Tod im DDR-Luxushotel! Wollte die Stasi hier einen Mord vertuschen?
Leipzig - Das Astoria Hotel in Leipzig sorgte in den vergangenen Jahren vor allem wegen seines baufälligen Zustands für Schlagzeilen. Zu DDR-Zeiten hingegen war es die Top-Adresse für alles, was Rang und Namen hatte. Dass dort vor 40 Jahren allerdings ein mysteriöser Todesfall geschah, wissen nur die wenigsten.
Diesen greift Historikerin Katrin Reiser (51) im Roman "Der Fall Fechtner" auf. Das Besondere daran: Das Buch basiert auf einer wahren Geschichte, denn der Mann, der im berühmten Astoria Hotel starb, war ihr Vater. Eine Geschichte, für die es kaum Beweise gibt, weil es sie wohl nicht geben sollte.
Im Juni 1986 befand sich Alfons Reiser, Delegierter des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Bonn, auf Dienstreise in der DDR. Die letzte Station war die Landwirtschaftsmesse in Leipzig.
Im Astoria, wo die internationale Delegation übernachtete, passierte das Unfassbare: "Am letzten Abend seiner Dienstreise ist er aus dem Fenster gefallen, nachts gegen 2 Uhr, und verstorben", berichtet Katrin Reiser, die das Buch unter ihrem Mädchennamen veröffentlicht hat, im Gespräch mit TAG24.
Nach den Geschehnissen am frühen Morgen des 23. Juni 1986 klingelten noch am selben Tag Beamte des Ministeriums bei den Reisers in Bonn und überbrachten die schreckliche Nachricht - Katrin war damals elf Jahre alt.
Ihr Vater soll einen Schwächeanfall gehabt haben und deswegen ans Fenster gegangen sein. Schon als Kind habe sie sich gefragt, wie man aus dem Fenster fallen kann, wenn einem schlecht wird. Angeblich war außerdem sein Zimmer von innen abgeschlossen, hieß es - ein Suizid stand im Raum.
Jahrzehntelange Spurensuche: Wurde Katrin Reisers Vater ermordet?
Gut zehn Jahre später begann Katrin Reiser, selbst zu recherchieren, beantragte Einsicht in seine Personalakte. Darin stand, ihr Vater habe unter Alkoholeinfluss gestanden, als er starb. Weil ihr ein Sturz dadurch wahrscheinlicher erschien, "habe ich die Sache erst mal auf sich beruhen lassen".
Doch weil die Informationen aus Ost und West über den Ablauf des letzten Abends stark voneinander abwichen, ließen die Geschehnisse Katrin nie ganz los. Dass es Mord gewesen sein könnte, hielt sie für abwegig - bis 2003.
Damals bekam sie einen Anruf von einem früheren Kommilitonen ihres Vaters, der davon sprach, dass die Stasi Alfons Reiser aus dem Fenster geworfen habe. Und so machte sie sich erneut auf Spurensuche, um das auszuschließen.
"Was ich dann gehört habe, war für mich schon unfassbar", erzählt Katrin Reiser. "Im politischen Bonn hat kaum jemand an einen natürlichen Tod geglaubt."
Der einzige andere Mitarbeiter von westdeutscher Seite, der von der ständigen Vertretung in Ost-Berlin angereist war, sei versehentlich in Reisers Hotelzimmer gelassen worden, weil man ihn für einen Stasi-Beamten hielt. Das erzählte er ihr zu Beginn ihrer Suche. Über den Fall selbst dürfe er aus beamtenrechtlichen Gründen nicht mit ihr sprechen.
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Unfall galt als unwahrscheinlich, doch Ministerium hielt sich im Hintergrund
Sonst seien die Informationen aus Personalakten, Bundes- und Stasiarchiv teils sehr spärlich, einzelne Dokumente wurden bei der Akteneinsicht aussortiert, ein zentraler Satz in den Akten der Bundesrepublik wurde gestrichen. Darin hieß es sinngemäß, dass ein Unfall aufgrund der Höhe und Breite des Fensterbretts und der Größe des Fensters unwahrscheinlich sei.
In Leipzig sei damals eine Nachrichtensperre verhängt und Zeugen zwar befragt worden - allerdings nur die, die selbst bei der Stasi als Inoffizielle Mitarbeiter tätig gewesen seien. In den Akten der DDR-Kriminalpolizei fehlen die Namen der ermittelnden Beamten.
"Ich habe gelernt, dass die Staatssicherheit beim Versterben eines Westbürgers ohnehin die Leitung der Ermittlungen übernahm." Es erschien Katrin immer mehr so, als sollte der Tod ihres Vaters unter den Tisch gekehrt werden.
Trotz berechtigter Zweifel am Unfallgeschehen habe das Landwirtschaftsministerium ihrer Ansicht nach damals zu wenig getan, um den Fall aufzuklären. So habe offenbar niemand in Erwägung gezogen, die Leiche auch in Bonn noch einmal obduzieren zu lassen. "Meiner Mutter hat man gesagt, dass gut ermittelt worden sei."
Und das, obwohl der Obduktionsbericht aus Leipzig erst viele Wochen nach dem tödlichen Sturz eingetroffen war. Fragte sich denn niemand, warum es so lange gedauert hat?
Leipziger Behörden ermitteln wieder
Aufgrund all dieser Indizien erschien ihr ein Tötungsdelikt immer wahrscheinlicher. "Mord ist das einzige Verbrechen, das nicht verjährt. Ich fand es einfach unangemessen, dass man das so hingenommen hat", erzählt die Autorin. "Die Regierung in Bonn hat entschieden, dass die deutsch-deutsche Annäherung schwerer wiegt als die Aufklärung der Todesumstände des eigenen Beamten. Umgekehrt müssen sich Ostdeutsche bis heute über ihr Verhalten in der DDR rechtfertigen."
Einen möglichen Mord heute nach so langer Zeit zu beweisen, dürfte schwierig werden. Dennoch hat Katrin Reiser Anzeige gegen Unbekannt wegen eines Tötungsdelikts erstattet, bekam dabei nun auch Unterstützung vom Ministerium.
Dieses bestätigte auf Anfrage von TAG24 zwar, in gutem Austausch mit ihr zu sein, äußerte sich sonst aber nicht zu dem Fall, "da es sich hierbei um eine sensible Personalangelegenheit und ein laufendes Verfahren handelt".
Die Anzeige von 2025 wurde zuständigkeitshalber nach Leipzig abgegeben, bestätigte eine Sprecherin der Polizeidirektion. Demnach sei der Sachverhalt in der Vergangenheit mehrfach geprüft worden, die aktuellen Untersuchungen dauern an. Damals wie heute gebe es bislang "keine Hinweise auf eine Straftat".
Das Buch sei der Versuch, die Geschehnisse vor 40 Jahren eben nicht einfach hinzunehmen. Dennoch steht bis heute die Frage im Raum, welchen Grund es gegeben haben könnte, ihren Vater umzubringen. Ob es einen Spionagehintergrund gab, ob man in Bonn wirklich nichts wusste, weiß sie nicht, aber: "Ich glaube, man war im Westen auch sehr naiv und kenntnislos."
Im Roman "Der Fall Fechtner - Die wahre Geschichte eines Fenstersturzes" schildert Katrin Reiser ihre Geschichte aus der Sicht von Ben Fechtner, dessen Vater Hans im Astoria in die Tiefe stürzte und der sich Jahre später auf Spurensuche macht - packend und ergreifend erzählt. Das Buch ist zum 40. Todestag ihres Vaters im Langen Müller Verlag erschienen.
Titelfoto: Christian Grube

