Kreative Ideen und klare Forderungen: Auch Hessens Theater leiden unter Energiekrise

Wiesbaden - Einige setzen auf Körperwärme, andere auf Glühwein: Hessens Theatereinrichtungen kämpfen bereits jetzt gegen steigende Energiekosten.

In hessischen Kulturstätten wie dem Schauspiel Frankfurt werden die steigenden Energiekosten immer mehr zum Problem.
In hessischen Kulturstätten wie dem Schauspiel Frankfurt werden die steigenden Energiekosten immer mehr zum Problem.  © DPA/Arne Dedert

"Mittelfristig werden die Bühnen aller Voraussicht nach ihr Produktionsverhalten ändern müssen", sagte Claudia Schmitz (52), Direktorin des Deutschen Bühnenvereins, der Deutschen Presse-Agentur. Sie gehe davon aus, dass die entstehenden Mehrkosten "immens sein werden".

Um Kultureinrichtungen aufzufangen, brauche es daher kurzfristig finanzielle Unterstützung. Die soll, wenn es nach Kulturstaatsministerin Claudia Roth (67, Grüne) geht, auch bald kommen. Vorgesehen ist dafür im Wirtschaftsstabilisierungsfonds eine Milliarde Euro. Bund und Länder hatten sich vergangene Woche auf Entlastungsmaßnahmen geeinigt.

"Der vom Bund und den Ländern aufgesetzte Kulturfonds Energie hilft den Theatern und Orchestern kurzfristig bei der Kompensation von Energiekosten", sagte Schmitz. Auch langfristig sei die Politik in der Verantwortung, die Theater weiter zu unterstützen.

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"Die Energiekrise bringt die Sanierungsstaus der Bühnen zutage – hier tun perspektivisch Förderprogramme zur energetischen Sanierung der Theater und Konzerthäuser Not", erklärte die Direktorin.

Das Staatstheater in Wiesbaden blickt mit Sorge auf den Winter. "Die Energiekosten sind um 40 Prozent angestiegen", sagte eine Sprecherin. Die Lage sei zudem verschärft, da auch die Preise für Baumaterialien von Bühnenbildern steigen. Allein in diesem Jahr habe es im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 30 Prozent gegeben.

Nicht nur Energiekosten: Auch gestiegene Kosten für Baumaterial machen Theatern zu schaffen

Auch das Staatstheater in Wiesbaden blickt mit großer Sorge in Richtung Winter.
Auch das Staatstheater in Wiesbaden blickt mit großer Sorge in Richtung Winter.  © DPA/Arne Dedert

Um Kosten zu sparen, müsse das Theater den Energieverbrauch im Vergleich zu 2019 um etwa 20 Prozent senken. Um das zu erreichen, sollen die Raumtemperaturen auf 19 Grad gesenkt werden.

Eine geringere Raumtemperatur allein reicht aber nicht aus. Auch im Bereich der Beleuchtung soll gespart werden. "Eine Modernisierung der Beleuchtungskörper brächte das höchste Einsparpotenzial. Allerdings wären hier enorme Investitionen nötig."

Auch das Schauspiel Frankfurt unternimmt bereits Schritte, um die Energiekosten zu senken. "Wir haben LED-Lampen in den Probebühnen eingebaut, die Werbetafeln werden ab 22 Uhr bis 6 Uhr abgeschaltet und auch in der Spielzeitpause werden bestimmte Dinge einfach umgebaut", sagte eine Sprecherin. Wie genau sich die Maßnahmen auf die Energiekosten auswirken, sei bisher noch unklar.

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Doch auch in Frankfurt bleibt es nicht mehr kuschlig warm. Die Raumtemperatur wird zunächst auf 19 Grad abgesenkt. "Da wird sicherlich niemand frieren oder mit Jacke dasitzen müssen", sagte die Sprecherin. Eine große Rolle spiele dabei die Anzahl der Besucher, da die Gruppenwärme auch das individuelle Kälteempfinden beeinflusse.

In Marburg arbeitet man nicht mit Gruppenwärme, sondern mit Glühwein. Zumindest dann, wenn es wirklich zu kalt wird. Schon in den Wintern zuvor wurde Gästen des Theaters Glühwein zum Aufwärmen angeboten.

"Wir sind an eine gewisse Flexibilität gewöhnt mit der Kälte", sagte Intendantin Carola Unser-Leichtweiß, die gemeinsam mit Eva Lange (49) das Hessische Landestheater in Marburg leitet.

Gesenkte Raumtemperatur und Glühwein vor der Vorstellung: Hessens Theater werden kreativ

Grünen-Ministerin Claudia Roth (67) fordert kurzfristige und unkomplizierte Hilfen für die leidgeplagten Kultureinrichtungen.
Grünen-Ministerin Claudia Roth (67) fordert kurzfristige und unkomplizierte Hilfen für die leidgeplagten Kultureinrichtungen.  © dpa/Kay Nietfeld

Dort zeichnet sich bisher noch ein eher ruhiges Bild ab. Dennoch sei man bemüht sich Maßnahmen zu überlegen, die für Einsparungen bei den Energieausgaben sorgen. "Wir sehen es eher als Chance, um zu schauen, wie geht es mit der Nachhaltigkeit weiter. Die Krise ist wie ein Beschleuniger", betonte die Intendantin.

Die Energiekrise wirkt sich nicht nur auf den Theaterbetrieb selbst aus. Auch die Kunden haben mit Inflation zu kämpfen. "Tatsächlich ist es eine Realität, dass Abokündigungen kommen, weil Menschen Angst haben, die Miete oder die Nebenkosten nicht zahlen zu können", sagt Eva Lange.

So wägten die Leute mittlerweile ab, wofür sie ihr Geld ausgäben. Hinzukommen Corona-Spätfolgen: "Man hat die soziale Praxis ins Theater zu gehen ja auch ein stückweit verlernt", so Lange.

Laut dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst ist das Vor-Corona-Niveau noch nicht erreicht. "Viele Kultureinrichtungen, darunter auch Theater, leiden aktuell doppelt", heißt es. Derzeit sei man bemüht, die Umsetzung des Milliarden-Beschlusses von Bund und Länder praktisch zu erarbeiten: "Details dazu, wem diese Mittel zugutekommen und wie sie beantragt werden können, sollen schnell erarbeitet werden".

Die Landesregierung appelliere an Kultureinrichtungen in der kommenden Heizperiode bis zu 15 Prozent Heizenergie und 5 Prozent des Stromverbrauchs einzusparen. All das Sparen solle aber nicht vom Theaterbesuch abschrecken.

"Kunst und Kultur können Hoffnung geben in Zeiten von Krieg und Krise, eine Perspektive aufzeigen und manchmal auch einfach ein paar Stunden lang Sorgen und Ängste vergessen lassen", betonte das Ministerium.

Titelfoto: DPA/Arne Dedert

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