Hans Modrow wollte die DDR "nicht aufgeben": Früherer Regierungschef wird 95 Jahre alt

Leipzig - Er war für kurze Zeit der mächtigste Mann der DDR und mischte auch nach der Wiedervereinigung politisch von links mit: Am Freitag wird der frühere DDR-Regierungschef Hans Modrow 95 Jahre alt. Bis ins hohe Alter kämpft er darum, das ihm verloren gegangene Land in ein besseres Licht zu rücken.

Hans Modrow (94), der letzte Ministerpräsident der DDR, beim Bundesparteitag der Partei Die Linke im Jahr 2018 in Leipzig.
Hans Modrow (94), der letzte Ministerpräsident der DDR, beim Bundesparteitag der Partei Die Linke im Jahr 2018 in Leipzig.  © Britta Pedersen/dpa

Modrow blickt auf ein vollgepacktes politisches Leben zurück. Der einst als Gorbatschow der DDR bezeichnete Linkspolitiker kam als Sohn eines Seemanns und Bäckers am 27. Januar 1928 im damals preußischen und heute zu Polen gehörenden Jasenitz zur Welt.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in Hitlers sogenannten Volkssturm eingezogen. In sowjetischer Gefangenschaft kam der Jugendliche an eine Antifa-Schule, eine Umerziehungsanstalt für deutsche Soldaten.

In der späteren DDR machte Modrow nach einer Ausbildung zum Maschinenschlosser Karriere in der FDJ, der Nachwuchsorganisation der Staatspartei SED. 32 Jahre lang gehörte er der DDR-Volkskammer an.

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Bis zur Wiedervereinigung war der Vater zweier Töchter zudem mehr als 20 Jahre lang Mitglied des Zentralkomitees, des höchsten Gremiums der Partei. In das Politbüro, den innersten Machtzirkel, stieg er allerdings erst zur Wendezeit und nach der Entmachtung Erich Honeckers (1912-1994) auf.

Trotz der strammen Parteikarriere galt Modrow in den 80er-Jahren als Alternative zur alten SED-Spitze, als Unterstützer der Reformpolitik Glasnost des Sowjetführers Michail Gorbatschow (1931-2022).

Modrow wird im November 1989 Regierungschef der DDR

1. Parteitag der PDS im Jahr 1990: Der damalige Parteivorsitzende Gregor Gysi (75, l.) im Gespräch mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, Hans Modrow.
1. Parteitag der PDS im Jahr 1990: Der damalige Parteivorsitzende Gregor Gysi (75, l.) im Gespräch mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, Hans Modrow.  © Peter Zimmermann/dpa/ZB

Er war Mitinitiator des Dresdner Dialogs mit der oppositionellen Gruppe der 20. Als Dresdner SED-Bezirkschef war Modrow aber auch zumindest mitverantwortlich für das harte Vorgehen der Volkspolizei gegen Demonstranten am Dresdner Hauptbahnhof im Wendeherbst.

Als Modrow im November 1989 Regierungschef der DDR und neben Gregor Gysi (75) stellvertretender Parteivorsitzender wurde, moderierte er nur noch den Übergang. Betonte er anfangs noch die Eigenständigkeit der DDR, so bekannte er sich später zur Einigkeit Deutschlands in Form einer Konföderation.

"Wir wollten die DDR nicht aufgeben", sagte der meist bescheiden auftretende Mann mit der heiseren Stimme und dem silbernen Haar in einem Interview.

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Bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 gewann die CDU vor der SPD und der aus der SED hervorgegangenen PDS. Mitte April übergab Modrow die Regierungsgeschäfte an den Vorsitzenden der DDR-CDU, Lothar de Maizière (82).

Der Politik blieb er dennoch treu. Modrow war noch einige Zeit Volkskammerabgeordneter, wurde Ehrenvorsitzender der PDS, saß mehrere Jahre lang im Bundestag und vertrat seine Partei bis 2004 fünf Jahre lang im Europaparlament.

"Weder Paradies noch Hölle"

Hans Modrow im Jahr 2014 mit Lothar de Maizière (82, r.).
Hans Modrow im Jahr 2014 mit Lothar de Maizière (82, r.).  © JOHN MACDOUGALL / AFP

Die politische Aufarbeitung ging freilich nicht an Modrow vorbei. 1995 wurde er am Ende eines langen Gerichtsstreits für seine Beteiligung an Wahlfälschungen in der DDR zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Die Bewährungsstrafe wurde in einem weiteren Verfahren wegen Meineids auf zehn Monate erhöht.

Noch bis zum vergangenen Jahr mischte sich Modrow als Vorsitzender des Ältestenrates der Linken in die Parteipolitik ein, kritisierte deren Ausrichtung und befand, die Partei sei "inzwischen in westdeutscher Hand". Er gilt als Stimme jener zumeist älteren Parteimitglieder, die bis heute der Idee des Staatssozialismus anhängen.

Als "Unrechtssystem" will Modrow die DDR nicht bezeichnen. Die DDR sei "weder Paradies noch Hölle" gewesen, sagte er einmal. Er selbst wurde nach eigenen Angaben rund sechs Jahrzehnte vom Bundesnachrichtendienst bespitzelt. Die Einsicht in die Akten hatte Modrow gerichtlich erstritten.

Auf die Frage, wie er auf sein Leben zurückblicke, sagte Modrow vor vier Jahren in einem Interview unter anderem der "Lausitzer Rundschau": "Wir haben in der DDR geliebt und gelebt - und nach 1990 auch." Er habe viel Freude gehabt, seine Enkel und Urenkel erlebten "keinen mit sich hadernden älteren Verwandten".

Titelfoto: Britta Pedersen/dpa

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