Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz: Noch vierstellige Zahl von Vermissten

Koblenz - Nach der Hochwasser-Katastrophe im Großraum Ahrweiler ist die Zahl der Todesopfer bis Sonntagmorgen nach Polizeiangaben auf mindestens 110 gestiegen.

Die Wassermassen und räumten jegliche Hindernisse aus dem Weg und sorgten für ein Bild der Zerstörung.
Die Wassermassen und räumten jegliche Hindernisse aus dem Weg und sorgten für ein Bild der Zerstörung.  © Philipp von Ditfurth/dpa

Es sei zu befürchten, dass noch weitere Todesopfer hinzukommen, teilte die Polizei am Samstagmorgen mit. Insgesamt liege dem Polizeipräsidium die Meldung über insgesamt 618 Verletzte vor. Auch diese Zahl könne sich noch weiter erhöhen. Mehr als zwei Tage nach dem Unglück werden noch Menschen vermisst.

In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler Schwerpunkt der Katastrophe. Am Freitag hatte Innenminister Roger Lewentz (58, SPD) noch von 63 Todesopfern gesprochen. Die Zahl der Verletzten lag am Freitag noch bei 362.

Unter den Toten sind zwölf Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig, an der Mündung der Ahr in den Rhein.

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"Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses", sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos.

Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des Wohnheims zu bringen. "Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät."

Am Freitag war an dem Gebäude eine etwa drei Meter hoch reichende Schlammschicht zu sehen, die über die Fenster des Erdgeschosses reichte.

Folgen der Hochwasserkatastrophe: Strom- und Telefonnetz vielerorts ausgefallen

Schutt und Schlamm durchfluteten die Straßen in Bad Neunahr-Ahrweiler.
Schutt und Schlamm durchfluteten die Straßen in Bad Neunahr-Ahrweiler.  © Philipp von Ditfurth/dpa

In vielen Ortschaften sei weiterhin das Strom- und Telefonnetz ausgefallen. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800/6565651 bei der Polizei melden. Die Hotline sei rund um die Uhr erreichbar und nehme jeden Hinweis entgegen.

Die Polizei war in der Nacht nach Angaben des Präsidiums mit vielen Einsatzkräften in den betroffenen Ortslagen im Einsatz. Durch das Unwetter seien viele Straßen im Ahrtal weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar. Die Polizei bittet darum, das Ahrtal weiträumig zu umfahren. Rettungswege müssen für Rettungskräfte frei gehalten werden.

Die Wetterlage hat sich inzwischen entspannt. Es bleibt aber wechselhaft, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Daher könne es auch weiter zu örtlichen Gewittern mit Starkregen kommen. Erst am Wochenende sollen die Niederschläge aufhören.

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Die Landesregierung beschloss die Einrichtung einer Stabsstelle Wiederaufbau. Die Bundesregierung will in der kommenden Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen in den Überschwemmungsgebieten entscheiden.

Update, 19. Juli, 16.19 Uhr: Seehofer: "Wir erleben eine unfassbare Tragödie"

Bundesinnenminister Horst Seehofer (72, CSU, l) gibt beim Besuch beim Technischen Hilfswerk, das dort im Hochwassereinsatz ist, ein Pressestatement.
Bundesinnenminister Horst Seehofer (72, CSU, l) gibt beim Besuch beim Technischen Hilfswerk, das dort im Hochwassereinsatz ist, ein Pressestatement.  © Thomas Frey/dpa

Bundesinnenminister Horst Seehofer (72,CSU) hat sich bei einem Besuch des Katastrophengebietes im Norden von Rheinland-Pfalz betroffen gezeigt. "Wir erleben in diesen Tagen eine unfassbare Tragödie", sagte er am Montag im vom Hochwasser hart getroffenen Bad Neuenahr-Ahrweiler. "Ich habe in einem langen politischen Leben mit vielen Katastrophen in Bayern mit Wasser und Schnee so etwas noch nie erlebt", sagte der Minister.

