Um das Lebenswerk ihrer Eltern zu ehren: Sie bewahrt die berühmte DDR-Schürze vor dem Aus
Eibenstock - Ob im Haushalt, im Garten oder im volkseigenen Betrieb: Die Frauen in der DDR trugen meist eine schicke Kittelschürze. Zwar werden Schürzen mitunter heute noch getragen und hergestellt, aber nicht aus dem für den Osten typischen Dederon. Wohl einzig verbliebene Herstellerin des Originals ist Birgit Mädler (63) aus dem Erzgebirge, welche gemeinsam mit Näherin Andrea Grimm bei ihren treuen Kundinnen noch heute leuchtende Augen entfacht - zum Selbstkostenpreis!
Robust, knitterfrei, bügelfrei, schnelltrocknend, pflegeleicht und haltbar - Dederon war die Antwort des Arbeiter- und Bauernstaates auf Nylon und Perlon. Der Markenname des Polyamids setzte sich aus DDR und der für Fasern typischen Endung "-on" zusammen.
Manche Händler werben zwar weiter mit diesem Begriff, doch deren Schürzen bestehen vorwiegend aus Polyester mit wahlweise zugesetzter Baumwolle oder Viskose.
Bis vor einigen Jahren belieferte die Textildruckerei Innotex aus Frankenberg noch mehrere Abnehmer mit Dederon. Doch viele Nähereien und Manufakturen haben inzwischen altersbedingt aufgehört.
Einzig verblieben ist noch die Schürzenfabrikation H. Schuster aus dem erzgebirgischen Eibenstock, welche jedes Jahr etwa 1000 Meter des bunt bedruckten Stoffes ordert.
Birgit Mädler: "Ich bin in der Stickerei aufgewachsen"
Wenn Birgit Mädler den einstigen Betrieb ihres Vaters betritt, fühlt sie sich an ihre Kindheit zurückerinnert. "Ich bin in der Stickerei aufgewachsen und habe beim Zuschneiden und Nähen der Schürzen zugesehen." Selbstredend trug auch sie eine Kittelschürze aus der väterlichen Produktion. Denn hier wurden ausschließlich Kinderschürzen produziert.
Dazu muss man wissen: Jedes Kind musste damals im Kindergarten eine eigene Schürze haben - beim Basteln oder beim Essen. Sie waren halt praktisch. In den 1960er-Jahren wurde die Stickerei angehalten, in die sozialistische Konsumgüterproduktion einzusteigen. Hans Schuster lieferte die Zuschnitte an 50 Näherinnen, welche meist in Heimarbeit wöchentlich Tausende Schürzen fertigten.
Mädler: "Das Besondere an den Eibenstocker Kinderschürzen war die Bestickung. Auf jeder gab es entweder Teddy, Blüte, Maus, Katze, Matroschka oder etwas anderes - eine unerschöpfliche Palette an Motiven."
Die Schürzen wurden staatlich subventioniert und im Einzelhandel für den Endverbraucherpreis (EVP) von 7,45 Mark verkauft.
Etwa 500 Dederon-Schürzen werden pro Jahr in Eibenstock hergestellt
Als nach der Wende die sächsische Textilproduktion zusammenbrach, stellte Hans Schuster auch auf Damen- und Herrenschürzen um, damit er einige Arbeiterinnen weiter in Lohn und Brot halten konnte.
In der Familie einigte man sich schnell, dass keines der Kinder die elterliche Näherei übernehmen wird. Denn mit Handarbeit kann man sich niemals gegen die Billigproduktion aus dem Ausland auf dem Markt behaupten.
Seit Langem arbeitet die gelernte Ingenieurin hauptberuflich als Promotorin für Eine Welt e. V. und erklärt unter anderem Schulklassen globale Zusammenhänge.
Mädler: "Da mache ich klar, dass in einer Jeans viel mehr Wert steckt als die 19,90 Euro, die man bezahlt. Den hohen Preis zahlen die mit Hungerlöhnen ausgebeuteten Näherinnen in Bangladesch und die Umwelt." Bei Schürzen aus Billiglohnländern ist dies nicht anders.
Etwa 500 Schürzen aus Dederon werden jährlich je nach Nachfrage in Eibenstock in den klassischen Farben und bekannten Mustern hergestellt - mit Blumen, gepunktet oder einfarbig. Damen können elf Muster bei sieben Modellen wählen.
Mädler: "Am beliebtesten sind noch immer die Kleiderschürzen oder ein Kasack, der nicht ganz bis zu den Knien geht. Gelegentlich gehen wir auf Sonderwünsche ein." Auch Hosen-, Latz- oder Halbschürzen gehören zum Portfolio.
Aufhören? Das kommt für Birgit Mädler nicht infrage
Natürlich können die letzten Dederon-Schürzen preislich nicht mit der Industrieware im Handel konkurrieren. Dennoch sind sie mit einer Spanne - je nach Modell und Konfektionsgröße - von 13 bis 27 Euro äußerst günstig. Erst recht, wenn man erfährt, dass sie nahezu zum Selbstkostenpreis verkauft werden.
Mädler: "Vom Verkaufspreis bezahle ich das Material, sämtliche Betriebskosten und natürlich den Lohn für meine Näherin." Während Andrea Grimm (58) für das Nähen zuständig ist, kümmert sich Birgit Mädler selbst um das Zuschneiden, Verpacken und Versenden.
Bezahlt wird sie dafür nicht, Gewinn gibt es keinen. Es ist eher ein Hobby und Traditionspflege, mit der sie das Lebenswerk ihrer inzwischen verstorbenen Eltern in Ehren hält.
"Mein größter Lohn ist es, wenn ich mit unseren Schürzen anderen noch eine Freude bereiten kann." Gern liest sie die Dankesschreiben ihrer Kundinnen, wenn sich das Textil bewährt und gut anfühlt. Nach telefonischer Absprache kann man auch den Laden in Eibenstock aufsuchen. Hin und wieder lassen sich betagte Mütterchen dorthin fahren.
"Sie bekommen mitunter leuchtende Augen, wenn sie mit den Händen über das Material streicheln und sich dabei an die geschätzte Qualität erinnern."
Daher denkt Birgit Mädler auch nicht über das Aufhören nach. Solange es eine Wirkerei gibt, welche Dederon als wundersames Nischenprodukt erschwinglich herstellt, möchte sie die Kult-Kittel weiterleben lassen - soweit es ihre Kräfte zulassen. Ihre Mutter Ursula war bis an ihr Lebensende mit Schürzen verbunden und wurde damit 94 Jahre alt.
Weitere Infos gibt's unter schuerzen-hersteller-verkauf.de.
Titelfoto: Kristin Schmidt

