Köthen - "Eine kleine, schöne Stadt, in der man viele Dinge sieht, die man nicht erwartet", beschreibt Stadtchronist Christian Ratzel "sein" Köthen. Doch die Stadt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) hat neben einer breiten Vergangenheit auch mit aktuellen Vorurteilen zu kämpfen.
Fremdenfeindlich sei Köthen, glauben viele. Eben so, wie sich Familie Ritter in unzähligen Auftritten in der RTL-Sendung "stern TV" präsentiert hat. Dass die zwischen Magdeburg und Halle gelegene Stadt ausgerechnet mit dieser sozial weniger kompatiblen Sippe assoziiert wird, musste auch Martin Olejnicki am eigenen Leib erfahren.
Der langjährige Pfarrer des Ortes, in dem Johann Sebastian Bach 1717 bis 1723 aus Hofkapellmeister lebte, habe sich in seinem ersten Theologie-Praktikum vorstellen müssen, erzählt er in der MDR-Sendung "Von wegen Kuh-Kaff Köthen! Die unterschätzte Bachstadt".
"Wenn ich jetzt 'Köthen' sage, werden sie sagen: 'Ah, da kommt Bach her'", vermutete Olejnicki. "Nein, der erste Kommentar war: 'Da, wo die Ritters herkommen?'"
Das Ritter-Thema werde "ausgeschwiegen, weil alle genug davon haben. Jeder, der in Köthen lebt, möchte nicht darauf reduziert werden. Fragt nach Bach, fragt nach Hahnemann, fragt nach Naumann - aber bitte nicht nach Karin Ritter", fordert der Pfarrer.
Nach dem Tod von Familienoberhaupt Karin (†66) und ihren Söhnen Norman (†40) und Andy (†37) ist es ohnehin sehr ruhig um die Ritters geworden.
Köthen: Geschichtsträchtige Bachstadt, internationale Hochschule, historischer Bahnhof
Köthen, in der auch die internationale "Hochschule Anhalt" mit mehr als 6000 Studierenden aus 100 Ländern und Zweigstellen in Bernburg und Dessau beheimatet ist, bietet auch ein geschichtsträchtiges Mekka für Eisenbahnfreunde.
Denn der 1841 errichtete Bahnhof war erster Eisenbahn-Knotenpunkt Deutschlands. Von hier aus sei es in die ganze Welt gegangen, heißt es in dem MDR-Beitrag.
Heute soll der Bahnhof erneuert werden. Eigentlich eine gute Nachricht. Aber Eisenbahnfreund Steffen Dörre befürchtet, dass in diesem Zuge auch die historischen Sitzbänke entfernt werden.
Er hofft, seine große Sammlung alter Fahr- und Wiegekarten in einem Museum ausstellen zu können - möglicherweise im alten Bahnwasserturm, wo früher die Dampfloks mit Wasser betankt wurden. "Bach war nur sechs Jahre hier, die Eisenbahn deutlich länger. Da wäre es lächerlich, wenn man das nicht irgendwann mal auch erlebbar machen kann", findet Dörre.
Die MDR-Doku "Von wegen Kuh-Kaff Köthen! Die unterschätzte Bachstadt" ist jederzeit abrufbar in der ARD-Mediathek.