Berlin - Kurz nach 18 Uhr trat der Bundeskanzler überraschend in der CDU-Parteizentrale ans Mikro: Friedrich Merz (70, CDU) sprach zunächst knapp über die Wahl-Prognosen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Dann äußerte er sich zur schwierigen Situation im Land und kündigte die Fortsetzung seines Reformkurses als Kanzler und CDU-Chef an. Der große Knall - ein Rücktritt oder die Ankündigung der Vertrauensfrage - blieb aus.
Merz betonte, den schwarz-roten Reformkurs beibehalten zu wollen: "Diese Reformen sind das Mittel gegen das autoritäre Gift, das mit der Faszination des Autoritären immer tiefer in unsere Gesellschaft eindringt", erklärte der 70-Jährige am frühen Abend im Helmut-Kohl-Saal des Konrad-Adenauer-Hauses.
"Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld", sagte der Kanzler. "Ich werde das aufbringen als Parteivorsitzender der CDU und vor allem als Bundeskanzler unseres Landes."
Die Veränderungen gingen für viele auch mit Belastungen und neuen Unsicherheiten einher. In einigen Bereichen werde sich die Wirkung erst nach einiger Zeit einstellen.
"Aber genau deswegen können wir diese Entscheidungen jetzt nicht aufschieben. Die Reformen müssen kommen."
Merz sei "fest davon überzeugt, dass der Erfolg unserer Reformen nicht nur unser Zusammenleben verbessert, sondern auch unser Selbstbild und unser Bild in der Welt. Deutschland ist reformfähig." Nach wenigen Minuten verließ der Bundeskanzler die Bühne schon wieder.
"Desaster": CDU muss in Mecklenburg-Vorpommern um Parlament-Einzug bangen
AfD-Chefin Alice Weidel (47) hatte nach Bekanntwerden der Wahl-Prognosen auf eine deutlichere Reaktion von Merz gedrängt: "Das heißt im Bund eigentlich ganz klar: Friedrich Merz muss die Konsequenzen ziehen. Er muss es tun für seine Partei und auch für Deutschland", sagte sie im ZDF. Vier Tage vor den Wahlen hatten allerdings die acht mächtigen CDU-Ministerpräsidenten dem Kanzler mit einer gemeinsamen Erklärung Rückendeckung gegeben.
Umso überraschender sein Auftritt am Wahlabend, den Merz erst kurz zuvor angekündigt hatte. Schnell gab es Spekulationen über seine politische Zukunft. Eine persönliche Konsequenz zog der Kanzler am Sonntag jedoch nicht.
Nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern muss die CDU ersten Hochrechnungen zufolge nun sogar um den Einzug ins Parlament bangen, liegen bei rund 5 Prozent - "ein Desaster", wie Merz zugab. In Berlin landen die Christdemokraten bei der Abgeordnetenhauswahl voraussichtlich bei etwa 20 Prozent (-8,2 Prozent) im Vergleich zur letzten Wahl.
Erstmeldung 18.20 Uhr.