Linken-Spitzenkandidatin vor Landtagswahl: "Ich habe das so noch nie erlebt"

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Magdeburg - Noch knapp vier Wochen bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Politiker eilen von Termin zu Termin. In Umfragen liegt Die Linke auf Rang drei hinter AfD und CDU. TAG24 hat sich mit Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern (49) zum Interview im Wahlkampf-Endspurt getroffen.

Für die Partei Die Linke tritt Eva von Angern (49) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidatin an.
Für die Partei Die Linke tritt Eva von Angern (49) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als Spitzenkandidatin an.  © Ralf Seegers

TAG24: Welche Stimmung nehmen Sie im Wahlkampf wahr?

Von Angern: Tatsächlich ist es ein sehr besonderer Wahlkampf, weil ich zum einen erlebe, wie viel Fröhlichkeit, Freude und positive Gefühle uns entgegengebracht werden, und zum anderen aber ganz, ganz viel Angst ausgedrückt wird. Ich habe das so noch nie erlebt - und ich bin seit 2002 Landtagsabgeordnete -, dass Menschen tatsächlich vor dem Ausgang einer Landtagswahl Angst haben.

TAG24: Warum hat die AfD so hohe Umfragewerte?

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Von Angern: Der Frust ist enorm groß. Der Frust zum einen auf Bundeskanzler Friedrich Merz, der kurz nach seiner Wahl Reformen angekündigt hat, und bisher noch nichts verändert hat, was wirklich den Menschen - und da sage ich jetzt ganz bewusst: in Ostdeutschland und Sachsen-Anhalt - positiv in Erinnerung bleiben wird oder eine Verbesserung ihrer Lebensrealität hervorgebracht hat. Im Gegenteil eher Verschlechterungen. Die Menschen in Sachsen-Anhalt sind aber auch von der CDU in Sachsen-Anhalt frustriert, die seit 24 Jahren in der Landesregierung ist und den Ministerpräsidenten stellt.

TAG24: Was spricht denn momentan für Sachsen-Anhalt und für die Menschen, die hier wohnen?

Von Angern: Das besonders Positive ist, wie sehr sie gerade um Sachsen-Anhalt kämpfen: um öffentliche Daseinsvorsorge, um die Demokratie, auch um die Unabhängigkeit der Justiz, um ein Miteinander, um Solidarität. Wir haben ja den Slogan: 'Heimat ist für alle da.' Ich erlebe gerade ganz viele Menschen, die sagen, wie richtig sie das finden. Ich merke, dass es ganz viele Menschen gibt, die eine hohe Identifikation mit dem Land haben. Was mich übrigens freut, ist, dass nicht alle hier geboren wurden, sondern dass auch Menschen aus aller Welt hier eine Heimat gefunden haben.

Was Linken-Politikerin über wirtschaftliche Lage und Preise beim Einkaufen denkt

Eva von Angern (M.) stand den TAG24-Redakteuren Martin Gaitzsch (39, l.) und Robert Lilge (37) Rede und Antwort.
Eva von Angern (M.) stand den TAG24-Redakteuren Martin Gaitzsch (39, l.) und Robert Lilge (37) Rede und Antwort.  © Ralf Seegers

TAG24: Wie kann es gelingen, die wirtschaftliche Situation zu verbessern?

Von Angern: Die Frage ist: Wie verstehen wir das Sozialstaatsprinzip, welches im Grundgesetz verankert ist? Das sagt aus meiner Sicht ganz klar: Die Starken helfen den Schwachen. Wir brauchen dringend die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns hin zu einem armutsfesten gesetzlichen Mindestlohn. Ich werde diese Frage auch mit dem Thema Wiedereinführung der Vermögenssteuer beantworten.

Am Ende ist auch das ein ganzheitliches Thema. Die Vermögenssteuer können wir nicht in Sachsen-Anhalt erheben. Eine Landesregierung muss sie im Bundesrat engagiert einfordern.

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Unabhängig davon, ob man Auto fährt oder nicht, haben die Menschen davor Angst, dass sie nicht bis zum Ende des Monats kommen. Das sind die Tankpreise, das ist aber auch der Einkauf im Supermarkt, oder, wer es sich noch leisten kann, beim Bäcker und beim Fleischer.

TAG24: Gab es zuletzt eine Situation im Supermarkt, wo Sie bei einem Produkt oder einem Preis dachten: "Das ist ja verrückt"?

Von Angern: Milch, Butter, Kaffee. Ich glaub', bei Kaffee haben es alle gemerkt. Es tat allen weh, wie sich die Kaffeepreise entwickelt haben. Natürlich gehöre ich auch zu denen, die an der Tankstelle stehen und versuchen, es vor 12 Uhr mittags zu schaffen.

