Markus Schlimbach im TAG24-Interview: Sachsens Gewerkschafts-Boss geht mit Stolz
Dresden - Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) geht eine Ära zu Ende. Am 23. Januar verlässt Markus Schlimbach (60) dort die Kommandobrücke. Der gebürtige Chemnitzer hat die vergangenen 35 Jahre maßgeblich die Arbeit der Gewerkschaften in Sachsen geprägt. In stürmischen Zeiten mit Streiks und Massenentlassungen zeigte er Haltung und Gesicht für die Interessen von Arbeitnehmern. Im Interview mit TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi spricht er über seine Erfolge, Niederlagen und Pläne.
TAG24: Herr Schlimbach, bitte vollenden Sie diesen Satz: Ein Leben ohne den DGB ...
Markus Schlimbach: … ist schwer vorstellbar nach 35 Jahren, aber es muss wohl möglich sein.
TAG24: Haben Sie Pläne für den Ruhestand?
Schlimbach: Ich möchte Aufgaben wie die Zusammenarbeit mit unseren polnischen und tschechischen Partnergewerkschaften fortführen. Ich will mich außerdem weiter um die Betreuung und Beratung von ausländischen Arbeitskräften bemühen. Von hundert auf null fände ich nicht schön.
TAG24: Sie wollen das alles im Ehrenamt machen?
Schlimbach: Ja.
TAG24: Sie werden am 29. Januar 61 Jahre alt. Das ist kein Alter für einen Rückzug. Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden?
Schlimbach: Ich spüre gesundheitliche Probleme kommen. Es sind ein paar Operationen, Reparaturarbeiten notwendig. Im Stress des Amtes habe ich mir zu wenig Zeit für meine Gesundheit genommen.
Markus Schlimbach: "Bei der Lohnangleichung und den Tarifverträgen richtig gut vorangekommen"
TAG24: Sie waren acht Jahre DGB-Chef, acht Jahre Vize und haben insgesamt 35 Jahre Gewerkschaftsarbeit geleistet. Worauf sind Sie stolz?
Schlimbach: Auf die ganze Zeit betrachtet bin ich stolz darauf, dass wir als Gewerkschaftsbewegung so ein widerständiger Haufen geworden sind. Sachsen steht als kleines Bundesland in Deutschland an vierter Stelle, wenn es um die Häufigkeit von Streiks geht. Und das mit nur 1,5 Millionen Beschäftigten und 250.000 Gewerkschaftsmitgliedern. Bedenken Sie; in den 1990er-Jahren schreckten noch viele vor Auseinandersetzungen zurück aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes.
TAG24: Was hätten Sie gerne noch erreicht?
Schlimbach: Wir konnten viel anstoßen, aber noch nicht zu Ende bringen. Stichwort Vergabegesetz. Das beschäftigt uns seit 15 Jahren. Bei der Bildungszeit sind wir vielleicht jetzt kurz davor. Im Februar wird darüber beschlossen. Die großen Dinge werden in den betrieblichen Kämpfen mit der Gewerkschaftsbewegung erkämpft. Etwa die 35-Stunden-Woche. Wir sind bei der Lohnangleichung und den Tarifverträgen richtig gut vorangekommen.
Tarifbindung für Markus Schlimbach zu langsam gewachsen
TAG24: 2026 stehen viele Tarifverhandlungen an. Sind die Gewerkschaften bereit für Zugeständnisse angesichts der schwierigen Wirtschaftslage?
Schlimbach: Das kommt auf die Branche an. Es wird kein Masterplan für alle durchgesetzt. Die Industrie steht vor großen Problemen. Das wird auch die Tarifverhandlungen bestimmen. Ein Beispiel dafür ist, dass für die Chemie-Industrie keine konkrete Tarifforderung gemacht wurde. Genau wie voriges Jahr in der Stahlindustrie. Man hat sich darauf beschränkt, einen Inflationsausgleich zu fordern.
TAG24: Viele Betriebe in Sachsen zahlen noch immer keinen Tariflohn. Wie schauen Sie da in die Zukunft?
Schlimbach: Die Tarifbindung steigt. 2017 hatten wir 38 Prozent der Beschäftigten in der Tarifbindung. Jetzt sind es 41 Prozent. Es ist langsam, viel zu langsam für meinen Geschmack, gewachsen. Aber wir haben Erfolge - etwa bei GlobalFoundries und Teigwaren Riesa.
Das Interesse der Jugend an gewerkschaftlicher Arbeit steigt
TAG24: 2026 stehen auch wieder Betriebsratswahlen an. Spüren Sie ein verstärktes Interesse an der Gründung von Betriebsräten?
Schlimbach: Ja. Betriebsräte sind die ersten Bausteine für verbesserte Arbeitsbedingungen. Davon profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen. Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen. Es wird immer noch versucht, jede vierte Betriebsratsgründung in Sachsen mit allen möglichen Mittel zu verhindern.
TAG24: Gibt es da einen Trend?
Schlimbach: Die Auseinandersetzungen, die geführt werden, werden aber härter.
TAG24: Der Gen Z sagt man ein großes Interesse an der Work-Life-Balance nach. Engagiert sie sich daher auch mehr gewerkschaftlich?
Schlimbach: Das ist tatsächlich so. Wir haben im Jugendbereich jedes Jahr rund 10 Prozent Wachstum. Das reicht aber leider nicht ganz, um die altersbedingten Abgänge auszugleichen. Jugendliche, die auf starre Strukturen im Betrieb treffen, setzen sich verstärkt für Teilzeit-Modelle, Homeoffice-Regelungen oder ordentliche Entlohnung ein.
Michael Kretschmer tritt den Menschen in Sachsen beim Thema Arbeitszeit "vors Schienbein"
TAG24: Das Thema Arbeitszeit dominierte zuletzt viele Tarifverhandlungen. Wird das bleiben?
Schlimbach: Sicher nicht in Krisenzeiten, aber für die Zukunft schon. Im Handel gibt es quasi eine Zwangsteilzeit, weil der Personaleinsatz so bemessen wird. Da können Frauen nur 20 Stunden arbeiten. Im Gesundheitswesen arbeiten Menschen Teilzeit, weil sonst nicht ausreichend Zeit zur Erholung nach dem anstrengenden Dienst bleibt. Sachsen ist das Bundesland mit der meisten Schichtarbeit. Dabei wissen alle, dass Schichtarbeit auf Dauer der Gesundheit schadet.
TAG24: Sachsens CDU-Chef Michael Kretschmer setzt sich ungeachtet dessen für längere Arbeitszeiten ein.
Schlimbach: Da ist er leider unbelehrbar. Er tritt den Menschen in Sachsen damit vors Schienbein. Er suggeriert damit, die arbeiten nicht genug. Als verantwortlicher Politiker sollte man das nicht machen. Politik sollte in unsicheren Zeiten nicht für noch mehr Unsicherheit mit solchen Aussagen sorgen.
TAG24: Krisenzeiten werden oft dazu benutzt, gewerkschaftliche Errungenschaften und Standards infrage zu stellen.
Schlimbach: Ja, wir sehen das bei den Debatten um die Rente, die Pflegestufe 1 oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich halte das für grundfalsch. Man will wieder Sozialleistungen streichen, aber an die Erbschaftssteuer oder die Vermögenssteuer geht man nicht ran. Gerechtigkeit sieht anders aus.
Die Nachfolge scheint geregelt
Markus Schlimbach wird als Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Sachsen am 23. Januar verabschiedet.
Am Tag darauf wird in Dresden bei der Ordentlichen Bezirkskonferenz seine Nachfolge geregelt. Der DGB-Bundesvorstand hat Daniela Kolbe (45, SPD) als Bezirksvorsitzende und Ralf Hron als stellvertretenden Bezirksvorsitzenden zur Wahl nominiert.
Kolbe ist seit 2022 DGB-Vize in Sachsen. Die studierte Physikerin war zuvor Abgeordnete im Bundestag.
Titelfoto: Norbert Neumann

