Hund besteigt mich: Dominanz ist nicht immer der Grund

Wenn der Hund plötzlich anfängt, die Beine der Gäste oder die eigenen zu rammeln, dann ist das vielen Hundehaltern nicht nur peinlich, sondern das Verhalten wirft die Frage auf, warum der Vierbeiner aufsteigt.

Wenn Hunde ihre Besitzer besteigen und deren Beine rammeln, dann kann das für Hundehalter peinlich und irritierend sein.
Wenn Hunde ihre Besitzer besteigen und deren Beine rammeln, dann kann das für Hundehalter peinlich und irritierend sein.  © 123Rf / Anna Koldunova

Sei es das Reiben am geliebten Stofftier, Kissen, Bein des Besitzers, artgleichen Spielgefährten oder auch an einem anderen Tier z. B. einer Katze, wenn Hunde die Lust packt, dann ist scheinbar nichts und niemand vor ihnen sicher.

Doch ganz so leicht lässt sich das Rammeln von Hunden manchmal nicht erklären, denn es kann in ganz unpassenden Momenten geschehen und ist sowohl bei Rüden als auch bei Hündinnen zu beobachten.

Das Rammeln des Hundes mag zwar oft unangenehm sein, ist jedoch kein ungewöhnliches Verhalten bei Hunden und in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge.

Sind Hunde Rudeltiere oder Einzelgänger? Der Faktencheck
Hunderatgeber Sind Hunde Rudeltiere oder Einzelgänger? Der Faktencheck

Der Hunderatgeber hilft Dir, dieses scheinbar unnormale Hundeverhalten zu verstehen. Außerdem bekommst Du Tipps, was Du machen kannst, um Deinen Hund am ständigen Aufreiten zu hindern.

Gründe für das Rammeln bzw. Aufreiten bei Hunden

Die Gründe für das Aufsteigen bei Hunden sind vielfältig. Es gibt keine allgemeingültige Ursache, denn sowohl der individuelle Hund als auch die spezifische Situation spielen bei diesem Verhalten eine Rolle.

1. Das Aufreiten im Spiel

Wenn Welpen und Junghunde (in etwa unter einem halben Jahr alt) miteinander spielen, kann es passieren, dass sie aufreiten.

Dieses Verhalten ist normal, denn die Tiere entdecken und üben während ihrer Entwicklung alle möglichen Triebe. Rammelt ein Welpe einen anderen Hund, dann können Hundehalter dieses Verhalten ruhig und bestimmt unterbrechen.

Tritt dieses Verhalten vereinzelt bei Welpen auf, dann ist das nicht unbedingt ein Grund zum Eingreifen.

Welpen und junge Hunde besteigen sich manchmal beim Spielen, da sie ihren Sexualtrieb entdecken.
Welpen und junge Hunde besteigen sich manchmal beim Spielen, da sie ihren Sexualtrieb entdecken.  © 123RF / Streborn

2. Hund ist unsicher

Es kann vorkommen, dass eine ungewohnte Situation den flauschigen Mitbewohner emotional verunsichert und er nicht weiß, wie er jetzt reagieren soll.

Wenn z. B. eine unbekannte Person zu Besuch kommt, dann empfindet der Hund vielleicht Freude, Neugier und auch Angst sowie Unsicherheit. Diese teils widersprüchlichen Gefühle kann der Hund im ersten Moment nicht richtige einordnen oder verarbeiten. Um mit den Gefühlen fertig zu werden, zeigt der Vierbeiner dann meist Übersprungverhalten.

Das Besteigen oder Rammeln des Besuchs oder der Besitzer kann eine solche Übersprungshandlung sein. Auf diese Weise verarbeitet der Hund die neue Situation.

Hunde, die zu wenig Erfahrung mit Artgenossen haben, neigen ebenso dazu, andere Hunde als Interaktion zu besteigen. In diesen Augenblicken ist es meist auch gleich, ob es sich um Artgenossen des anderen oder des gleichen Geschlechts handelt.

Bei Hunden ist das Rammeln bzw. Besteigen eine Übersprungshandlung, um widersprüchliche Gefühle zu verarbeiten.

3. Aufregung, Stress oder Angst beim Hund

Negative Erfahrungen und belastende Emotionen können bei Hunden ebenso zu Übersprungshandlungen führen. Erschreckt sich der Hund, fehlt es im Tagesablauf an Struktur oder wurde er in der Vergangenheit misshandelt, denn ist der Vierbeiner schnell aufgeregt oder überreizt. Gleiches gilt, wenn die Tiere viel Hektik, Stress und Lärm ausgesetzt sind.

