Dresden - Es ist ein symbolischer Schritt aus der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Am nächsten Samstag (11. April) beginnen wieder die Feiern zur Jugendweihe. Allein in Sachsen haben sich 12.175 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Kein Massenritual der DDR überlebte die Wende so unbeschadet. Doch anders als damals erhalten die Jugendlichen im Vorbereitungsjahr ein wirklich nützliches Rüstzeug für das Leben.
Während die Zahl der Jugendweihlinge Ende der 2000er-Jahre unter 10.000 sank, hat sie sich seit 2021 bei über 12.000 Achtklässlern stabilisiert. Der Sächsische Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe organisiert in den kommenden Wochen über 280 Feierstunden, zu denen sich auch rund 82.000 Gäste angemeldet haben.
Verbandssprecherin Carla Hentschel: "Etwa 40 Prozent eines Jahrganges entscheiden sich für diese Zeremonie."
Die Vorbereitungen für den großen Tag beginnen teils schon am Ende der sechsten Klasse. Die Elternvertreter in den Schulen drängen da bereits auf schnelle Entscheidungen. Grund: Wer das Datum des Festes weit im Voraus weiß, kann sich dann für die private Feier um die Reservierung eines Restaurants kümmern. Denn im Frühjahr sind diese an Samstagen schnell ausgebucht.
Und auch die Teilnahmekosten von 220 Euro spielen eine Rolle. Wer sich bis Oktober anmeldet, kann diese auf 185 Euro drücken – vor Juli sogar auf 155 Euro. Denn für eine Jugendweihefeier kommt auf die Eltern schon schnell mal ein Betrag von 1500 Euro zusammen, wobei man die Hälfte für Location und Beköstigung der Gäste kalkuliert.
Geldsegen, Alkohol und Make-up? Jugendverband zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt
Für Jugendliche ist die Motivation für eine Jugendweihe-Teilnahme zunächst eine andere: Es gibt eine Party, in welcher allein sie im Mittelpunkt stehen. Obendrein erwarten sie – je nach Größe der Verwandtschaft – einen willkommenen Geldsegen.
Für Mädchen ist es reizvoll, sich ein erstes Mal als Frau zu kleiden und zu schminken. Und unter manchen Jungs hält sich das Gerücht, dass man dann als Erwachsener nach Lust und Laune Alkohol trinken darf.
Solche oder ähnliche Ideen werden im Vorbereitungsjahr korrigiert. Denn der Verband organisiert eine Vielzahl von Kursen, welche gezielt auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten.
Carla Hentschel: "Manche sind schon überrascht, was es bedeutet, wenn man mit 14 plötzlich strafmündig ist. Sie werden über beliebte Rechtsirrtümer im Alltag aufgeklärt, erwerben Grundwissen über Finanzen oder welche Versicherung sinnvoll sein kann." Oder sie erhalten Angebote in Medienkompetenz: Wie erkennt man Fake-News?
Diese kostenlosen Kurse können Jugendweihlinge besuchen
In der DDR sollten die neuen Erwachsenen zu sozialistischen Persönlichkeiten getrimmt werden, die Kursteilnahme war verpflichtend. Das ist natürlich nicht mehr so, die Jugendlichen belegen ihre Kurse nach eigenem Interesse. Während in Nordsachsen 26 unterschiedliche Veranstaltungen angeboten werden, sind es in Dresden sogar über 100.
Hentschel: "Wir versuchen, mehr als die Hälfte dieser Kurse kostenlos anzubieten. Wird ein Unkostenbeitrag erhoben, kann er für sozial schwächere Familien über das Bildungs- und Teilhabepaket abgefedert werden."
Das gilt auch für das Pfingstcamp in der Dahlener Heide für über 1000 Jugendliche. Viele von ihnen gehen dabei erstmals ohne ihre Eltern auf Reisen.
Ohnehin lernen die Jugendweihlinge vieles, was sie in der Schule oder im Elternhaus meist nicht geboten bekommen. Etwa beim allseits beliebten Knigge-Kurs, bei dem sie die althergebrachten Benimmregeln im Restaurant erfahren. Ein Antiblamier-Programm bei der Tanzschule oder die Geheimnisse der Körpersprache werden gelehrt.
Beim Kurs "Mein Körper und die Sexualität" werden Mädchen und Jungen ausnahmsweise getrennt.
Erste Jugendweihen in Sachsen am kommenden Samstag
Kommenden Samstag finden in Seiffen, Zwickau und Werdau die ersten Feierstunden statt, die letzten wird es im Juni geben. Die größte steigt am 30. Mai in der Kongresshalle am Leipziger Zoo, wo 130 Jugendliche in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Einen Dresscode gibt es nicht. Die Jugendlichen dürfen auftreten, wie sie sich selbst am wohlsten fühlen.
Das wird einige Mädchen nicht abhalten, dennoch erstmals in Stöckelschuhen zu laufen. Manche bereuen es bei der Stellprobe wenige Tage vor der Weihstunde. Dort wird geübt, wie man in kleinen Gruppen möglichst elegant und unfallfrei auf die Bühne kommt. Das Lampenfieber dabei ist riesig, es geht einiges schief.
Bei der eigentlichen Feier aber erstaunlicherweise nur selten. Auf der Bühne erhalten die Jugendlichen ein Buch, eine Blume und einen Sinnspruch. Dann werden sie namentlich aufgerufen und sie treten bewusst einen Schritt nach vorn. Damit, so haben sie es verinnerlicht, lassen sie die Kindheit hinter sich und schreiten als Erwachsene von der Bühne.
Hin und wieder ergreift auch jemand spontan das Mikrofon. Da gab es etwa den 15-Jährigen, welcher bei Lehrerinnen, Lehrern und Eltern für seine Streiche und Unartigkeiten als Kind um Entschuldigung bat. Nun als Erwachsener bereue er das und werde sich ändern. Carla Hentschel: "Es gibt immer wieder diese ergreifenden Gänsehautmomente, in denen auch Tränen der Freude fließen."
Nach Jugendweihe: Junge Sachsen fahren am liebsten nach Paris
Zum Abschluss des Jugendweihejahres steht für Hunderte neue Erwachsene noch eine Auslandsreise an. Das verbandseigene Reiseunternehmen Tweeny Tours organisiert Reisen nach London, Barcelona, Rom, Amsterdam oder zu Gedenkstätten.
Bei Pubertierenden beliebtestes Ziel aber bleibt Paris: Über 1600 sächsische Heranwachsende fahren in diesem Jahr in die "Stadt der Liebe".
Info: jugendweihe-sachsen.de