Harmlos oder gefährlich? Was ein Arzt zur Cannabis-Legalisierung sagt

Dresden/Immenhausen - Schon bald könnte der Konsum von Cannabis auch in Deutschland legal sein. Während die Ampel für ihren Vorstoß vor allem beim jungen Publikum gefeiert wird, weisen Ärzte nahezu ungehört auf mögliche medizinische Folgen hin. Wie gefährlich ist das Rauchen von Gras für die Lunge? Wir haben bei Prof. Dr. Stefan Andreas (60), Pneumologe und Chefarzt an der größten Lungenfachklinik Hessens in Immenhausen sowie Leiter der Task Force "Tabakentwöhnung" bei der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie nachgefragt.

Prof. Dr. Stefan Andreas (60) ist renommierter Pneumologe und Leiter der Task Force Tabakentwöhnung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie.
Prof. Dr. Stefan Andreas (60) ist renommierter Pneumologe und Leiter der Task Force Tabakentwöhnung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie.  © Stefan Andreas

Es ist eine seltsame Konstellation: Inmitten unserer arbeitenden Kollegen stehen wir an einem Montagnachmittag, bewaffnet mit einem Laptop und einer stabilen WLAN-Verbindung, an einem kleinen Tischchen im TAG24-Campus.

Auf der anderen Seite des Laptops sitzt Prof. Andreas im schicken weißen Kittel in seinem Büro. Er ist einer der renommiertesten Lungenmediziner des Landes, wir reden über das Kiffen.

Und das aus gutem Grund! Denn die meisten haben zu Recht das Gefühl, dass inmitten der allgemeinen Euphorie über die Legalisierung die Schattenseiten zweitrangig werden.

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Aber der Reihe nach. Ist das Rauchen von Cannabis eigentlich gefährlicher als das von Zigaretten, Herr Professor? "Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zunächst einmal geht es um die Frage, ob Cannabis überhaupt gefährlich ist."

Und das ist gar nicht so einfach herauszufinden. Viele Konsumenten des siebenfingrigen Blattes sind auch dem Glimmstängel nicht abgeneigt. "Wie will man dann feststellen, was die Ursache der gesundheitlichen Probleme ist?" Doch: "Mittlerweile ist es jedoch gut belegt, dass Cannabis-Konsum nicht gesund für die Lunge ist."

Seit Kurzem ist bekannt: Cannabis-Rauchen kann die Lunge schädigen

Aus medizinischer Sicht wissen wir über Cannabis noch deutlich weniger, als man sich das vielleicht denken würde.
Aus medizinischer Sicht wissen wir über Cannabis noch deutlich weniger, als man sich das vielleicht denken würde.  © Oliver Berg/dpa

Ach so? "Erst seit Kurzem wissen wir, dass es außerdem zu einer Diffusionsstörung kommt, wenn Cannabis längere Zeit geraucht wird. Das bedeutet, dass die Lunge in ihrem Job gestört ist, den Sauerstoff aus der Luft ins Blut zu bringen." Auch eine Lungenüberblähung kann die Folge sein.

Doch ab welcher Menge ist Kiffen gefährlich, beispielsweise im Vergleich zum Rauchen? "Das kann man schlecht vergleichen. Wir wissen zum Beispiel nicht so recht, was es im Verhältnis bedeutet, einen Joint zu rauchen. Wie viele Zigaretten sind das?

Da gibt es lediglich eine Faustregel: Ein Joint sind etwa zwei bis fünf Zigaretten." Sicherer sei es, Cannabis auf andere Form zu konsumieren, etwa als Keks oder Pflaster. "Die Schädigung der Lunge fällt dann weg. Weiter macht es einen großen Unterschied, ob Sie eine Droge rauchen, essen oder ein Pflaster kleben", sagt Prof. Andreas und beklagt, dass das "öffentlich nicht sehr bekannt" sei.

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"Der wichtige und große Unterschied ist, wie schnell die Substanz ins Gehirn kommt. Beim Rauchen ist das Nikotin beispielsweise in acht Sekunden im Hirnstamm angelangt, also dort, wo es seine abhängig machende Wirkung entfaltet. Wenn also eine Substanz schnell anflutet im Gehirn, dann macht sie viel schneller süchtig, als wenn sie langsam anflutet, wie z. B. bei einem Keks."

