Nachgefragt bei Kai Wegner: Warum die CDU in Berlin blau und nicht schwarz ist

Berlin - Warum ist die CDU in Berlin eigentlich blau und wie will sie bei einem Wahlsieg das Bildungssystem zu neuen Höhen führen? Wir haben im zweiten Teil unseres Interviews mit Spitzenkandidat Kai Wegner (50) mal nachgefragt.

In diesem Blautürkis wirbt die CDU in Berlin um Wählerstimmen.
In diesem Blautürkis wirbt die CDU in Berlin um Wählerstimmen.  © Paul Zinken/dpa

TAG24: Warum haben Ihre Wahlplakate eigentlich so eine Anmutung von AfD oder FPÖ?

Kai Wegner: Unsere Farbe in diesem Wahlkampf ist Türkis. Diese Farbe leuchtet, sie ist stark sichtbar auf den Straßen. Das hat gar nichts mit der AfD zu tun – weder bei der Farbe, und erst recht nicht bei den Inhalten.

TAG24: Und warum das Logo in schwarz/gelb

Wegner: Das ist ein Sonnenaufgang-Orange. Das haben wir vor zweieinhalb Jahren gewählt, weil wir auch ganz bewusst deutlich machen, dass hier eine ganz neue Berliner CDU antritt. Dass uns das ein bisschen gelungen ist, mit unserem Logo Interesse zu wecken, zeigt ja Ihre Frage. (Lacht)

TAG24: Apropos neu! Wir schreiben das Jahr 2050, Sie haben zwischenzeitlich erfolgreich regiert: Wie schaut Berlin dann aus?

Wegner: Ich hoffe, dass es auch meine Nachfolger dann gut gemacht haben – bis dahin ist es ja noch ein ganzes Stück. Es wäre aber toll, wenn mir dann die Frage gestellt wird: "Mensch, wie hast Du das hinbekommen, dass wir im Bildungsranking nach vorne gekommen sind? Wie hast Du es hinbekommen, Strukturen aufzubrechen, damit Berlin wieder funktioniert - Stichwort Verwaltungsreform?"

Das muss doch der Anspruch sein: die funktionierende Stadt - lebenswert, mit tollen Bildungschancen, sicher und mit einem bis in die Außenbezirke hervorragend ausgebauten ÖPNV. Mit sicheren Radwegen, aber auch einem fairen Platz für das Auto.

Kai Wegner erklärt, was "Berlinliebe" für ihn bedeutet

Der Gendarmenmarkt gehört für Kai Wegner zu den schönsten Orten in Berlin.
Der Gendarmenmarkt gehört für Kai Wegner zu den schönsten Orten in Berlin.  © Annette Riedl/dpa

TAG24: Leute von außerhalb unterstellen Berlin gern mal, dass der Stadt das architektonische Herz fehlt. Wie schaut das in Zukunft aus: Hochhäuser oder romantische Gässchen...

Wegner: Wissen Sie, es kann für diese riesengroße Metropole, die einzig wirklich internationale Metropole in Deutschland, nicht die Antwort geben. Eine der Stärken Berlins ist die Vielfalt. Natürlich müssen wir schauen, wie wir die historische Mitte weiter gestalten.

Die Schinkel'sche Bauakademie neben dem Humboldt Forum muss wiederentstehen, wie sie einmal war. Am Alex oder dem Kurfürstendamm können wir schon mal in die Höhe gehen, das steht einer Metropole auch gut zu Gesicht. Aber in bestimmten Bereichen braucht es keine Wolkenkratzer. Kurzum: Die Vielfalt von Berlin erhalten und die internationale Metropole weiterentwickeln.

TAG24: Wo in der Stadt fühlen Sie sich eigentlich am meisten als Berliner?

Wegner: Überall! Einer meiner Lieblingsplätze ist der Gendarmenmarkt, einer der schönsten Plätze in Europa. Am wohlsten fühle ich mich natürlich zu Hause, ich komme aus Spandau und wenn ich da mit meinem Hund unterwegs bin, ist das einfach wunderschön. Aber auch auf dem Kurfürstendamm ist es toll, den Regenbogenkiez finde ich spannend. Berlin hat wirklich Vielfalt zu bieten, das muss man alles leben, alles mitnehmen.

TAG24: Ihre "Berlinliebe": Was ist das für Sie genau?

Wegner: Ich bin hier geboren, aufgewachsen und habe alles miterlebt. Berlin war immer meine Heimat, die schönste und spannendste Stadt auf der ganzen Welt. Das galt früher für das West-Berlin, in dem ich aufgewachsen bin und gilt heute für die vereinigte Stadt noch viel mehr. Diese Aufbruchsstimmung, dieser Optimismus nach dem Mauerfall war ganz besonders. Später wurde die Stadt noch bunt, junge Menschen kamen, Künstler, Start-ups… Diese internationale Metropole, die es jetzt ist, ist für mich das schönste Berlin.

Berlin-Wahl: "27 Jahre SPD-Verantwortung haben halt Spuren hinterlassen"

Unter Kai Wegner soll die Bildung in Berlin endlich wieder besser werden. Sie ist eine der Sachen, die laut CDU nicht funktioniert.
Unter Kai Wegner soll die Bildung in Berlin endlich wieder besser werden. Sie ist eine der Sachen, die laut CDU nicht funktioniert.  © Paul Zinken/dpa

TAG24: Spüren Sie den "Geist des Aufbruchs" heute noch?

