Zu Fuß über die Alpen: Tobias will 70.000 Euro für ein Jugendprojekt sammeln

Grimma - Er wandert unermüdlich, begibt manchmal sogar in Lebensgefahr: Der Grimmaer Tobias Burdukat (38) unternimmt ganz allein eine beschwerliche Reise. In 40 Etappen will der Sozialarbeiter 740 Kilometer von Oberstdorf bis ins italienische Triest über die Alpen laufen. Dabei muss er etwa 47.000 Höhenmeter erklimmen und rund 160 Gipfel erobern. Am Ende hofft er, damit mindestens 70.000 Euro für sein Projekt "Dorf der Jugend" zu sammeln.

Blickt allen Herausforderungen optimistisch entgegen: Am schönen Alpsee lässt Tobias Burdukat (38) den ersten Wandertag ausklingen.
Blickt allen Herausforderungen optimistisch entgegen: Am schönen Alpsee lässt Tobias Burdukat (38) den ersten Wandertag ausklingen.  © privat

Alle nennen den Sachsen nur "Pudding", weil er in der Grundschule beim Raufen mit den Mädchen immer verlor. Davon geblieben ist nur der Spitzname und die Kampfeslust. Die brauchte er zuletzt auch. Denn seit Tobias Burdukat am 19. Juni das Abenteuer Alpenüberquerung in Oberstdorf startete, musste er viele Hürden nehmen.

Die Probleme begannen gleich am ersten Tag. "Anfangs war ich mit einem Kumpel unterwegs. Wir dachten, dass wir bis zum Gipfel noch auf eine Wasserstelle treffen. Aber dann kam stundenlang nichts", erzählt er. An diesem Tag herrschten über 30 Grad. "Auf dem ersten Gipfel haben wir uns dann an einem Schneefeld etwas Schnee geschmolzen."

Was ihm an diesem Tag die Wasserflaschen füllte, sollte in den folgenden Tagen zur echten Tortur für Tobias Burdukat werden. "Es lag so viel Schnee, dass ich tagelang Schneefelder kreuzen musste. Das war anstrengend und gefährlich", berichtet der Abenteurer, der seit vielen Jahren Bergwandern und klettern geht.

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Die brenzligste Situation bisher: "Ich bin allein über ein riesiges Schneefeld am Steilhang gelaufen, als plötzlich Nebel aufzog", erinnert er sich. In den Bergen wohl eine der gefährlichsten Lagen, in die man geraten kann. "Zum Glück hatte ich mir vorher ein paar Felsbrocken gemerkt, um zu wissen, wo ungefähr der Weg lang geht", fährt er fort. "Aber ich hatte ganz schön Angst, ob ich den Durchstieg auf die andere Seite der Gipfelkette finde."

Weniger glimpflich ging ein Abstieg am dritten Tag seiner Tour aus, als er auf einer im Laub versteckten Wurzel ausrutschte. "Normalerweise kann man das abfangen. Aber der schwere Rucksack hat Fliehkräfte entwickelt und mich den Hang runter geworfen. Da habe ich mir den Fuß ein bisschen verknackst", sagt Tobias Burdukat.

Tobias ist daran gewöhnt, dass man ihm Steine in den Weg legt

Aufbruch in ein großes Abenteuer. Tobias Burdukat hofft, dass am Ende 70.000 Euro für die Zukunft der Jugend in Grimma zusammen kommen.
Aufbruch in ein großes Abenteuer. Tobias Burdukat hofft, dass am Ende 70.000 Euro für die Zukunft der Jugend in Grimma zusammen kommen.  © privat

17 Kilo wiegt sein Rucksack. Dabei hat er nur das Nötigste: "Steigeisen, Eispickel, Wanderstöcke, Kletterausrüstung, Schlafsack, eine Küche bestehend aus Topf, Teller, Besteck, Tasse, Gaskocher und Kartuschen, Salz und Pfeffer, außerdem Waschtasche, Erste-Hilfe-Set, viel Wasser, etwas Essen und das, was ich anhabe", zählt er auf.

Seinem Fuß geht es inzwischen zwar wieder besser. Dafür plagen ihn Blasen. "Mittlerweile habe ich mich an den Schmerz gewöhnt", meint er schmunzelnd.

