Kürzungen für Psychotherapie: "Fühle mich komplett im Stich gelassen"

Dresden - Psychotherapeuten bekommen ab dem 1. April 4,5 Prozent weniger Geld pro Sitzung. Das hat der Bewertungsausschuss nach einer Kostenprüfung beschlossen. Welche Folgen das haben kann, hat TAG24 mit Experten und Betroffenen besprochen.

Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber im Psychologischen Zentrum Dresden.  © Dipl.-Psych. Klaus Schütz/Psychologischen Zentrum Dresden, 123RF/pressmaster

Die Kürzung betrifft dabei alle Leistungen der ambulanten Psychotherapie - darunter Sprechstunden, Einzeltherapien oder Behandlungen in schweren Krisen.

Wie sich das im Alltag bemerkbar machen kann, erklärt Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber des Psychologischen Zentrums Dresden, im Gespräch mit TAG24. Seine Praxis behandelt neben Privatpatienten auch gesetzlich Versicherte (GKV) im Rahmen der Kostenerstattung.

"Spürbar wird die Kürzung im Alltag vor allem dort, wo Zeitaufwände bislang unzureichend abgebildet sind - etwa Koordination, Rücksprachen oder die kurzfristige Aufnahme akuter Fälle", erklärt er.

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Besonders für gesetzlich Versicherte könnte das Folgen haben. "Wir halten laufende Behandlungen stabil - die Kürzung nimmt aber Flexibilität und verlängert Wartezeiten, besonders dort, wo Erstattungswege Zeit kosten." Für GKV-Patienten könnte es daher künftig deutlich länger dauern, bis sie einen Therapieplatz bekommen.

Die Deutsche DepressionsLiga kritisiert das scharf. Pressesprecher Jonas Julino erklärt gegenüber TAG24: "Gerade weil psychische Erkrankungen weit verbreitet sind und viele Patienten schon heute Schwierigkeiten haben, zeitnah einen Therapieplatz zu finden, besteht die Sorge, dass diese Entscheidung die Versorgung weiter schwächt [...] und bestehende Kapazitäten eingeschränkt werden." Im GKV‑System liegen die Wartezeiten häufig bei drei bis fünf Monaten, in Einzelfällen auch länger.

Dipl.-Psych. Christian Decker rät im Interview mit TAG24, sich nicht entmutigen zu lassen: "Nutzen Sie die psychotherapeutische Sprechstunde als ersten Schritt. […] Auf dieser Basis können Sie bei Ihrer Krankenkasse das Kostenerstattungsverfahren beantragen und sich auch an Privatpraxen wenden. Wenden Sie sich zudem an Ihre Krankenkasse und fordern Sie aktiv einen Behandlungsplatz ein - das ist Ihr Recht."

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"Einsparungen bei ambulanten Therapien heute führen zu deutlich teureren Krankenhausbehandlungen morgen‘", so Dipl.-Psych. Christian Decker.  © Dipl.-Psych. Christian Decker / Psychotherapeutische Praxis Decker

Lange auf Hilfe warten zu müssen, belastet Betroffene stark

Diana (21) und Anke (28) wissen, wie es ist, lange auf Hilfe warten zu müssen.  © privat

Wie belastend die Suche nach psychologischer Unterstützung sein kann, zeigen die Beispiele von Diana, Kristin und Anke.

Diana (21) aus Dresden musste neun Monate auf einen Therapieplatz warten, obwohl sie stark unter Depressionen litt. Zuvor lebte sie im ländlichen Raum, wo es kaum Therapieangebote gab.

Dresdnerin Kristin (50) erlitt während der langen Pflege ihrer krebskranken Mutter ein Burn-out. Die Suche nach therapeutischer Hilfe überforderte sie so sehr, dass sie nach unzähligen Absagen aufgab. Nun versucht sie, ihre Gedanken in einem Tagebuch zu verarbeiten.

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Anke (28) aus Sebnitz musste im April 2025 den Tod ihrer Tochter verkraften. Als sie dringend therapeutische Hilfe suchte, verweigerte ihre Krankenkasse die Behandlung, da sie sich noch in einer zweijährigen Sperrfrist nach einer früheren Therapie befand. "Ich fühle mich komplett im Stich gelassen und weiß nicht, was ich noch machen soll", so die 28-Jährige gegenüber TAG24.

Solche Wartezeiten sind für viele Betroffene nicht nur belastend, sondern auch riskant. Beschwerden können sich verschlimmern und es kostet viel Energie, überhaupt Hilfe zu finden. Besonders Menschen, die ohnehin psychisch stark belastet sind, haben oft nicht die Kraft, zahlreiche Praxen anzurufen oder monatelang zu warten.

Am 28. März findet um 15 Uhr auf dem Altmarkt eine Demonstration des Dresdner Instituts für Psychodynamische Psychotherapie e. V. statt. Dabei sind nicht nur Therapeuten aufgerufen, sondern auch Patienten und alle, die die Initiative unterstützen möchten.  © Dresdner Institut für Psychodynamische Psychotherapie e. V.

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe

Dabei ist schnelle Hilfe entscheidend: Je länger die Behandlung verzögert wird, desto größer ist das Risiko, dass sich Symptome verschlimmern oder chronisch werden.

Und die Zahlen machen deutlich, dass immer mehr Menschen betroffen sind: Laut einer Auswertung der AOK Plus auf Anfrage von TAG24 wurden allein in Sachsen im Jahr 2023 rund 833.000 Menschen und im Jahr 2024 rund 854.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen diagnostiziert. Davon waren rund 259.000 Fälle auf Depressionen zurückzuführen.

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