Von Jörg Schurig
Dresden - Was haben Dresden und das serbische Kupinovo, Leipzig und das norditalienische Molinella, Chemnitz und Toletino in der italienischen Region Marken gemeinsam? Sie sind "Klima-Zwillinge"! Jedenfalls sehen das wissenschaftliche Modellszenarien so, die von einer Klimaverschiebung ausgehen.
In den sächsischen Großstädten wird das Klima laut einer Modellierungsstudie unter Beteiligung des Umweltbundesamtes in 60 Jahren so sein, wie es in den genannten Zwillingsstädten heute schon ist. Sie geht davon aus, dass sich die Klimazonen nach Norden verschieben.
Alle Regionen in Deutschland bekommen demnach ein Klima, wie es heute im Mittelmeerraum und auf dem Balkan vorherrscht.
Für die Studie wurden Kenngrößen wie mittlere Lufttemperaturen, Niederschläge und Windverhältnisse aus den Jahren 1986 bis 2015 von 41 deutschen Orten in allen Bundesländern und über verschiedene Landschaftsformen verteilt untersucht.
Danach verglichen die Wissenschaftler die Kenngrößen mit Regionen in Europa, in denen es von 1960 bis 1991 im Schnitt ähnliche Werte gab. So fanden sie die "Zwillinge".
"Es zeigte sich, dass die Regionen allesamt 100 bis 600 Kilometer weiter südwestlich lagen - bis nach Frankreich hinein", berichtet Alice Quack vom Verein Deutscher Ingenieure.
Dresdner Klimatologe: "Man projiziert das aktuelle Klima in eine mögliche Zukunft"
Die Idee der "Klima-Zwillinge" habe eine ganz praktische Seite: Städte könnten so vorausschauend planen. Wenn sie wissen, welches Klima ihnen bevorsteht, könnten sie von ihrem "Zwilling" lernen - etwa bei Architektur, Hitzeschutz, Bewässerung oder Baumarten.
Der Dresdner Klimatologe Daniel Hertel weist allerdings auf Unwägbarkeiten hin. "Man projiziert das aktuelle Klima in eine mögliche Zukunft. Das können verschiedene Zukünfte sein. Deswegen hat man immer eine Bandbreite, in welchem Bereich sich das wahrscheinlich abspielen wird." Man könne aber nicht sagen, dass es zum Zeitpunkt X an diesem oder jenem Ort genauso sein werde.
Hertel zufolge lassen sich generelle Aussagen aber ableiten. "Die Temperatur erhöht sich. Das hat Auswirkung auf die Verdunstung, die drastisch angestiegen ist. Hinzu kommt eine Zunahme der Sonnenscheindauer, die gleichfalls Einfluss auf die Verdunstung hat."
Der Dresdner Wissenschaftler ist für eine ehrliche gesellschaftliche Debatte. Es gehe um die Frage, welche künftigen Klimarisiken die Mehrheit in Kauf nehme, welche nicht und wer im Zweifelsfall dafür hafte, so Hertel.