Aufgeben ist für den Sozialpädagogen keine Option. Dass ihm Steine in den Weg gelegt werden, ist er gewohnt. "Schwierigkeiten einer solchen Reise kann man gut mit bestimmten Problemen in der alltäglichen Jugend- und Geflüchtetenarbeit vergleichen", erklärt Tobias Burdukat. Es sei ein ständiges Auf und Ab. Mit der Alpenüberquerung möchte er auf die Probleme aufmerksam machen.

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"Jedes Jahr aufs Neue müssen wir Fördermittel beantragen und es ist unklar, ob wir die auch bekommen." Das nächste Dilemma: "Wir bekommen von Verwaltungsmenschen und der Politik gesagt, wie wir unsere Arbeit zu machen haben. Wir müssen uns so oft für die Finanzierung verbiegen, dass man irgendwann gar nicht mehr das macht, was man machen will", ärgert sich der 38-Jährige, der 2013 das "Dorf der Jugend" ins Leben rief und dafür 2016 sogar mit der "Goldenen Henne" ausgezeichnet wurde.

Mit der Alpenüberquerung soll Geld für das "Dorf der Jugend" gesammelt werden

Für dieses Projekt überquert er die Alpen: In der "Alten Spitzenfabrik" in Grimma können sich die Jugendlichen beim Skaten, Schrauben oder Gärtnern ausleben.
Für dieses Projekt überquert er die Alpen: In der "Alten Spitzenfabrik" in Grimma können sich die Jugendlichen beim Skaten, Schrauben oder Gärtnern ausleben.  © PR

Im Mittelpunkt seines Konzepts steht die aktive Beteiligung der Jugendlichen, die sich in der "Alten Spitzenfabrik" in Grimma inzwischen ein eigenes Domizil geschaffen haben - mit Gärten, Fahrradwerkstatt, Containercafé und Skatepark.

Doch gerade mit letzterem gibt es nun Schwierigkeiten. "Die Stadt hatte eine Fläche an der Spitzenfabrik dafür asphaltiert. Im Nachgang hat sich raus gestellt, dass die Stadt aber keinen Bauantrag gestellt hatte. Deshalb muss das jetzt zurückgebaut werden", erklärt Tobias Burdukat.

Um sich unabhängiger von staatlicher Finanzierung zu machen, soll nun eine GmbH gegründet werden, zwei Teilzeitstellen für Sozialarbeiter geschaffen und der Bauantrag für eine CO2-neutrale Skatehalle auf dem Gelände der Spitzenfabrik auf den Weg gebracht werden.

"Aufs Dach wollen wir eine Solaranlage bringen, um uns vom Strom unabhängig zu machen und gleichzeitig Geld zu verdienen, das dann wieder in die Sozialarbeiterstellen fließen soll", beschreibt er.

Seine Vision: "Unser Wunsch wäre, dass wir mit dem Bauantrag Sportfördermittel beantragen können, da Skaten ja seit diesem Jahr olympisch ist. Vielleicht könnten wir eine Olympia-Trainingsstätte im ländlichen Raum werden. Sowas gibt's in Sachsen noch nicht".

Mahlzeit! Bei einem selbst gezauberten Nudelgericht genießt der Sachse die Einsamkeit in der Natur.
Mahlzeit! Bei einem selbst gezauberten Nudelgericht genießt der Sachse die Einsamkeit in der Natur.  © privat

Wandern für den guten Zweck

Doch für all das braucht es zunächst Geld, nämlich mindestens 70.000 Euro, die über die Fundraising-Plattform Startnext gesammelt werden sollen. Dafür "quält" sich Tobias Burdukat nun seit gut zwei Wochen über die Gipfel der Alpen.

Inzwischen ist er im südtirolischen Meran angekommen. Am 2. August möchte er schließlich Triest erreichen. Bis dahin hofft er vor allem auf besseres Wetter - auch um die schönen Aussichten genießen zu können.

"Auf dem Cottbuser Höhenweg auf einem Felsvorsprung hatte ich einen 360-Grad-Panorama-Rundblick. Das war ein emotional sehr ergreifender Moment. Da musste ich mich erstmal eine Stunde hinsetzen und sammeln", beschreibt er den bislang schönsten Moment seiner Reise. Mehr Infos unter startnext.com/hikefor.

Titelfoto: privat

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