Macht Cannabis, entgegen aller Behauptungen also doch süchtig?

Die Redakteure Paul Schönlebe (21, l.) und Paul Hoffmann (29) im Gespräch mit Professor Andreas.
Die Redakteure Paul Schönlebe (21, l.) und Paul Hoffmann (29) im Gespräch mit Professor Andreas.  © Erik Töpfer

Woran das liegt? "Unser Gehirn ist so konstruiert, dass es Informationen, die sofort nach einer Handlung eintreffen, viel enger an diese verknüpft, als wenn das Stunden später kommt." Macht Cannabis, entgegen aller Behauptungen, also doch süchtig?

"Da bin ich kein Experte, ich bin ein Pneumologe und würde hier auch ungern Stellung beziehen wollen. Psychiatrische Fachgesellschaften sagen allerdings, dass Cannabis-Konsum beispielsweise in jungen Jahren nicht unbedenklich ist, die Entwicklung beeinflussen und abhängig machen kann."

Und wenn man sich eine Tüte Hasch nur gelegentlich als Genussmittel gönnt, ähnlich wie einen guten Whiskey oder eine Zigarre?

"Das Wort Genussmittel ist ein Framing der Industrie. Sie sagen, Alkohol kann man ja auch mal trinken, ohne gleich krank oder zum Alkoholiker zu werden. Das ist wissenschaftlich bewiesen, das stimmt. Anders sieht das bei Zigarettenrauchen aus. Da ist es nicht so, dass eine oder fünf Zigaretten pro Tag noch in Ordnung sind und keine Schäden verursachen. Es gibt eine Dosis-Wirkungsbeziehung, die nicht linear ist."

Das heißt, dass beispielsweise zwei Zigaretten schon fast so schädlich wie zehn sind. "Auch wenn das beim Cannabis nicht so gut zu untersuchen ist, ist bekannt, dass beim Konsumieren viele Partikel inhaliert werden. Ähnlich, wie bei der Inhalation von Feinstaub, ist das schädlich."

Eine klare Antwort lässt sich Professor Andreas nicht entlocken

Auf ein klares "Ja" oder "Nein" zum Cannabis-Konsum möchte sich der Professor nicht festnageln lassen.
Auf ein klares "Ja" oder "Nein" zum Cannabis-Konsum möchte sich der Professor nicht festnageln lassen.  © Christoph Soeder/dpa

Ok, Moment, Zeit für eine kurze Zusammenfassung: Der Konsum von Cannabis kann potenziell schädlich sein und kann potenziell süchtig machen beziehungsweise die Entwicklung junger Menschen beeinflussen.

Auf ein klares "Ja" oder "Nein" in Hinblick auf eine mögliche Legalisierung möchte sich Prof. Andreas aber nicht festnageln lassen. Was also tun?

Er und die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie sprechen sich für eine Art Kompromiss in Form von einer groß-angelegten Begleitstudie vor. "Man muss jetzt, gemeinsam mit den Fachleuten, aussagekräftige Studien konzipieren. In unserem Bereich könnte beispielsweise die Entwicklung der Lungenfunktion überwacht werden."

Doch das ist teuer. "Es braucht Wissenschaftler, die diese Menschen regelmäßig befragen. Man braucht eine Kontrollgruppe, die nicht raucht… Es ergibt keinen Sinn, schlecht kontrollierte Untersuchungen oder Untersuchungen der Industrie durchzuführen. Das wird die wichtigen Fragen nicht beantworten."

Schlussendlich bleibt also die Erkenntnis, dass nur die Ungewissheit gewiss ist. Cannabis kann die Lunge schädigen, Cannabis kann kontraproduktiv für die Entwicklung sein und Cannabis kann vielleicht sogar auf irgendeine Art süchtig machen. All diejenigen, die ihre Gesundheit schützen möchten, sollten wie beim Alkohol oder dem Rauchen einfach gänzlich auf den Konsum verzichten.

Titelfoto: Christoph Soeder/dpa

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