Wegner: Der ist weg, die hohe Anziehungskraft für Künstler, Start-ups und Kulturschaffende stagniert. Hier muss weiter dran gearbeitet werden, das ist eine Riesenchance!

Allerdings kommen diese Menschen nicht zu uns, wenn sie merken, dass die Verwaltung nicht funktioniert, es schwer mit den Kita- und Schulplätzen wird. Diese Basics müssen funktionieren, dann wächst die Stadt weiter und wird bei den internationalen Metropolen dieser Welt weiter im Top-Feld spielen.

TAG24: Warum hat man die Bildung eigentlich so runtergewirtschaftet?

Wegner: 27 Jahre SPD-Verantwortung haben halt Spuren hinterlassen. Dieser Tage habe ich ab und an Diskussionsrunden mit Franziska Giffey. Wenn es da um Bildungspolitik geht, liefert sie eigentlich immer die gleichen Antworten:

Alle Schüler haben ein kostenloses BVG-Ticket, kostenloses Mittagessen, kostenlose Ganztagsbetreuung – alles kostenlos. Aber was ist mit der Qualität? Was ich nie von Frau Giffey höre, ist, dass wir die höchste Zahl an Schulabbrechern in ganz Deutschland haben. Dazu die höchste Zahl an Quereinsteigern in ganz Deutschland, dass Fachkräfte und Lehrkräfte die Stadt fluchtartig verlassen und wir marode Schulen haben.

TAG24: Was haben Sie denn gegen kostenloses Mittagessen für Schulkinder?

Wegner: Gar nichts. Bessere Qualität dazu wäre aber auch nicht schlecht. Aber das eigentliche Problem ist doch, dass die Defizite, das, was in den Klassenräumen falsch läuft, nicht angegangen wird. Es wird einfach zu sehr auf Nebensächlichkeiten und wohlklingende Versprechen geachtet, aber die eigentlichen Themen - Qualität in der Bildung, Zukunftschancen und Berufsorientierung - werden ignoriert. Das ist aus unserer Sicht das Kernproblem. Beispielsweise ist Berlin im nationalen Vergleich ganz weit hinten, wenn es darum geht, wie viele Kinder nach der vierten Klasse lesen und schreiben können. Das ist doch der Wahnsinn!

Das sagt Wegner zur Debatte um "Deutsch auf Deutschlands Schulhöfen"

In Berliner Klassenzimmern könnte so einiges besser laufen.
In Berliner Klassenzimmern könnte so einiges besser laufen.  © Jens Kalaene/dpa

TAG24: Weil auf Berliner Schulhöfen nicht "Deutsch gesprochen" wird?

Wegner: Weil mehr als 25 Jahre SPD-geführte Bildungsverwaltung Berlin in eine tiefe Bildungskrise gestürzt haben. München hat einen höheren Migrantenanteil als Berlin, aber dort funktioniert Bildung besser.

Zu Ihrer Ausgangsfrage: Na klar ist Deutsch unsere Amtssprache und es ist auch wünschenswert, wenn es gesprochen wird, nicht zuletzt wegen der Integration. Aber auch hier lassen SPD, Grüne und Linke leider viele Chancen ungenutzt.

TAG24: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wegner: Meiner Meinung nach liegt das daran, dass man auf Spracherwerb zu wenig Aufmerksamkeit legt. Warum hat man beispielsweise unter Rot/Rot die Vorschule abgeschafft, wo man genau diese Defizite feststellen und Kinder speziell fördern kann? Wir haben in Berlin zudem viel zu viele Schüler pro Klasse. Da können sich dann die Lehrer gar nicht mehr individuell um die Schwächen, oder auch Stärken, der einzelnen Kinder kümmern.

TAG24: Und warum stellt sich der Generalsekretär der Bundes-CDU, ein Berliner, hin und fordert das mit Schulhöfen genauso?

Wegner: Natürlich ist es das Ziel, dass auf den Schulhöfen Deutsch gesprochen wird. Dafür müssen wir noch mehr Angebote machen, sodass die Kinder die Sprache beherrschen. Übrigens: Wenn der Bund diese Fehlentscheidung trifft, die Sprachförderung an Kitas einzustellen, erwarte ich vom Land Berlin, dass es das auffängt und Sprachkitas weiterentwickelt werden.

Frage an CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner: Kitapflicht oder Vorschule?

TAG24: Was halten Sie von der Idee einer Kitapflicht, wo man eben dort spielerisch die Sprache lernt?

Wegner: Ich teile die Überzeugung, dass wir möglichst früh auch mit Verbindlichkeit ansetzen müssen, um Kinder bestmöglich zu fördern und ihnen die besten Zukunftschancen zu eröffnen. Ich trete dafür an, die bewährte Vorschule mit ihrer guten schulvorbereitenden Wirkung in Berlin verpflichtend wieder einzuführen.

TAG24: Ab welchem Alter?

Wegner: Ab dem Alter von etwa fünf oder sechs Jahren, sodass Kinder komplett auf die erste Klasse vorbereitet werden. Dabei können sprachliche und motorische Defizite festgestellt und gezielt angegangen werden. Sprachlich heißt übrigens nicht unbedingt Kinder mit Migrationshintergrund. Es gibt auch andere Familien in der Stadt, wo es grundlegende Defizite gibt.

Teil 1 des Interviews mit Kai Wegner könnt Ihr gerne noch einmal nachlesen!

Titelfoto: Paul Zinken/dpa

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