Hunderte Deutsche warten auf Transplantation: Sachse verdankt sein Leben der Organspende
Weißenborn - Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 600 Menschen, weil kein passendes Organ zu ihrer Heilung zur Verfügung steht. Der Tag der Organspende - der immer am ersten Wochenende im Juni begangen wird - erinnert an das Schicksal dieser Menschen und dient der Aufklärung. Noch immer gibt es rund um das Thema Organspende Unwissen, Ängste und Vorurteile. Das treibt Gunnar Förster (52) um. Leipziger Ärzte transplantierten ihm vor reichlich zwei Jahren eine Leber.
"Vor drei Jahren und zwei Monaten wurde bei mir ein irreparabler Leberschaden diagnostiziert", erzählt der Bauingenieur aus Weißenborn (Erzgebirge). Sein Traum von einem langen Leben platzte von einem auf den anderen Moment. Förster: "Eine kaputte Leber tut nicht weh. Man hat keine Schmerzen. Doch der Körper zerstört sich von innen. Man verliert seine gesamte Leistungsfähigkeit."
Sein Name wurde auf die Warteliste für ein Spenderorgan gesetzt. Quälende sechs Monate brachen an. Gunnar Förster arbeitete weiter. Es war für ihn undenkbar, untätig auf den Tod zu warten.
Als Unternehmer hatte er zuvor jahrelang ein Leben auf der Überholspur geführt und einen Betrieb im Bausektor mit weit über 600 Mitarbeitern aufgebaut und gelenkt.
"Beruflicher Erfolg war mir sehr, sehr wichtig. Ich habe gearbeitet ohne Ende. 14 Stunden und mehr am Tag. Es war wie eine Sucht", sagt er rückblickend.
Sein persönlicher Ehrgeiz trieb ihn damals rastlos von Projekt zu Projekt. Eine Flasche Wein am Abend gehörte meist dazu. Der Alkohol half ihm, ein paar Stunden schlafen zu können.
"Ich hatte unglaubliches Glück, dass für mich ein Spenderorgan gefunden wurde. Am 11. Januar 2024 wurde ich in der Uniklinik Leipzig operiert. Die Ärzte haben einen fantastischen Job gemacht. Ich bin unendlich dankbar, dass mir ein zweites Leben geschenkt wurde. Ich feiere jetzt zweimal im Jahr Geburtstag", sagt der gebürtige Schneeberger.
Gunnar Förster möchte etwas zurückgeben
Gunnar Förster krempelte sein Leben um. Er gab seinen Betrieb ab. Alkohol und Fast Food verbannte er aus seinem Leben. Stattdessen baut er für den eigenen Verzehr nun Gemüse an, hält Ziegen und züchtet Forellen. Er lebt entschleunigt und studiert jetzt wieder an der Uni: Kunstgeschichte und Geschichte. "Ich habe sogar mit Sport angefangen", sagt der bekennende Bewegungsmuffel.
Seine finanzielle Unabhängigkeit nutzt der Weißenborner heute, um mit seiner Familie Herzensprojekte in Kunst, Denkmalschutz und Kultur voranzutreiben und die Transplantationsmedizin zu fördern.
"Ich möchte etwas zurückgeben. Mir geht es darum, insgesamt zu Verbesserungen für kranke Menschen beizutragen", sagt Förster. Er hat eine Stiftung gegründet, die unter anderem zwei Stellen für wissenschaftliche Projekte im Bereich der Transplantationsmedizin an der Uniklinik Leipzig finanziert.
Sein persönliches Schicksal ließ Gunnar Förster das Leben mit anderen Augen sehen. Er sagt: "Eine ungünstige Diagnose - das kann jeden jederzeit treffen. Deshalb sollte sich jeder zeitig mit dem Thema Organspende beschäftigen und sich dazu bereit erklären." Die deutsche Debatte um die Widerspruchslösung verfolgt er gereizt. Seiner Meinung nach greift sie viel zu kurz.
Hierzulande dürfen Verstorbene Organe nur spenden, wenn dies ihrem zuvor dokumentierten oder geäußerten Willen entspricht und der irreversible Hirnfunktionsausfall (umgangssprachlich Hirntod) eingetreten ist. Der Katalog, der diese Kriterien enthält, umfasst an die 30 Seiten.
Gunnar Förster: "Angesichts des anhaltenden Mangels an Spenderorganen brauchen wir eine breitere Diskussion - auch und speziell um die Organspende nach dem Herz-Kreislauf-Tod."
Veranstaltungen regen zum Nachdenken an
Von Januar bis April 2026 gab es bundesweit 368 postmortale Organspender (2025: 341). Dadurch konnten 1137 Organe für eine Transplantation an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet werden (2025: 992).
In Sachsen konnten in dem Zeitraum 27 postmortale Organspenden (2025: 20) realisiert und 71 Organe (2025: 62) entnommen werden. Allein hierzulande warten derzeit 359 Menschen auf eine Transplantation.
Der Tag der Organspende wird an diesem Wochenende in Leipzig im Rahmen des Stadtfestes begangen - mit Info-Veranstaltungen, Talkrunden und Tattoo-Aktionen.
Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (67, SPD) sagt: "Ich appelliere an alle, diesen Tag zu nutzen, sich über die Organspende zu informieren, eine eigene Entscheidung zu treffen, sie zu dokumentieren und darüber in der Familie zu sprechen. Damit entlasten Sie Ihre Angehörigen im Fall der Fälle."
Sie selbst macht sich für die Einführung der Widerspruchsregelung stark und ist dabei, wenn am Samstag auf dem Gelände der Uniklinik Leipzig ein Gedenkort für den anonymen Organspender eingeweiht wird.
Gesetzesänderung für 2030 geplant
Eine interfraktionelle Gruppe von Bundestagsabgeordneten hofft auf einen Paradigmenwechsel bei der gesetzlichen Regelung der Organspende.
In Deutschland soll ab dem 1. Januar 2030 gelten, was in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern Normalität ist: Jeder Bürger gilt als Organspender, sofern er zu Lebzeiten dem nicht ausdrücklich widersprochen hat.
Ein entsprechender Gesetzentwurf zur Änderung des Transplantationsgesetzes und für die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung wurde auf den Weg gebracht.
Vor der Sommerpause soll dessen erste Lesung sein. Bislang gilt in Deutschland eine Entscheidungsregelung, nach der eine Organentnahme nur erlaubt ist, wenn die verstorbene Person einer Organspende explizit zugestimmt hat.
Kritiker der Gesetzesänderung warnen vor Eingriffen in die Selbstbestimmung.
Titelfoto: Bildmontage: Ralph Kunz, IMAGO/imagebroker, picture alliance/dpa,imago/Steinach

