Moritzburg - Das Sächsische Landesgestüt ist eines der Aushängeschilder im Besitz des Freistaats. 85 Zuchthengste, die in den barocken Ställen an der Schloßallee "residieren", können hier unter besten Bedingungen leben und trainieren. Das Geld verdient das Land Sachsen dabei auch mit der Zucht - und die findet nicht immer auf natürlichem Wege statt. Gerade jetzt wieder werden die Hengste mächtig in die Irre geführt.
Ortstermin in der "Deckstation". Die ist hinter den Ställen an der August-Bebel-Straße gelegen, eine von insgesamt zehn Deckstationen des Landesgestüts in Thüringen und Sachsen. Während der aktuellen Hauptsaison von Mitte Februar bis Mitte August ist Besamungswart Falk Schütze (55) sieben Tage die Woche bei der Arbeit, immer abrufbar, falls ein Züchter eine Probe bestellt.
Seit 15 Jahren sorgt er dafür, dass die nächsten Generationen der Pferde-Elite unter EU-Standards gesichert werden. Samenproben von bis zu 20 Hengsten werden dazu täglich entnommen.
Ehe der süddeutsche Prämienhengst Lausitzer von Lahnstein (13) an der Reihe ist, präpariert Schütze das entscheidende Werkzeug zur Entnahme von Hengstsamen-Proben: die Plastikvagina "Modell Colorado". Diese wird mit Folie ausgelegt und mit Vaseline bestrichen, zudem mit Wasser auf die Pferdekörper-Temperatur von 37,5 bis 38 Grad gebracht. Zuletzt schraubt Schütze die Auffangflasche an das lustfördernde Instrument.
Dann wird zunächst "Animier-Dame Adele" (20) in den Stall geführt, "damit er etwas zu schnuppern hat und Lust bekommt". Kurze Zeit später blickt Hengst Lausitzer schnaubend hinein, wird vom Betreuer beruhigt und getätschelt. Hufescharrend und mit gekrümmtem Hals springt der Hengst schließlich auf den Bock im Zentrum des Stalls, auch "Phantom" genannt.
600 Euro pro Portion Zuchthengst-Sperma
Zeitgleich tritt Falk Schütze mit Helm von der Seite an den Hengst heran, greift zu und stülpt ihm "Colorado" übers Glied: "Sie soll sich angenehm anfühlen und der Hengst darf sich nicht verletzen", erklärt Schütze. Keine zwanzig Sekunden später ist der Spaß vorbei. Lausitzer wird sichtlich entspannter wieder in den Stall gebracht, ebenso Adele. Der Besamungswart präsentiert 25 Milliliter Zuchthengst-Sperma zu 600 Euro die Portion.
Schütze machte vor rund 40 Jahren seine Lehre zum Pferdewirt auf dem Moritzburger Landgestüt, spezialisierte sich dann zum Besamungswart und sagt stolz: "Mein Lehrbetrieb wurde mein Arbeitgeber - und ist es immer geblieben."
Im Labor herrschen EU-Richtlinien. Der Samen wird hier zunächst händisch von Dreckpartikeln gefiltert, "wobei jeder Tropfen zählt". Anschließend wird die Dichte mit einem Fotometer gemessen und die Vorwärtsbeweglichkeit der Samenzellen kontrolliert.
Eine zugeführte Nährlösung soll die Samenzellen mit Energie versorgen.
Pferdesamen wird unter dem Mikroskop kontrolliert
Zwölf Minuten lang wird der kostbare Stoff bei 1500 bis 1600 Umdrehungen in die Zentrifuge gelegt, um die Samenzellen von Schleim zu trennen. Mit Spritzen aufgezogen, erneut mit frischer Nährlösung versehen und noch mal in einem Rüttelgerät "hochgespült", folgt die Endkontrolle unter dem Mikroskop: "Ich untersuche, ob genügend vorwärtsbewegliche Samen vorhanden sind, und das hier sieht sehr gut aus", urteilt der Fachmann.
Die gemessenen Werte jeder Samenprobe von jedem Hengst werden festgehalten. Die Protokolle werden zehn Jahre lang aufbewahrt. "Es finden regelmäßige, unangekündigte Kontrollen statt."
Sollte der Züchter nicht selbst mit der Stute erscheinen, wird der Frisch-Samen versendet, muss allerdings bei ordentlicher Kühlung spätestens innerhalb von drei Tagen in der Stute sein.
Die sächsische Gestütsverwaltung versorgt dabei Züchter deutschland- und europaweit: "Tiefgefriersamen eines Hannoveraners ging auch schon mal an einen Züchter in Namibia."
Landgestüt Moritzburg: Ein Gestüt mit Geschichte
Das Landgestüt Moritzburg hat seinen Ursprung als königliches Prestige-Projekt, das sich August der Starke gegönnt hat. 1733 ließ er die barocken Stallanlagen für seine Jagdpferde errichten.
Nach den Napoleonischen Kriegen brauchte Sachsen dringend Arbeitspferde für Landwirtschaft und Militär. König Anton von Sachsen stationierte deshalb 1828 staatliche Deckhengste in Moritzburg, was die Geburtsstunde des Landgestüts als Zuchtstation markiert. Bauern konnten fortan ihre Stuten mit leistungsfähigen Zuchthengsten decken lassen.
Nach der Wende übernahm der Freistaat Sachsen das Landgestüt Moritzburg und das Hauptgestüt Graditz. Seit 2004 wird die Einrichtung als staatlicher Wirtschaftsbetrieb geführt.
Die Zusammenarbeit mit Thüringen entstand nach der Schließung des dortigen Landgestüts in den 1960er-Jahren. Moritzburg übernahm daraufhin auch Aufgaben für die Thüringer Pferdezucht. Bis heute arbeiten beide Länder mit ähnlichen Zuchtzielen eng zusammen.
Decktaxe ist bei Reitpferden am höchsten
Aktuell sind 85 Hengste im aktiven Zuchteinsatz, die sich wiederum in sechs Rassen unterteilen: Vollblut, Deutsches Reitpferd, Sächsisch-Thüringisches Schweres Warmblut, Rheinisch-Deutsches Kaltblut, Haflinger und Deutsches Reitpony.
Hengste der Reitpferderassen seien am meisten gefragt. Sie werden klassisch im Sport- und Freizeitreiten eingesetzt, erklärt Landstallmeisterin Kati Schöpke (45): "Ihr Marktwert ist in der Regel höher als bei unseren anderen Rassen, daher ist auch die Decktaxe höher."
Der Züchter könne dafür wiederum sein Reitpferdefohlen zu einem höheren Preis vermarkten. Die Decktaxe reicht von 200 bis 600 Euro.
Die kleinste und stark in ihrer Existenz gefährdete Rasse in den Ställen des Moritzburger Landgestüts ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut: "Hier bestehe der Auftrag im Erhalt der Rasse, insbesondere der Bewahrung einzelner seltener Blutlinien."