Hunde versuchen, negative Gefühle und Erfahrungen manchmal durch das Rammeln von Stofftieren, Kissen, Decken oder den Beinen der Besitzer zu kompensieren.

Alles, was emotionalen Druck erzeugt, kann bei Hunden das Aufsteigen provozieren, denn durch dieses Verhalten lösen sie den Druck.

Sind Hunde ängstlich oder unsicher, kann es vorkommen, dass die ihre Besitzer oder Gegenstände rammeln.
Sind Hunde ängstlich oder unsicher, kann es vorkommen, dass die ihre Besitzer oder Gegenstände rammeln.  © Unsplash / Maria Steenberg Nielsen

4. Hund rammelt aus Freude und Wohlbefinden

Ungewöhnlich, aber dennoch möglich ist es, dass der Hund aus absolutem Wohlbefinden heraus anfängt zu rammeln. In einer solchen Situation geht es dem Hund richtig gut. Es kann beispielsweise sein, dass er gerade gefressen hat, etwas Schönes erleben konnte und es ihm sehr viel Spaß gemacht hat.

Wird ein Hund übermäßig viel positiv stimuliert, rammelt er Gegenstände oder Personen, um die positiven Emotionen zu verarbeiten.

5. Hund zeigt Langeweile oder Unausgeglichenheit

Die meisten Hunde brauchen es sowohl körperlich als auch geistig gefordert zu werden. Werden sie vernachlässigt, dann kommt schnell Langeweile auf und es staut sich Energie auf. Um sich zu beschäftigen oder zu ermüden, fangen manche Hunde an, Gegenstände zu rammeln. Besteigen sie ihre Besitzer, dann kann es auch ein Versuch sein, deren Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ist ein Hund unterfordert oder bekommt er zu wenig Aufmerksamkeit, dann kann es passieren, dass er Gegenstände oder Personen rammelt.

Werden Hunde vernachlässigt, dann versuchen sie manchmal Aufmerksamkeit durch Besteigen zu erregen.
Werden Hunde vernachlässigt, dann versuchen sie manchmal Aufmerksamkeit durch Besteigen zu erregen.  © 123RF / Grase

6. Dominanz oder Kommunikationsprobleme des Hundes

Es ist möglich, aber eher selten, dass Hunde ihre Artgenossen oder Besitzer besteigen, um Dominanz zu zeigen. Eine typische Situation dafür wäre etwa wenn eine Hundehalterin ihren neuen Freund mit zu ihrem Rüden nach Hause bringt. Der Rüde könnte dann eventuell versuchen, das Bein des Freundes zu rammeln.

Weiterhin ist das unangemessene Rammeln von Artgenossen auch ein Hinweis auf ein Sozialisationsproblem des Hundes. Hat der Hund keine Interaktion mit anderen Tieren erlernt haben, könnte das Aufsteigen für ihn auch eine Art Imponierverhalten oder Spielaufforderung sein.

Ähnliche Schwierigkeiten haben Hunde, die schon mal körperlich oder emotional missbraucht wurden. Das ist z. B. bei adoptierten Hunden aus dem Tierheim oder aufgenommen Streunern zu beobachten.

Bei Hunden ist das Rammeln selten ein Zeichen für Dominanz. Die Verhaltensauffälligkeit kann auch auf fehlende soziale Interaktion mit Artgenossen hinweisen.

7. Sexuelle Erregung beim Hund

Das Rammeln befriedigt den Sexualtrieb des Hundes. Vor allem während der sexuellen Reife, wenn die Hormone verrückt spielen, leben Hunde ihr Bedürfnis nach Fortpflanzung aus. Rüden rammeln häufig während der Pubertät und Hündinnen, wenn sie läufig sind. Auf diese Weise bauen sie ihren Hormonstau ab.

Hunde rammeln Gegenstände, Artgenossen und selten auch Personen, um sich sexuell zu stimulieren.

8. Hund hat gesundheitliche Beschwerden

Wenn Hunde plötzlich exzessiv alles und jeden ständig fast zwanghaft rammeln, dann ist das ein eindeutiges Warnsignal. Das übermäßige Aufreiten kann bei Hunden ein Symptom von Krankheiten oder anderen gesundheitlichen Problemen sein.

Wenn Hunde Schmerzen im Bauchbereich haben, dann verschafft ihnen diese Hüftbewegung ein wenig Linderung. Derartige Beschwerden treten z. B. bei Harnwegserkrankungen oder Hüftdysplasie auf. Auch ein extremer Hormonstatus oder Autoimmunerkrankungen äußern sich manchmal durch vermehrtes Aufsteigen.