Es handele sich um eine Ausnahmesituation, "die wir auch bei aller Anstrengungen vor Ort nur in einem großen nationalen Kraftakt bewältigen können". In Begleitung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD) machte sich Seehofer auch einen Eindruck von Hilfseinsätzen wie dem Aufbau mobiler Trinkwasseranlagen durch das Technische Hilfswerk (THW).

Um den Menschen vor Ort zu helfen, stellen die Helfer des THW in der Eifelgemeinde sauberes Trinkwasser zur Verfügung. "Die großflächigen Überschwemmungen haben die Infrastruktur zerstört, an vielen Orten - wie im Stadtkern von Bad Neuenahr-Ahrweiler - gibt es kein Trinkwasser", sagte ein Sprecher des THW. Dort sind zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen aufgebaut worden: Sie können 30.000 Liter Wasser pro Stunde aufbereiten und somit Tausende von Menschen in der Region versorgen, sagte er.

Im Laufe des Montags sollte sauberes Wasser an Bürger abgegeben werden, ab Dienstag dann auch ins Netz des Krankenhauses eingespeist werden. Neben den beiden Anlagen sorgt bereits eine weitere Anlage im Ort Schuld für sauberes Trinkwasser. Zudem gebe es eine weitere vierte Anlage in Bereitschaft: "Wir schauen gerade, wo wir die aufbauen", sagte der Sprecher.

Update, 19. Juli, 16 Uhr: Lewentz: Noch vierstellige Zahl von Vermissten nach Überschwemmungen

In Rheinland-Pfalz werden nach der Hochwasserkatastrophe immer noch viele Menschen vermisst. "Wir sind insgesamt immer noch in einem vierstelligen Bereich", sagte Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Montag bei einem Besuch in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Genauer könne er die Zahl derzeit nicht angeben. "Wir haben in einem vierstelligen Bereich schon Vermisstensituationen nachverfolgen und auflösen können", betonte er. "Die Polizei arbeitet das sehr konsequent ab."

Unter Hinweis auf bisher 117 Todesopfer sagte Lewentz, die Todeszahlen stiegen nach wie vor an. "Und wenn Sie diese Verwüstungen hier sehen, dann können Sie sich vorstellen, dass wir noch weitere tote Menschen finden werden." Die Polizei habe am Montag begonnen, "Planquadrat für Planquadrat in die Häuser hineinzugehen". Dies müsse von der Polizei gemacht werden: "Nicht, dass Nachbarn ihre Nachbarn finden."

Die Suche nach Vermissten sei nach wie vor schwierig, weil Daten und Mobilfunksysteme "zusammengeklappt" seien. Jede Meldung müsse einzeln abgearbeitet werden. Bis zu 1200 Polizeibeamte seien im Einsatz. "Wir erleben, dass die Menschen sehr froh sind, uniformierte Kräfte zu sehen."

"Wir sind eingestellt auf eine enorm lange Lage. Das wird nicht in Wochen zu bewältigen sein, sondern wir gehen von Monaten aus", sagte der rheinland-pfälzische Innenminister. Der Wiederaufbau werde "enorme Gelder" benötigen: "Aber Bundesregierung und Landesregierung werden an der Seite der Menschen hier stehen."

Update, 19. Juli, 14.40 Uhr: DWD gab Montag erste Warninformation heraus

Im Fall der schweren Unwetter in der vergangenen Woche im Westen Deutschlands haben die Rechenmodelle des Deutschen Wetterdiensts (DWD) bereits am Montag klare Hinweise gegeben.

Dazu äußerte sich nun ein Experte. Weitere Informationen gibt es hier.

Update, 19. Juli, 10.52 Uhr: Zahl der Toten auf 117 gestiegen - 749 Verletzte

Die Zahl der Toten nach den verheerenden Überschwemmungen im Kreis Ahrweiler ist auf 117 gestiegen. Zudem seien mindestens 749 Menschen verletzt worden, teilte eine Sprecherin der Polizei in Koblenz am Montag mit. Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist weiterhin unklar.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) besucht am (heutigen) Montag in Ahrweiler ein Krankenhaus. Nach Angaben des Technischen Hilfswerks (THW) will er sich vor Ort einen Eindruck von den THW-Arbeiten in den besonders von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten verschaffen. Zuvor besucht er in Nordrhein-Westfalen Einsatzkräfte an der Steinbachtalsperre.

