Rentner terrorisiert Einwohner mit Briefen: Polizei fahndet fünf Jahre lang

Wernigerode - Geht eine jahrelange Leidensgeschichte in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) nun zu Ende? Über fünf Jahre haben Gewerbetreibende und Privatpersonen in der kleinen Harzstadt anonyme Briefe mit Verleumdungen und Hassbotschaften erhalten.

In Wernigerode wurden mehrere Geschäfte mit anonymen Briefen regelrecht terrorisiert. (Archivbild)
In Wernigerode wurden mehrere Geschäfte mit anonymen Briefen regelrecht terrorisiert. (Archivbild)  © Matthias Bein/dpa-Zentralbild/ZB

Lange konnte kein Verdächtiger ermittelt werden – bis jetzt. TAG24 hat einige Betroffene ausfindig machen können und mit ihnen gesprochen. Aus Personenschutzgründen möchten die Gesprächspartner anonym bleiben.

Alles begann im Jahr 2018: Eines Tages fanden Ladeninhaber im Zentrum von Wernigerode seltsame Briefe in ihrem Postkasten.

"Wir nahmen das erst gar nicht ernst. In dem Brief standen völlig haltlose Anschuldigungen und Beleidigungen", erzählt ein Betroffener. Als weitere Zuschriften kamen, konnte man nicht mehr darüber hinwegsehen und ging zur Polizei.

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Da keine gerichtsfesten Beweise zu einem Täter vorlagen, wurde das Verfahren eingestellt. Die unbekannte Person setzte ihr Treiben unbeirrt fort. "Der Ersteller hat sich die wildesten Geschichten einfallen lassen. Das macht einem schon Angst", berichtet eine Person.

Aus Sorge um die Kinder und die eigene körperliche Unversehrtheit habe man einen Selbstverteidigungskurs belegt. "Wir wussten ja nicht, wohin das führen wird. Will die Person uns auch körperlich schaden?"

Briefe ahmten offizielle Stellen nach

Laut der Polizei Harz seien in diesem Fall bis zu 15 Strafanzeigen eingegangen. (Symbolbild)
Laut der Polizei Harz seien in diesem Fall bis zu 15 Strafanzeigen eingegangen. (Symbolbild)  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Auf Nachfrage bestätigen die Polizei Harz und die Staatsanwaltschaft den Fall. Die Sendungen gingen an Geschäftsleute, Politiker und Mitarbeiter der Stadt Wernigerode.

Über die Jahre häufte sich eine stattliche Zahl von Briefen an – allein die von TAG24 interviewten Personen haben insgesamt mindestens 45 Sendungen erhalten. "Manche haben wir gar nicht mehr geöffnet."

Die der Redaktion vorliegenden Schreiben sind teils perfide Nachahmungen von offiziellen Stellen und Einrichtungen.

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Unter anderem verwendete der Autor den Briefkopf der "Wernigeröder Kaufmannsgilde" – einem freien Zusammenschluss der Gewerbetreibenden – oder aber auch von der Stadtverwaltung. Eine Anfrage bei der Kaufmannsgilde blieb bis dato unbeantwortet.

"Was uns verwunderte: Einmal sind die Inhalte völlig aus der Luft gegriffen, zum anderen sind da Informationen enthalten gewesen, die zu einem gewissen Grad stimmten: Kleinigkeiten, welche öffentlich gar nicht bekannt sind. Da fängt man an, paranoid zu werden und sieht hinter jedem Menschen einen Kriminellen", so ein Betroffener.

Immer wieder schreibt der Verfasser in beleidigender Sprache von möglichen Insolvenzen, Mietschulden oder unbezahlten Rechnungen. Persönliche Beziehungen werden in den Dreck gezogen und stadtbekannte Persönlichkeiten in ein schlechtes Licht gerückt.

Möglicherweise sechs Monate bis zehn Jahre Haft für den Täter

Dem Täter könnte bis zu zehn Jahren Haft drohen. (Symbolbild)
Dem Täter könnte bis zu zehn Jahren Haft drohen. (Symbolbild)  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Zum Teil sind auch fremdenfeindliche Tendenzen zu erkennen. Die Polizei fasst die Inhalte zusammen: "Diese Briefe hatten unter anderem Bedrohungen, Beleidigungen, Verleumdungen, falsche Verdächtigungen und Urkundenfälschungen zum Inhalt."

Das Strafgesetzbuch nennt für die einzelnen Tatbestände Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und bis zu zehn Jahren – oder Geldstrafen.

Nach fünf Jahren und mehreren abgewiesenen Strafanzeigen kam nun im Frühjahr 2023 Bewegung in den Fall. "Kommissar Zufall hat uns einen Zeugen beschert, der eine Person gesehen hat, wie sie einen Brief in den Briefkasten eines Geschäfts warf", so die Behörden.

Endlich habe man einen Anhaltspunkt gehabt. Schnell wurde der Polizei die Beschreibung der Person übermittelt. Erst zu dieser Zeit kam auch heraus, dass bereits mehrere Gewerbetreibende Anzeige gegen Unbekannt gestellt hatten.

"Unserer Information nach gibt es mindestens zehn weitere Betroffene", sagt ein Gewerbetreibender gegenüber TAG24. Die Polizei spricht sogar von 15 Strafanzeigen.

Tatverdächtiger für Opfer völlig unbekannt

Ein Rentner steht im Mittelpunkt der Ermittlungen: Er soll die anonymen Briefe geschrieben haben. (Symbolbild)
Ein Rentner steht im Mittelpunkt der Ermittlungen: Er soll die anonymen Briefe geschrieben haben. (Symbolbild)  © 123rf/mnyusha

Anfang Juni 2023 schlugen die Ermittlungsbehörden zu. Wie aus dem Kreis der Betroffenen berichtet wird, fand offenbar eine Hausdurchsuchung bei einem Rentner aus Wernigerode statt.

In seinem Haus seien umfassende Beweismittel sichergestellt worden. Offiziell bestätigt die Polizei nur, dass ein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte.

"Aus ermittlungstaktischen Gründen können zum aktuellen Stand der Ermittlungen momentan keine weiteren Angaben gemacht werden. Die Ermittlungen dauern an und werden auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen", so die Polizei.

"Uns war die Person völlig unbekannt. Sicher ist es möglich, dass er mal im Geschäft war, aber auf Anhieb habe ich keinen Bezug zu dem Verdächtigen herstellen können. Wir hoffen, dass dieser Albtraum jetzt ein Ende hat", zeigt sich einer der Betroffenen erleichtert.

Doch warum geht man erst jetzt mit dem Fall an die Öffentlichkeit? "Wir hatten einfach Angst vor Racheakten. Gleichzeitig war uns nicht bewusst, dass es so viele weitere Betroffene gibt. In einer kleinen Stadt wie Wernigerode gibt es schnell Gerüchte und Gerede, da wollte man sich schützen."

Titelfoto: 123rf/mnyusha

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