Sachse entwirft ausgezeichnete Cargobikes: Mit diesen Rädern wird die Last zur Lust

Kriebstein - Radrennfahrer zu werden, war sein größter Kindheitstraum. Doch als Clemens Kircher (35) merkte, dass er mit der absoluten Spitze nicht mithalten kann, sattelte er auf die Erfindung innovativer Fahrradteile um. Inzwischen baut seine Firma Kircher Solutions in Kriebstein (Landkreis Mittelsachsen) das beste Lastenrad Europas - zumindest das leichteste. Und in der kleinen Nische trotzt sie dem heftigen Gegenwind, welcher derzeit die Branche durcheinanderwirbelt.

Bevor Clemens Kircher (35) Innovationen in die Serienproduktion einfließen lässt, prüft er sie erst mal selbst auf Herz und Nieren.  © Sven Gleisberg

Den Ritterschlag erhielt sein Produkt auf der diesjährigen Cyclingworld Europe, der Premiummesse für gehobene Fahrradkultur in Düsseldorf. Die Jury adelte das sportliche Lastenrad "Iumentum 1890" mit dem Gold-Award für Cargobikes.

Nicht nur die raffinierte Technik und die hervorragende Verarbeitung überzeugten, sondern auch die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und der smarte Preis.

Größtes Staunen aber löste das Gewicht aus. In der leichtesten Version bringt das Gefährt gerade einmal 14 Kilogramm auf die Waage. Doch selbst voll ausgestattet mit Motor - den man bei diesem Produkt zumindest im Flachland nicht benötigt - hängt es mit 33 Kilo seine Mitbewerber ab. Die Experten waren derart verblüfft, dass sie das Rad auch zum "Produkt des Jahres 2026" kürten.

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Ist dies also das beste Lastenrad Europas? Clemens Kircher ordnet ein: "Es kommt ganz darauf an, wie man sein Rad im Alltag nutzen möchte, da gibt es zu unterschiedliche Ansprüche und Zielgruppen. Wer seine Zuladung aber zügig und sportlich durch die Gegend fahren möchte, ist bei Iumentum richtig."

Nicht umsonst gewinnen diese Räder regelmäßig bei Lastenrad-Wettrennen.

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Man muss sich nicht anstrengen, um das Lastenrad anzuheben. Es wiegt gerade einmal 14 Kilogramm.  © Sven Gleisberg
Bestes Cargobike und Produkt des Jahres 2026 - bei der Cyclingworld Europe sahnte Clemens Kircher (l.) mächtig ab.  © PR/Nils Längner
Zwei Hunde sind bei den Testfahrten meist dabei. Der Rahmen umschließt die Transportbox und gibt daher mehr Sicherheit.  © Sven Gleisberg

Er wollte Radprofi werden, bastelte bereits in frühen Jahren an Fahrradteilen

Als Jugendlicher gewann Kircher einige Radrennen. Doch schon bald sattelte er auf Erfindungen um.  © privat

Und hier schließt sich der Kreis zum in der Oberlausitz aufgewachsenen zwölfjährigen Kircher: "Als sich 2003 Jan Ullrich und Lance Armstrong duellierten, wollte auch ich unbedingt Radprofi werden."

Weil die Familie finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet war, musste der junge Pedalritter für sein Wettkampfgerät mit verschiedenen Komponenten improvisieren. Seine zweite Leidenschaft - das Basteln und Friemeln an Fahrradteilen - entstand.

Einige Siege bei Radrennen führten ihn als 16-Jährigen ans Sportgymnasium Leipzig. Hier kam allerdings die Ernüchterung: "Obwohl ich immer mein Bestes gab und trotz allen Ehrgeizes musste ich erkennen, dass ich als Rennfahrer wohl nicht jeden Blumentopf gewinnen werde."

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Doch er fand an der DHfK einen Tüftler, der ihn in die Geheimnisse des Carbons einführte. Kircher entwickelte Felgen, die 2016 sogar bei Olympia eingesetzt wurden.

Am Tag, nachdem ihm die HTWK Leipzig den Abschluss seines Wirtschaftsingenieur-Studiums überreicht hatte, radelte Kircher zum Finanzamt, holte eine Steuernummer und meldete ein Gewerbe an. Als Konstrukteur entwarf er für andere Firmen Komponenten.