Update, 19. Juli, 6.01 Uhr: Aufräumarbeiten gehen weiter - Helfer gehen in Sachspenden unter

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) besucht am Montag das von der Unwetterkatastrophe besonders betroffene Gebiet in Rheinland-Pfalz. Er informiert sich in Bad Neuenahr-Ahrweiler über die Arbeit der Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) in der Katastrophenregion. Bereits am Sonntag hatten hier Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit Rettungskräften gesprochen und den Menschen vor Ort Hilfe zugesichert.

Merkel hatte sich spürbar betroffen gezeigt: "Die deutsche Sprache kennt kaum ein Wort für die Verwüstungen, die hier angerichtet wurden", sagte sie. Dreyer ging von einem "Kraftakt auf lange, lange Zeit" aus, bis der Wiederaufbau in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten bewältigt ist. "Es wird lange dauern, bis die Leute wieder sagen können, ich erkenne meine Heimat wieder."

Vorrang habe nun die Suche nach den noch immer Vermissten. "Wir werden nicht ruhen, bis die Menschen, die vermisst werden, gefunden werden", versprach Dreyer. Auch Merkel sagte, die Rettungsarbeiten hätten "absoluten Vorrang". Der mit den Tränen kämpfende Ortsbürgermeister Helmut Lussi sprach von "Narben, die bleiben", als er den Politikerinnen von den Auswirkungen der Katastrophe auf die Menschen in den Orten erzählte.

Die Hilfsbereitschaft, so berichteten Kommunalpolitiker und Einsatzkräfte, sei enorm, sorge mittlerweile aber für neue Probleme. "Wir ertrinken in Sachspenden", hieß es immer wieder. Diese zu erfassen, zu sortieren und zu verteilen binde Kapazitäten. Bei aller Dankbarkeit für die überwältigende Hilfsbereitschaft werde daher gebeten, sich nun auf Geldspenden zu beschränken, um den Menschen vor Ort schnell helfen zu können.

Die genaue Zahl der Toten und Verletzten in Rheinland-Pfalz steht unterdessen immer noch nicht fest. Nach Angaben der Einsatzleitung vom Sonntag wurde von etwa 110 Toten und 670 Verletzten ausgegangen - es würden aber noch immer Tote geborgen.

Update, 18. Juli, 18.12 Uhr: Viele Standorte nach Unwetter wieder mit Handynetz

Die Mobilfunkanbieter Telefónica Deutschland und Vodafone haben nach eigenen Angaben das durch die Unwetterkatastrophe beschädigte Handynetz vielerorts wieder herstellen können.

Von Telefónica hieß es am Sonntag, seit Freitag arbeiteten Techniker daran im Dauereinsatz. Inzwischen habe man an mehr als zwei Dritteln der Standorte, die von einem Stromausfall betroffen waren, das Mobilfunknetz wieder instandgesetzt.

Vodafone teilte am Sonntag mit, weniger als zehn Prozent der Vodafone-Kunden seien noch ohne Handyempfang.

Update, 18. Juli, 15.33 Uhr: Landkreis Trier-Saarburg bittet darum, keine Sachspenden mehr zu senden

Der Landkreis Trier-Saarburg bittet darum, keine weiteren Sachspenden für Betroffene der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz zu senden.

Nach großer Hilfsbereitschaft müsse die Hilfslogistik erstmal die Spenden der letzten Tage stemmen, erklärte Thomas Müller, Sprecher der Kreisverwaltung Trier-Saarburg am Sonntag.

Allein aus dem Rettungsdienstbezirk Donnersbergkreis, Kusel und Kaiserslautern seien am Sonntag elf Sattelzüge, fünf LKW und elf Transporter mit Hilfsgütern eingetroffen, erklärte Müller. Der Kreis organisiere nun die Verteilung.

