Händler statt Bettler: Mit der Straßenzeitung aus der Lebenskrise

München - Sie heißen "Hinz & Kunzt", "Trott-War", "drobs", "Straßenkreuzer" oder "Asphalt" - rund 25 Straßenzeitungen gibt es in ganz Deutschland. Verkauft werden sie von Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, arm und manchmal auch obdachlos. Eine der bekanntesten ist die Münchner Zeitschrift "Biss", nicht nur, weil der schillernde Modezar Rudolph Moshammer das Projekt über seinen Tod hinaus förderte.

Tibor Adamec (86) ist der dienstälteste Verkäufer der Münchner Straßenzeitung "Biss".
Tibor Adamec (86) ist der dienstälteste Verkäufer der Münchner Straßenzeitung "Biss".  © Sven Hoppe/dpa

Sie ist auch die erste Straßenzeitung, die in Deutschland gegründet wurde, nach dem Beispiel anderer Länder wie Großbritannien oder den USA. Am Dienstag (17. Oktober) feiert "Biss" das 30-jährige Bestehen.

Der Kampf gegen Armut eint die Blätter, die nach ähnlichen Prinzipien arbeiten. "Sie geben den Menschen eine schnelle, würdige und legale Möglichkeit, Geld zu verdienen, während gleichzeitig die Gründe der Armut durch Journalismus und Interessenvertretung angesprochen werden", schreibt das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP) mit Sitz im schottischen Glasgow, dem weltweit 90 Zeitungen in 35 Ländern angehören.

"Um effektiv Armut zu bekämpfen, müssen wir den Menschen zuhören, die sie erlebt haben."

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2,80 Euro kostet das "Biss"-Magazin mit dem roten Schriftzug und einer Auflage von rund 42.000, das etwa 100 Menschen in der bayerischen Landeshauptstadt verkaufen, vor allem Männer und einige Frauen. Eine Besonderheit des Projektes ist die Tatsache, dass der gemeinnützige Verein Biss e.V. viele der Verkäufer anstellt und ihnen so Sicherheit samt Sozial- und Krankenversicherung bietet.

"Die Zeitung spielt bei uns nur die zweite Geige. Es geht bei Biss um die Verkäuferinnen und Verkäufer", sagt Geschäftsführerin Karin Lohr mit Blick auf die Gründungsidee, Menschen in sozialen Schwierigkeiten Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

"Biss": Spenden aus Mitleid schaden dem Projekt

Der Münchner Modezar Rudolph Moshammer unterstützte das Projekt "Biss" über seinen Tod hinaus.
Der Münchner Modezar Rudolph Moshammer unterstützte das Projekt "Biss" über seinen Tod hinaus.  © Frank Leonhardt/dpa

Das notwendige Geld kommt unter anderem durch den Zeitungsverkauf, aber etwa auch durch Spenden oder Patenschaften. Zwischen 16 und 39 Stunden arbeiten die Beschäftigten pro Woche, je nach Zahl der verkauften Zeitungen können sie im Monat bis zu rund 1889 Euro netto verdienen.

Nicht mit Geld aufzuwiegen ist das Gefühl, wieder eine regelmäßige Arbeit zu haben, eine Tagesstruktur und Kontakte zu anderen Menschen.

Doch das Selbstbewusstsein kann leiden, wenn Menschen ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen und der Verkäuferin am Bahnhof oder vor der Kneipe nur Geld zustecken, ohne das Heft haben zu wollen. Eine Spende aus Mitleid, die dem eigentlichen Zweck zuwiderläuft.

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Denn die Leute, die verkaufen, wollen gerade keine Almosen, sondern wieder Teil der Gesellschaft sein.

Professionelle Journalisten schreiben die Artikel für die Münchner "Biss"

Die Münchner "Biss" ist die erste Straßenzeitung, die in Deutschland gegründet wurde.
Die Münchner "Biss" ist die erste Straßenzeitung, die in Deutschland gegründet wurde.  © Sven Hoppe/dpa

So wie der dienstälteste Verkäufer von "Biss": Tibor Adamec ist seit der Gründung des Blattes dabei und seit 1998 fest angestellt. "Ich bin doch kein Bettler, ich bin Händler", sagt der 86-Jährige. Adamec ist für sein schickes, gepflegtes Aussehen und seine zurückhaltende Art bekannt. "Wichtig ist die Persönlichkeit, die verkauft", sagt er.

Die gibt ihm wohl auch das Selbstbewusstsein, sich gegen Pöbeleien zu wehren. Einem "Geh doch arbeiten, du faule Sau" habe er mal ruhig entgegnet: "Ich bin doch angestellt".

Sonst bekomme er aber viel Wertschätzung von seinen Kunden, die er zum Teil seit Jahren kenne. Das sei Balsam für die Seele, "da komme ich mir vor wie ein Heiliger". Wohl auch deshalb fehlt dem Rentner etwas, wenn er mal frei hat und nicht an seinem Stammplatz am Marienplatz steht.

Damit die Kunden treu bleiben, will Karin Lohr ihnen etwas bieten. "Die Zeitung muss von Profis gemacht werden. Sie muss so gut sein, dass unsere Leute das auch verkaufen können", meint die Soziologin.

Professionelle Journalisten schreiben bei "Biss" Artikel, von Politik über Gesellschaft bis hin zu Sozialthemen wie psychischen Problemen oder Gewalterfahrung. Auch Betroffene schreiben und geben Einblicke in eine Welt, mit der viele Leser sonst keine Berührung hätten.

Wirtschaftskrise auch bei Straßen-Händlern spürbar

Die Wirtschaftskrise ist auch für die Straßenzeitung-Händler spürbar.
Die Wirtschaftskrise ist auch für die Straßenzeitung-Händler spürbar.  © Sven Hoppe/dpa

Die Magazine seien eine "Brücke zwischen den Milieus", beschreibt es Volker Macke, Sprecher der deutschsprachigen Straßenzeitungen und Chefredakteur von "Asphalt" in Hannover.

Doch die Wirtschaftskrise und die steigenden Preise sind auch hier spürbar. Tendenziell seien die Auflagen bis auf wenige Ausnahmen rückläufig, sagt Macke. Viele Leute müssten stärker aufs Geld schauen. Es gebe sogar Stammkunden, die sich von den Verkäufern regelrecht verabschiedet hätten. Zudem seien die Menschen gehetzter und hätten weniger Zeit für Gespräche.

Um zu bestehen, probieren Zeitungen vieles aus, etwa bargeldlose Bezahlung. Sie feilen am Design, um Jüngere zu begeistern. Dann ist da noch die Digitalisierung. Es gebe digitale Angebote als Ergänzung zum Printprodukt, erzählt INSP-Chef Mike Findlay.

Doch das gedruckte Heft ist für ihn unabdingbar. Für ihn zählt der direkte Kontakt, wenn der Verkäufer dem Kunden die neue Ausgabe in die Hand drückt: "Wir sehen, dass die Verkäufer gesundheitlich und von ihrem Wohlbefinden her profitieren wegen des sozialen Aspektes ihrer Arbeit".

Diese Wertschätzung wünscht sich auch Lohr von den Menschen, denen jemand eine Straßenzeitung anbietet: "Für ein Lächeln oder ein freundliches Gesicht und dass man grüßt und jemanden erkennt als Mensch, dafür muss man kein Sozialarbeiter sein".

Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

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