg, Görlitz.
"Doch nirgendwo wurden wir freundlicher empfangen als in Leipzig", erinnert er sich. "Hier gab es offene Türen, gute Verkehrsanbindungen zu unseren größeren Bruderkommunitäten in Frankreich, und wir konnten über eine katholische Ordensgemeinschaft in Grünau schnell Kontakte knüpfen."
Um in deren Nachbarschaft an eine erste Bleibe in einer unsanierten Platte zu kommen, wurden sie Mitglieder einer Wohnungsgenossenschaft.
Die Brüder helfen oft Geflüchteten
Als ihre Platte saniert werden sollte, zogen die frisch gebackenen Genossen einmal innerhalb Grünaus um. Im Kursdorfer Weg sind die "Kleinen Brüder" heute zumeist Anlaufpunkt für Geflüchtete, vor allem aus Syrien, Afghanistan, dem Libanon und dem Irak.
"Manchmal sind wir die ersten Deutschen, die sie kennenlernen", sagt Andreas, der Geflüchtete aus Aleppo, auch schon mal vom Berliner Flughafen abholt.
Er hilft bei Behördengängen, Sprach- und Schulproblemen - alles unter der Maxime der "Kleinen Brüder": "Wir sind getragen von der Hoffnung, dass wir trotz verschiedener Charaktere, Nationalitäten, Religionen und Kulturen eine brüderliche Einheit sein können."
Die Kirche gibt ihren Segen, aber kein Geld
Die "Kleinen Brüder vom Evangelium" sind eine römisch-katholische Ordensgemeinschaft.
Als Gründer gilt René Voillaume (†97). Er zog sich 1933 zuerst mit einigen Gefährten in die Sahara von Algerien zurück und lebte in schlichter Gemeinschaft und klösterlicher Abgeschiedenheit.
Als Ordensgründung gilt der Aufbau der ersten Bruderschaft im Juli 1956 in Sambuc (bei Arles/Südfrankreich). Seitdem entstehen die kleinen Wohn- und Lebensgemeinschaften von drei bis vier Brüdern meist in Problembezirken.
Die "Kleinen Brüder" sind seit 1968 kirchlich anerkannt. Weil sie jedoch bewusst auf die Finanzierung durch Kirchensteuern verzichten, müssen die Ordensbrüder regulärer weltlicher Arbeit nachgehen.
Heute leben schätzungsweise 60 Mitglieder der Gemeinschaft in 15 Ländern der Erde.
Titelfoto: Bildmontage: Ralf Seegers