Am Nürburgring seien nun vor allem Helfer aus dem Umkreis gesucht, sagte Mirco Hillmann vom ADAC Mittelrhein. "Wir haben mittlerweile drei Fußballfelder an Sachspenden erhalten. Diese müssen wir nun an die Betroffenen der Umweltkatastrophe bringen."

Lediglich Gummistiefel, haltbare Lebensmittel, Spaten und Besen seien weiterhin als Spenden gefragt.

Update, 18. Juli, 14.50 Uhr: Kanzlerin Merkel im Katastrophengebiet

Bundeskanzlerin Angela Merkel (67, CDU) hat bei ihrem Besuch in den vom Hochwasser schwer getroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz schnelle Hilfe angekündigt.

"Wir stehen an Ihrer Seite, Bund und Land", sagte sie am Sonntag in Adenau im Kreis Ahrweiler. Bund und Land würden Hand in Hand arbeiten, "um die Welt wieder Schritt für Schritt in Ordnung zu bringen in dieser wunderschönen Gegend".

Sie sei gekommen, um sich ein reales Bild von den surrealen, "gespenstischen Bildern" vor Ort zu verschaffen, sagte Merkel. "Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist."

Am kommenden Mittwoch werde die Bundesregierung ein Programm verabschieden für schnelle Hilfen, mittelfristige Aufgaben und zur Wiederherstellung der Infrastruktur, versicherte Merkel. Es gehe darum, schnell zu handeln, aber mit langem Atem.

Außerdem versprach die Bundeskanzlerin mehr Anstrengungen beim Klimaschutz. "Wir sehen, mit welcher Gewalt die Natur agieren kann", sagte Merkel. "Wir werden uns dieser Naturgewalt entgegenstemmen - kurzfristig, aber auch mittel- und langfristig."

Es bedürfe einer Politik, "die die Natur und das Klima mehr in Betracht zieht, als wir das in den letzten Jahren gemacht haben".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.r.) und Malu Dreyer (2.v.r,SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, gehen durch das vom Hochwasser verwüstete Dorf Schuld in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.r.) und Malu Dreyer (2.v.r,SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, gehen durch das vom Hochwasser verwüstete Dorf Schuld in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler.  © Christof Stache/Pool AFP/dpa

Update, 18. Juli, 14.29 Uhr: Unwetterschäden an 600 Kilometern Bahngleisen und 80 Stationen

Die Unwetterkatastrophe in Deutschland hat auch bei der Bahn gravierende Schäden hinterlassen, die in den nächsten Tagen Folgen für die Reisenden und Pendler haben werden.

Nach einem ersten Lagebild gab es in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz "massive Beschädigungen" an 80 Stationen und Haltepunkten sowie an Gleisen auf mehr als 600 Kilometern Länge, wie die Deutsche Bahn am Sonntag in Düsseldorf mitteilte.

Auch Weichen, Signaltechnik, Stellwerke, Brücken sowie Fahrzeuge seien durch Wasser, Schlamm und Geröll beschädigt worden. Nun werde mit Hochdruck daran gearbeitet, alle Schäden zu beseitigen. 2000 Bahnbeschäftigte seien seit Mittwoch in den betroffenen Regionen im Einsatz.

Noch immer müsse an vielen Stellen Wasser abfließen und danach Schlamm und Geröll abgetragen werden. Auf der linken Rheinseite fahren seit Sonntag zwischen Bonn und Koblenz wieder Züge.

Der Nahverkehr mit S-Bahnen und Regionalzügen bleibe in NRW und in Teilen von Rheinland-Pfalz "stark beeinträchtigt", hieß es in der Mitteilung mit Blick auf das Ahrtal, die Eifel, das Siegerland und die Gegend um Hagen. Auf Pendler kämen zum Wochenstart noch auf "erhebliche Einschränkungen" zu.

Titelfoto: dpa/Thomas Frey

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