So wurde das Start-up Nextbike auf ihn aufmerksam, welches sich in jener Zeit gerade anschickte, der größte Fahrrad-Verleiher Europas zu werden. Die Leipziger brauchten einen kreativen Fachmann, um die wachsende Flotte effizient zu gestalten.

2019 kam der erste Lastenrad-Prototyp aus China

Taschen und Textilien für die Räder werden in Kriebstein hergestellt. Einige Komponenten kommen aus Sachsen.  © Sven Gleisberg

Als Hardware-Entwicklungsleiter lernte er nun die wichtigsten Hersteller von Fahrradzubehör kennen. Kircher: "Dazu muss man wissen, dass die globale Branche von Taiwan dominiert wird. Viele Zulieferer weltweit arbeiten zwar unter eigenen Namen, die Fäden dahinter werden aber aus ebendiesem Land gezogen." So kam es, dass ihn viele Geschäftsreisen auch nach China führten.

Sein Gewerbe als Entwicklungs-Dienstleister führte er nebenbei weiter. Weil inzwischen zwei kleine Strampler zur Familie Kircher gehörten und ausgefahren werden wollten, konstruierte er ein Lastenrad nach seinen Vorstellungen.

Zur Umsetzung konnte er auf die erworbenen Geschäftskontakte zugreifen. Auf eigene Rechnung flog er 2019 nach China und kehrte mit einem Prototyp des Rahmens im Sperrgepäck zurück, als sich in Wuhan bereits die Pandemie andeutete.

Nachdem er sein Rad auf Herz und Nieren geprüft hatte, bestellte er in China einen Container mit 100 Rohlingen.

Er bot seine Rahmensets auf einer Internetplattform zum Verkauf an. Die Resonanz war so überwältigend, dass sich schon bald ein weiterer Container auf dem Weg nach Hartha in Mittelsachsen machte - dort lebt Familie Kircher inzwischen.

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Ehemaliger Edeka-Markt wird zur Manufaktur

In einem ehemaligen Edeka-Markt in Kriebstein werden die prämierten Lastenräder der Marke "Iumentum" montiert.  © Sven Gleisberg

Im benachbarten Kriebstein baute Kircher einen ehemaligen Edeka-Markt zur Manufaktur um und begann 2021, die Räder unter dem Markennamen Iumentum zu produzieren.

Inzwischen gibt es fünf Mitarbeiter, Schweißarbeiten muss der Chef noch selbst ausführen. Die Produktpalette reicht vom Rahmenset (ab 1500 Euro) bis zum voll ausgestatteten Rad (ab 2300 Euro) - und noch weit darüber hinaus. Ein Luxusrad mit allem Schnickschnack und bestem Motor kann aber auch an die 10.000 Euro kosten.

Auch wenn die Rohlinge weiterhin aus China kommen und wie in nahezu jedem Fahrrad Bestandteile aus aller Welt vorhanden sind, bemüht man sich um sächsische Komponenten.

Clemens Kircher: "Die Lenkung kommt aus Leipzig, Pulverbeschichtung aus Nossen und Holzteile aus Hartha, Taschen und Textilien fertigen wir selbst an. Und falls jemand einen Motor braucht, bauen wir am liebsten das Set von Pendix aus Zwickau ein."

Etwa 250 Räder verlassen pro Jahr die Manufaktur. Die größte Iumentum-Dichte findet sich derzeit in Hamburg und Dresden, aber auch aus Schweden, England und Mallorca kommen Bestellungen. Mittelfristig möchte Kircher Solutions jährlich vierstellig produzieren und behutsam in seiner stabilen Nische wachsen.

Die Schweißarbeiten muss der Chef noch höchstpersönlich übernehmen.  © Sven Gleisberg

Derzeit tüftelt Kircher an einem leichten Speed-Pedelec, das mit Motor 45 Kilometer pro Stunde zulässt. Dieses könnte schon im kommenden Jahr auf den Markt kommen und vielleicht wieder die Fachwelt verblüffen.

Mehr Infos findet Ihr unter kircher.solutions und iumentum.cc.

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