Auch, weil eine klare Gesetzgebung fehlt: Sachsens Alleen gehen die Bäume aus

Dresden - Wird der gute alte Straßenbaum zum Auslaufmodell? In den letzten 15 Jahren gingen in Sachsen allein an Bundes- und Staatsstraßen in der Summe 40.000 Bäume verloren.

Ditmar Hunger (79) vom Alleenforum Sachsen versucht, die Straßenbäume vor Kettensägen-Massakern zu retten. Eine schwere Aufgabe.  © Eric Münch

Viele fielen der Kettensäge zum Opfer, obwohl sie noch gesund und vital waren. Dass erheblich weniger Bäume nachgepflanzt als gefällt werden, liegt am politischen Willen, Geldmangel und der aus Sicherheitsgründen überzogenen bürokratischen Abstandsregelung.

Noch vor 150 Jahren war nahezu jede deutsche Überlandstraße eine Allee. In den Wipfeln kam es zum Kronenschluss, welcher Menschen und Pferden Schatten spendete.

Die Bäume trugen auch zur Sicherheit bei: Damit die Pferde auf der Chaussee bleiben und die Kutsche oder das Fuhrwerk nicht die Böschung hinab rutscht. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg gingen in Deutschland 90 Prozent aller Alleebäume verloren.

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Vor allem im Westen. Beim großzügigen Trassenausbau und zunehmender Motorisierung galten die Bäume nun als Sicherheitsrisiko für Aufprallunfälle, gegen welches der ADAC und die Autoversicherer kämpften.

Dies mündete in Richtlinien für Straßenplaner, die recht unfreundlich für Bäume sind. In der DDR hingegen wurden die Straßen meist nur geflickschustert und die Bäume stehen gelassen.

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5254 Baumfällungen vs. 2932 Neupflanzungen

Nach Fällungen wird selten nachgepflanzt, weil das Regelwerk unklar ist.  © Eric Münch

Seit der Wende wird auch im Osten fleißig abgeholzt. Standen 2010 an Sachsens Bundes- und Staatsstraßen noch 269.375 Bäume, sind es 2025 nur noch 229.729. Die am weitesten verbreitete Gattung ist Ahorn (57.346), gefolgt von Linde (47.599), Eiche (34.185) und Esche (27.499).

Laut Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) sind 69,2 Prozent von ihnen gesund und 22,3 Prozent leicht geschädigt, um die anderen muss man sich sorgen.

Allein 2024 wurden an den Bundes- und Staatsstraßen 5254 Bäume gefällt. Dem stehen lediglich 2932 Neupflanzungen gegenüber. Für die 3031 an sächsischen Kreisstraßen verlorenen Bäumen wurden nur 476 nachgepflanzt.

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Dieses Missverhältnis blieb über die letzten Jahre hinweg konstant. Der Beitrag junger Bäume für den Klima- und Artenschutz ist eher gering, sie erreichen erst mit 60 Jahren ihre Höchstleistungsphase.

Viele Fällungen werden mit der Verkehrssicherheit begründet. Und da Neupflanzungen einen höheren Abstand zum Fahrbahnrand haben müssten als früher, sei dies zu teuer, weil dazu meist Grundstückserwerb nötig sei. Und Landwirte geben ihren fruchtbaren Boden ungern her.

Die Zahlen gingen zurück.  © Grafik: Alleenforum Sachsen

Regelwerke sorgen für baumlose Straßen

An der B 6 bei Zehren wurden zwei Baumreihen gepflanzt. Für eine Allee mit Kronenschluss gibt es auch in 60 Jahren keine Chance.  © Eric Münch

Warum Verkehrs- und Straßenplaner bevorzugt baumlose Straßen bauen lassen, liegt an zwei Regelwerken: Einerseits kümmert sich die Richtlinie für passiven Schutz an Straßen (RPS) etwa um Leitplanken und definiert die Entfernung zu gefährlichen Hindernissen - von Bäumen ist explizit keine Rede.

Zum anderen die ESAB - Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume. Letztere gab der damalige Bundesverkehrsminister 2006 an die für Bundesstraßen zuständige Behörden. Es sind keine Gesetze.

Doch weil andere geeignete Schablonen fehlen, nutzen auch die meisten Bundesländer Richtlinie und Empfehlungen für ihre Staatsstraßen.

Ditmar Hunger (79), Vereinsvorsitzender des Alleenforums Sachsen: "Bedauerlicherweise kommen diese Regeln in Sachsen auch bei untergeordneten und zumeist gering befahrenen Straßen zur Anwendung. Bei Straßenbaumaßnahmen wird der Alleebestand vorsorglich oder zur teilweise übertriebenen Herstellung der Verkehrssicherheit gefällt."

So plante das Landratsamt Mittelsachsen 2020, die Kreisstraße zwischen Bockelwitz und Naunhof (etwa 1000 Fahrzeuge am Tag) auf unnötige 6,50 Meter zu verbreitern und mit einer nicht notwendigen Entwässerung zu versehen.

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Fördergelder für Fällungen, aber nicht für Baumerhalt

Eine schattige Allee in der Wilhelm-Raabe-Straße Dresden. Die Großstädte kümmern sich nachhaltiger um den Baumbestand als die Landkreise.  © Eric Münch

Dazu sollten 52 Linden auf einer Straßenseite gefällt werden. Ditmar Hunger, einst selbst als Straßenplaner tätig, offenbarte der Behörde sämtliche Planungsfehler - ohne Erfolg. Erst als er zufällig den Landrat traf und darauf ansprach, kam Bewegung in die Sache. Die Allee wurde erhalten und der Landrat bedankte sich, dass die Straßensanierung so viel preiswerter wurde.

Es liegt nicht nur an der mangelnden Fachkompetenz in den Ämtern. Das Honorar eines Straßenplaners bemisst sich an der Investitionssumme. Man verdient mehr Geld, wenn man die Baumaßnahme teurer plant. Vergleichbar mit dem Arzt, der einem Großmütterchen unnötigerweise eine künstliche Hüfte aufschwatzt.

Hinzu kommt, dass es für Baumfällungen mitunter Fördergelder gibt, für den Erhalt und die Pflege aber nicht. So konnte das Alleenforum die 80 vitalen Linden in Wurzen nicht mehr retten, obwohl ähnliche Fehlplanungen wie bei der Allee in Mittelsachen vorlagen.

Die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Personen hat sich in Sachsen zwischen 1995 und 2021 um 74,8 Prozent reduziert. Bei Aufprallunfällen auf Bäumen sogar um 84,4 Prozent - von 154 auf 21. Hunger: "Es bleibt selbstverständlich wichtig, Unfallzahlen weiter zu reduzieren. Beim Abwägungsprozess sollte man sich aber nicht einseitig auf Verkehrssicherheit orientieren."

Die meisten Unfälle an Bäumen sind auf menschliche Fehler zurückzuführen: unangepasste Geschwindigkeit, Alkohol und Drogen.

Sachsens Ex-Umweltminister will Alleen erhalten

Alleen dienten früher auch der Sicherheit, dass die Pferde eine Kutsche nicht in den Graben ziehen.  © picture-alliance/dpa/dpaweb

Bereits seit vielen Jahren kämpft der Landtagsabgeordnete Wolfram Günther (52, Grüne) für den Erhalt der Straßenbäume. Als er zwischenzeitlich Umweltminister wurde, konnte er dies im Koalitionsvertrag verankern. Und er legte 2022 ein Schutzprogramm für Alleebäume an Kommunal- und Ortsstraßen auf, welche Neu- und Nachpflanzungen erleichterten.

Dennoch konnte er nicht verhindern, dass der Bestand jährlich um Tausende Exemplare schrumpft. Und im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung sucht man die Wörter "Baum" und "Allee" vergebens.

Dass Straßenplaner die Richtlinien (RPS) und Empfehlungen (ESAB) wie eine Bibel vor sich hertragen, kann man nur auf Bundesebene lösen. Günther: "Daher hat Sachsen damals im Bundesrat initiiert, dass diese bürokratischen Vorgaben grundlegend überarbeitet werden. Dieser Prozess läuft, aber leider recht zäh."

Vom neuen Umweltminister erfährt dieser Prozess eher keine weitere Energie. Im Gegenteil. Georg-Ludwig von Breitenbuch (54, CDU) setzte sich bei der letzten Umweltministerkonferenz dafür ein, dass die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur von der EU zurückgezogen werden soll.

Darin ist unter anderem vorgesehen, dass es zumindest bei der städtischen Baumüberschirmung keine Nettoverluste geben darf. Für Straßenbäume wird es nicht einfacher.

Info: alleenforum.de

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