Krisengebiet Rathen: So kompliziert sind die Aufräumarbeiten

❤️
😂
😱
🔥
😥
👏

Rathen - Der verheerende Sturm von Rathen zog Schneisen der Verwüstung durch die beliebtesten Routen der Sächsischen Schweiz. Nun türmt sich das Totholz zu Mikado-Haufen auf. Waldarbeiter tasten sich Meter für Meter durch das Chaos. Lebensgefährlich. Und hocherfolgreich. Doch die Zeit rennt ihnen davon.

"Das war höhere Gewalt", sagt Revierförster Frank Wagner (62), seit 38 Jahren Revierförster von Hohnstein.
"Das war höhere Gewalt", sagt Revierförster Frank Wagner (62), seit 38 Jahren Revierförster von Hohnstein.  © Steffen Füssel

Zwischen den Baumstämmen sieht Revierförster Frank Wagner (62) dieser Tage vor allem eins: Spannung. Geschätzte 12.000 zerborstene Fichten, entwurzelte Kiefern oder gesunde Eichen liegen kreuz und quer über 25 Hektar der vorderen Sächsischen Schweiz verteilt.

Baumkronen haben sich meterhoch wie Klettverschlüsse verhakt. Dazu Äste, Gestrüpp, Reisig. Für den Laien ein Kriegsschauplatz. Für die Waldarbeiter reine Statik.

Kyrill, Friederike, Herbert: Seit 38 Jahren ist Wagner Revierleiter von Hohenstein, kennt die schwersten Stürme noch beim Namen. "Aber so ein Ausmaß auf so einer kleinen Fläche habe ich noch nie erlebt."

Zahlreiche Verletzte auf Festival in Sachsen: Virus oder Lebensmittelvergiftung?
Sachsen Zahlreiche Verletzte auf Festival in Sachsen: Virus oder Lebensmittelvergiftung?

Dem Deutschen Wetterdienst zufolge handelte es sich dabei auch um eine Fallböe. Dabei stürzt kalte Luft mit bis zu 200 Kilometer pro Stunde Richtung Boden und breitet sich dort schlagartig aus.

Arbeit der Waldarbeiter erinnert an das Geschicklichkeitsspiel "Mikado"

Maschinenführer Lukas Lange (23) bei der Arbeit.
Maschinenführer Lukas Lange (23) bei der Arbeit.  © