Vor OB-Schicksalswahl in Aue: Zieht am Sonntag ein Neonazi ins Rathaus?

❤️
😂
😱
🔥
😥
👏

Aue-Bad Schlema - Am Sonntag wird aus einer OB-Wahl ein politischer Stresstest - nicht nur für Sachsen. In Aue (Erzgebirge) greift Stefan Hartung (37) von den rechtsextremen "Freien Sachsen" nach dem Rathaus. Im ersten Wahlgang lag er mit 29,0 Prozent vorn. Jetzt tritt er in der Stichwahl gegen Marcus Hoffmann (41, CDU) an, der 23,6 Prozent holte.

Duo im Rennen um den OB-Posten in Aue: Stefan Hartung (37, "Freie Sachsen") und Marcus Hoffmann (41, CDU).
Duo im Rennen um den OB-Posten in Aue: Stefan Hartung (37, "Freie Sachsen") und Marcus Hoffmann (41, CDU).  © Uwe Meinhold

Hartung selbst gab sich im Wahlkampf bürgernah, hart in der Sache und setzt vor allem auf die Themen Migration, Sicherheit, Bürgerbeteiligung und niedrigere Kita-Beiträge. Hoffmann hält mit Sicherheit, Familienpolitik und einem anderen Stadtbild dagegen.

Doch auf dem Postplatz, einem der wunden Punkte der Stadt, haben sich Frust, Müdigkeit und Sehnsucht nach Veränderung breitgemacht. Der Platz gilt seit Jahren als heißes Eisen: Gewalttaten, Drogenhandel, Verwahrlosung. Obwohl sich die Lage zuletzt beruhigt haben soll, bleibt das negative Image hängen.

Genau dort wird spürbar, warum Hartung trotz bundesweiter Schlagzeilen Chancen hat. Viele wollen reden, kaum einer will seinen Namen nennen. Aue steht im Fokus der Republik - aber vor Ort interessiert das längst nicht jeden.

Wählt Aue einen Extremisten zum OB?
Erzgebirge Wählt Aue einen Extremisten zum OB?

Ein Geschäftsmann (65), der seit Jahrzehnten am Postplatz arbeitet, sagt: "Ich kenne Aue seit 43 Jahren. Inzwischen gibt es hier am Postplatz keine Gaststätte mehr, auf keiner der großen Straßen kann man mehr richtig fahren. Es gibt tausend Gründe dafür, dass sich hier etwas ändern muss. Die Partei, die seit 36 Jahren hier regiert, hat sicher keine Chance mehr verdient."

Der Marktplatz von Aue: Wer wird hier im Rathaus künftig die Stadtgeschäfte führen?
Der Marktplatz von Aue: Wer wird hier im Rathaus künftig die Stadtgeschäfte führen?  © Uwe Meinhold
"Ich gehe schon lange nicht mehr abends raus": Rentnerin Rosi Lichtner (82, Name geändert).
"Ich gehe schon lange nicht mehr abends raus": Rentnerin Rosi Lichtner (82, Name geändert).  © Uwe Meinhold
Nadine Korn (31) mit Tochter Sarah (6) - die junge Mutter will morgen nicht wählen gehen.
Nadine Korn (31) mit Tochter Sarah (6) - die junge Mutter will morgen nicht wählen gehen.  © Uwe Meinhold

Brüder Franz und Walther Schirmer finden Aue "langweilig"

Die Brüder Walther (l.) und Franz Schirmer (beide 16) können mit Aue sehr wenig anfangen.
Die Brüder Walther (l.) und Franz Schirmer (beide 16) können mit Aue sehr wenig anfangen.  © Uwe Meinhold

Auch Nadine Korn (31, Name geändert) sieht Aue kritisch. "Für Kinder und Jugendliche oder Familien gibt es hier so gut wie gar nichts. Auf Spielplätzen stehen die Drogendealer, alles wird vermüllt. Da sind auch viele Ausländer, aber es sind auch Einheimische."

Dass Aue jetzt bundesweit als mögliche Neonazi-Stadt diskutiert wird, prallt an der jungen Mutter ab. "Wir sind doch immer die bösen Sachsen, die rechts sind."

Die Brüder Franz und Walther Schirmer (16) aus der näheren Umgebung finden Aue vor allem eines: "langweilig". Den Ruf des Postplatzes nennen sie "strange", also seltsam. Und sie merken, dass die Wahl längst über die Stadtgrenzen hinaus wirkt.

Annaberger Kät punktet mit neuen Fahrgeschäften
Erzgebirge Annaberger Kät punktet mit neuen Fahrgeschäften

"Ich hatte letztens einen Kampfsportkurs, da ist ein Verein aus Leipzig gar nicht gekommen, weil hier ein rechter Oberbürgermeister gewählt werden soll", erzählt Walther.

Und dann fällt ein Satz, der zeigt, wie hier viele denken. Greta Schmidt (71, Name geändert) meint: "Schaden wird es vielleicht nicht, wenn man mal so einen ranlässt ..."

Titelfoto: Bildmontage: Uwe Meinhold (2)

Mehr zum Thema Erzgebirge: