Natürlich nur mit Kamera und App: Mann aus Sachsen macht "Jagd" auf Militärflugzeuge
Mittweida - Er macht Jagd auf Jagdflieger. Sobald im Luftraum über seiner Heimatstadt Mittweida Militärflugzeuge auftauchen, schießt Ralf Härtel (45) sie ab - mit Handykamera oder Fotoapparat mit Super-Teleobjektiv.
Die Trophäen seiner Jagd sind seltene Schnappschüsse von Eurofightern, Kampfhubschraubern und fliegenden Truppentransportern in Action.
Einige Maschinen erkennt er inzwischen sogar lediglich am Brummen der Motoren. Und es werden immer mehr, schließlich ist Sachsen eine Einflugschneise für Militärflugzeuge.
Die Neugier begann mit einer unerklärlichen Himmelserscheinung. Bei einem abendlichen Spaziergang mit Yorkshire Terrier Timmy in Altmittweida erblickte Härtel vor 25 Jahren am Himmel ein mysteriöses Farbenspiel: Ein kleiner roter Punkt wurde scheinbar von zwei weißen Punkten umschwirrt, die sich immer mehr an das rote Objekt annäherten.
"Gleichzeitig hörte ich ein dumpfes Brummen am Himmel", erinnert sich der Hobby-Luftraumbeobachter.
Umfangreiche Antwort überrascht Ralf Härtel
Das Internet sollte Aufklärung bringen. Doch Härtel blieb dort nicht in Verschwörungsforen von UFO-Sichtern hängen, sondern hakte mit einer Bürgeranfrage offiziell nach - beim Luftwaffenamt der Bundeswehr in Köln/Bonn: Was fliegt denn da am Himmel über Sachsen?
"Über die schnelle und umfangreiche Antwort war ich überrascht", erzählt Härtel. Die Militärexperten bestätigten ihm, dass über Sachsen ein Luftkorridor für Betankungsmanöver existiere.
Das Militär schickte sogar Karten mit, auf denen das Übungsfluggebiet TRA 208/308 gekennzeichnet war. TRA steht dabei für Temporary Reserved Airspace, also ein zeitweise reservierter Luftraum über der Sächsischen Schweiz und dem Erzgebirge. Er wird für Übungen von Tiefflügen, Abwehrmanövern und Luftbetankung genutzt. Für Letzteres gibt es zudem eine feste Tankerroute "Saxon".
So entpuppte sich der rote Punkt am Himmel als Militärflugzeug der Bundeswehr, das zwei Jagdflugzeuge während eines Luftbetankungsmanövers über ausgefahrene Schläuche mit Kerosin fütterte.
Doch damit nicht genug. Inzwischen gibt es auch reguläre Militärflugrouten quer durch den sächsischen Luftraum. "In unregelmäßigen Abständen wird der Bereich von H-60 Blackhawk, H-64 Apache und H-47 Chinook der amerikanischen Streitkräfte bei Überführungsflügen unter anderem von und nach Polen überflogen", sagt Härtel.
Ralf Härtel erkennt die Maschinen durch die Wolkendecke am Brummen der Motoren
Seine Sichtungen wurden zur Massenerscheinung. "Ich beobachtete die Tankmanöver anfangs fast immer donnerstags", sagt er. Anfangs zückte er bei Auffälligkeiten in der Luft sein Handy zum Fotografieren. "Inzwischen habe ich so oft wie möglich meine Nikon-Spiegelreflexkamera und ein Teleobjektiv mit 500 mm Brennweite dabei."
Trotzdem erscheinen die Maschinen auf seinen Fotos klein. Immerhin spielen sich die Luftmanöver zwischen 7 und 10 km über Mittweida ab.
Längst hat Härtel sogar ein Ohr für die Maschinen, erkennt sie durch die Wolkendecke am Brummen der Motoren. Ansonsten hilft eine Analyse-App fürs Himmelszelt. "Mit dem kostenlosen Flight Tracker 'ADS-B Exchange' lässt sich der militärische Flugverkehr in Echtzeit verfolgen. Man kann zudem erkennen, um welche Flugzeugtypen es sich handelt, zu welcher Nation sie gehören, wo sie gestartet sind, in welcher Höhe sie sich befinden und wie schnell sie fliegen", sagt Härtel.
Das alles aber nur, wenn die Transponder der Militärmaschinen eingeschaltet sind. Doch die bleiben bei geheimen Missionen stumm.
Zur Sternstunde des Plane Spotters wurde die NATO-Luftwaffenübung Air Defender im Juni 2023. Damals durchstreiften insgesamt 250 Flugzeuge aus 25 Nationen auch den sächsischen Luftraum. Dabei flog Härtel sogar ein über Mittelsachsen selten zu sehender KC-135 Stratotanker vor die Linse.
Experte für die Lokalpresse
Weiteres Highlight: "Ich konnte eine A400M der deutschen Luftwaffe fotografieren, die vier Boeing-Bomber FA-18 Hornet der finnischen Luftwaffe im Schlepptau hatte."
Im Logbuch hielt er später fest: Höhe der Flugzeuge annähernd 7 km, Geschwindigkeit mehr als 500 km/h.
Auch im Urlaub entkommt der Flugzeugflüsterer seinem Hobby übrigens nicht. So zückte er seinen Tracker sogar am Gardasee, als er ein Jetgeräusch am Himmel hörte.
"Gern würde ich mal in der Nähe der Ramstein Air Base Urlaub machen, der größten US-Militärbasis außerhalb der USA", sagt er.
Längst gilt er bei der Lokalpresse als Experte und muss unbekannte Objekte identifizieren, wenn besorgte Anwohner mal wieder Flugverkehr melden. Auch auf seinem Facebook-Profil kämpft er dafür, dass militärische Tiefflüge als realer Flugverkehr enttarnt werden - auch wenn sie seit dem Ukraine-Krieg häufiger geworden sind.
Daran kann man die Maschinen erkennen
A400M
Den oft in Mausgrau lackierten Militärtransporter mit seinen vier großen Turboprop-Triebwerken hört man schon in der Luft brummen, selbst wenn er in Höhen von 7 bis 10 km fliegt. Wirkt optisch wie ein großes Passagierflugzeug.
Eurofighter
Das wendige Flugzeug erkennt man an den kleinen Flügeln (Canards) nahe der Kabine, seinen großen Deltaflügeln und am keilförmigen Rumpf. "Wenn der Nachbrenner gezündet wird, vibriert förmlich die Luft", erklärt Härtel.
Boeing AH-64 Apache
"Der Kampfhubschrauber ist schmal, mit spitzem Bug, sichtbarer Waffenaufhängung unterm Rumpf und einer runden pilzartigen Radarkuppel über dem Hauptrotor", erklärt Härtel. "Die Kanzel sieht wie bei einem Kampfjet aus."
Sikorsky UH-60 Black Hawk
"Der Mehrzweckhubschrauber wirkt wie ein fliegender Transporter - breit, robust, mit langem Heck, großen Türen an der Seite und flacher, breiter Nase", erläutert Härtel.
Hubschrauber Boeing CH-47 Chinook
Der Transporthubschrauber mit Tandemrotoren unterscheidet sich schon akustisch von anderen Hubschraubern, ist schon von Weitem zu hören. Härtel: "Aufgrund der gegenläufigen Tandemrotoren ist er an einem markanten tiefen, dumpfen und rhythmischen 'Wop-Wop-Wop' zu erkennen - fast wie ein schwerer, langsamer Puls."
Boeing C-135 Stratotanker
Das Tank- und Transportflugzeug erkennt man an seinen vier Turbofan-Triebwerken unter den schräg nach hinten geneigten Flügeln sowie dem ausfahrbaren Betankungsgestänge am Heck für Luftbetankungsmissionen. Außerdem gibt es einen "boom operator", der die Tanksäule im Heckbereich bedient.
NATO AWACS
Der Rumpf des Frühwarn- und Überwachungsflugzeugs trägt einen markanten, rotierenden Radarüberbau zur Luftraumüberwachung und Aufklärung feindlicher Luftfahrzeuge.
Titelfoto: Bildmontage: Ralph Kunz (2), Ralf Härtel