Ebenso möglich wäre eine Stereotypie, eine Art Zwangsstörung, welche sich in Form eines zwanghaften Besteigens von Menschen, Hunden und Gegenständen äußern kann.

Besteht der Verdacht, dass das Rammeln beim Hund schon krankhaft ist, dann sollte das Tier unbedingt tiermedizinisch untersucht werden.

Mein Hund rammelt, wann muss ich eingreifen?

Um die passenden Gegenmaßnahmen ergreifen zu können, ist es wichtig, den Grund für das Aufreiten des Hundes zu kennen. Um diesen herauszufinden, empfiehlt es sich, die Verhaltensweisen des erwachsenen Hundes zu dokumentieren.

Um die Ursache für das Besteigen zu finden, sollten sich Hundehalter folgende Fragen stellen:

  • Was macht der Hund vor und nach dem Rammeln?
  • An wen oder was rammelt er?
  • Wie häufig zeigt der Hund dieses Verhalten?

Im besten Fall geht aus diesen Beobachtungen hervor, ob es einen gewissen Auslöser, z. B. eine konkrete Situation gibt, welche dieses Verhalten bei Deinem Hund fördert.

Werden hauptsächlich Gegenstände oder Menschen aufreitet, dann ist meist kein sexuell oder spielerisch motiviertes Verhalten, sondern eine Übersprungreaktion auf eine emotional schwierige Situation.

Tritt das Verhalten ungewöhnlich oft und zwanghaft aus oder ist es schlicht störend bzw. hat es einen negativen Einfluss auf das Umfeld des Hundes, dann sollten Hundehalter etwas dagegen tun.

Wenn Hunde fremde Tiere oder übermäßig oft rammeln, dann sollten Hundehalter eingreifen.
Wenn Hunde fremde Tiere oder übermäßig oft rammeln, dann sollten Hundehalter eingreifen.  © 123rf/ximagination

Was hilft gegen das Rammeln bei Hunden?

Je nach Ursache können Hundebesitzer entsprechend auf das Rammeln ihres Vierbeiners reagieren. Dafür können Hundehalter sich beispielsweise die folgenden Grundlagen der Hundeerziehung zunutze machen.

1. Den Hund auf keinen Fall beschimpfen, anschreien oder bestrafen.

2. Das gewünschte Verhalten positiv z. B. in Form von Leckerlis verstärken und das unerwünschte Verhalten ignorieren bzw. ruhig und bestimmt unterbinden. Doch auch ohne Leckerlis lassen sich positive Verhaltensweisen der Fellnasen bestärken.

3. Die eigene Energie überträgt sich auf den Hund. Bleiben Hundehalter in neuen Situationen ruhig, dann wird es auch dem Hund leichter fallen, sich zu entspannen.

Werden Artgenossen, fremde Personen sowie die eigenen Beine vom Hund gerammelt, empfiehlt es sich, bereits gelernte Kommandos für die Entschärfung der ungewohnten oder aufregenden Situation zu nutzen.

Eine Variante wäre es, den Hund mit "Bleib" auf dem Schlafplatz zu halten, während der Besuch ruhig empfangen wird. Hält er sich daran und verharrt ruhig, kann er dann aus dem "Bleib" geholt werden. Sobald er jedoch ein unerwünschtes Verhalten wie das Rammeln zeigt, wird er wieder weggeschickt. Ist der Reiz zu stark und der Hund bleibt nicht auf seinen Platz, dann kann er auch die ersten Male dort angeleint werden.

Einen ähnlichen Ansatz kann man bei der Begegnung mit Artgenossen wählen. In einer Situation mit anderen Tieren können Hundeführer den Hund zu sich rufen und "bei Fuß" halten. Erst wenn Ruhe und Entspannung bei dem Hund zu erkennen sind, sollte das Kommando gelöst werden.

Gelangweilten und unausgeglichenen Hunden brauchen mehr Bewegung, Interaktion mit ihren Besitzern und spielerische Herausforderungen. Es ist ebenfalls hilfreich, die Umgebung des Hundes spannender zu gestalten.

Befindet sich der Hund in der Pubertät und rammelt häufig, dann kann im Extremfall eine vorübergehende Kastration Abhilfe schaffen.

Im Zweifelsfall sollten Hundebesitzer mit ihrem Hund zur Tierarztpraxis gehen und sich beraten lassen. Bei großen Verhaltensauffälligkeiten und Problemen bei der Interaktion mit Artgenossen kann ein professionelles Hundetraining sinnvoll sein.

Titelfoto: 123Rf / Anna Koldunova

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