TAG24: Was wäre Ihnen lieber? Ein Großkonzern mit 3000 Stellen oder zehn mittelständische Unternehmen mit je 300 Jobs?

Von Angern: Idealerweise beides. Denn natürlich brauchen wir auch die großen Unternehmen, wenn sie denn hier einen Hauptstandort in Sachsen-Anhalt haben, weil dann natürlich auch gut Steuern reinkommen. Im besten Fall ergänzt sich das sogar, das ist dann natürlich das Ideale. Wir sehen ja gerade, wie herausfordernd es sein kann, wenn ein großer Konzern vor der Insolvenz steht oder ein internationaler Konzern sich entscheidet, Deutschland bzw. Sachsen-Anhalt zu verlassen.

Was wir brauchen, ist tatsächlich ein mittel- und langfristiges Konzept, wie wir zum einen die handwerklichen, kleinen und mittelständischen Unternehmen besser unterstützen, auch durch weniger Bürokratie.

Bildung liegt Eva von Angern am Herzen

Den Hebel bei der Bildungspolitik möchte die Linken-Politikerin bei der frühkindlichen Bildung ansetzen.
Den Hebel bei der Bildungspolitik möchte die Linken-Politikerin bei der frühkindlichen Bildung ansetzen.  © Ralf Seegers

TAG24: Beim Bildungsmonitor liegt Sachsen-Anhalt im unteren Mittelfeld. Wie lässt sich das verbessern?

Von Angern: Kinder und Jugendliche sind unser einziger nachwachsender 'Rohstoff' hier in Sachsen-Anhalt. Bildung muss ganzheitlich angeschaut werden. Das heißt, ich würde ganz klar im Bereich der frühkindlichen Bildung beginnen. Es ist eine Forderung, dass wir - ähnlich wie in Thüringen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern - gerne die Kostenfreiheit der Kitas haben wollen.

Wir haben zu wenige Kinder, die geboren werden. Das heißt, wir erleben jetzt in Krippe und Kindergarten, dass wir Kitas schließen müssen, wenn wir den Personalschlüssel beibehalten. Wir wollen aber auch, dass es in der Krippe und im Kindergarten weniger Kinder in einer Gruppe gibt, damit eine bessere Förderung stattfindet. Neue Erzieherinnen bräuchten wir dafür zunächst nicht. Nur: Wir müssten keine entlassen.

TAG24: Und in Schulen?

Von Angern: Bei den Schulen drückt der Schuh bei vielen Eltern und Lehrkräften. Das ist zum einen Ausfall. Wir haben immer mehr Fächer und immer mehr Schulen, wo nicht ausreichend Fachlehrer und Fachlehrerinnen da sind. Wir brauchen zudem die Angebote der Schulsozialarbeit ganz dringend. Ein wichtiger Punkt: In den Schulen sind teilweise die Hälfte der Lehrkräfte Seiteneinsteiger, diese zu hegen und zu pflegen und zu begleiten und nicht zu akzeptieren, dass die Hälfte so schnell wieder aufgibt, ist dringend geboten.

TAG24: Wie geht das?

Von Angern: Ich arbeite vielleicht erst mal mit einem Bild. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Nichtschwimmer ins tiefste Becken reinzuschubsen, nicht mindestens ohne Schwimmflügel oder einen Schwimmreifen. Das ist es auch, was sich Seiteneinsteiger:innen wünschen. Mehr Begleitung, mehr Freiraum. Auch, um zu reflektieren, was sie erleben. Mehr Zeit, um einsteigen zu dürfen.

Was müsste passieren, damit sich Eva von Angern am Wahlabend freuen kann?

Wann sie am Wahlabend Grund zur Freude hätte, verriet Eva von Angern im Interview.
Wann sie am Wahlabend Grund zur Freude hätte, verriet Eva von Angern im Interview.  © Ralf Seegers

TAG24: In den Umfragen liegt Die Linke momentan hinter AfD und CDU auf Rang drei. Könnte Die Linke der lachende Dritte werden?

Von Angern: Also, ich lache und freue mich am Wahlabend, wenn wir mehr als elf Prozent (Zweitstimmen-Ergebnis von 2021; Anm. d. Red.) erreichen und wenn es keine absolute Mehrheit der AfD gibt. Denn dann habe ich grundsätzlich große Freude, weil wir dann das geschafft haben, woran wir seit Jahren arbeiten: Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

TAG24: Freuen Sie sich auch, wenn es am Wahlabend einen Anruf von Ministerpräsident Sven Schulze (47, CDU) gibt?

Von Angern: Was wir jetzt erleben, sind Prognosen, und wir müssen schauen, wie uns gelingen kann, mit einer wahrscheinlich sehr herausfordernden Situation nach dem 6. September umzugehen.

Titelfoto: TAG24

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