Nach SEK-Einsatz: Letzter Sowjetbürger kommt nicht mehr in sein Zuhause

Hoyerswerda - Am 25. April war es vorbei mit der Idylle im Dörfchen Spreetal: Ein Spezialeinsatzkommando stürmte das Haus in der Werkstraße, vollstreckte einen Haftbefehl gegen Grigori Nitichevski (63). Der verbrachte nur eine Nacht bei der Polizei und steht nun plötzlich auf der Straße.

Nikita (29), Darja (27) und Grigori Nitichevski (63) fühlen sich vom Staat schikaniert.
Nikita (29), Darja (27) und Grigori Nitichevski (63) fühlen sich vom Staat schikaniert.  © Thomas Türpe

"Ich hätte nie nach Sachsen kommen sollen", sagt Grigori Nitichevski. Auf die Behörden hier ist er nicht gut zu sprechen, fühlt sich von Staat, Politik und Justiz verfolgt.

Tatsächlich ist die Lage des Familienvaters kompliziert: Am 17. Januar 1992 floh er aus der Sowjetunion nach Deutschland und ließ sich zuerst in Flensburg nieder. Doch hier bekommt er weder die deutsche, noch die russische Staatsbürgerschaft, ist also quasi noch Sowjetbürger.

Die Polizei bezeichnet ihn als staatenlos, doch selbst dafür bekommt er nach eigenen Angaben keine Papiere.

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Dabei hätte es fast mit der Einbürgerung geklappt: "Ich wollte in Schleswig-Holstein den Antrag stellen", sagt er TAG24. "Aber da ich damals gerade ein Haus in Sachsen kaufte, wurde mir gesagt, es wäre sinnlos. Ich solle den Antrag dann in Sachsen stellen."

Das Haus will Nitichevski von der Gemeinde gekauft, dafür 45.000 Euro gezahlt haben. Doch die soll jetzt die Zwangsräumung durchgesetzt haben.

Das Grundstück wurde noch am Tag des Einsatzes versiegelt.
Das Grundstück wurde noch am Tag des Einsatzes versiegelt.  © Thomas Türpe

Obdachlos nach Polizeieinsatz: "Ich komme an nichts heran!"

Auf dem Grundstück befinden sich noch Autos und Besitz der Familie.
Auf dem Grundstück befinden sich noch Autos und Besitz der Familie.  © Thomas Türpe

Spreetals Bürgermeister Marco Beer (47) wollte sich dazu gegenüber TAG24 wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. "Der polizeiliche Einsatz erfolgte primär auf Grundlage eines hier vorliegenden Amtshilfeersuchens in einer Vollstreckungssache", begründet jedoch Polizeisprecher Kai Siebenäuger (45).

Dazu kam eine Geldstrafe, die Nitichevski absitzen sollte: "Ich habe in der Pandemie einen Träger für einen Fiat bei eBay verkauft", sagt er. "Der kam nicht an und ich wurde sofort wegen Betrugs angezeigt." 1410 Euro Geldstrafe oder 60 Tage Knast bedeutete das.

"Ich habe der Polizei angeboten das abzuheben, durfte das aber nicht", sagt er. Erst am Folgetag konnte er die Strafe zahlen, ist seitdem frei, aber ohne Dach über dem Kopf.

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"Das komplette Grundstück ist versiegelt", beschwert er sich. "Alle meine Sachen sind noch dort, die Autos, ich komme an nichts heran!" Auch soll ihm der Einsatz in Rechnung gestellt werden. Die Polizei verweist dabei auf den Gerichtsvollzieher.

SEK-Einsatz im Spreetal: War Grigori Nitichevski suizidgefährdet?

Am 25. April stürmte das SEK das Grundstück in Spreetal.
Am 25. April stürmte das SEK das Grundstück in Spreetal.  © brl/xcitePress

"Mir wurde der Grund des SEK-Einsatzes mit Suizid-Gefahr begründet", sagt Nikita Nitichevski (29), Grigoris Sohn. Der Vater hält das für Quatsch: "Ich lag im Bett", sagt er. "Wie soll ich da denn mit Selbstmord gedroht haben?"

Die Polizei begründet den Einsatz mit ihrer Bewertung der Situation, will aber aus kriminaltaktischen Gründen keine Details nennen.

Grigori Nitichevski schläft derweil in Autos, bei seinen Kindern oder in Motels. Mittlerweile gibt es Verhandlungen mit der Gemeinde und das Angebot, gegen eine Hinterlegung von 50.000 Euro die Privatsachen vom Grundstück holen zu dürfen.

Titelfoto: Montage: brl/xcitePress, Steffen Füssel

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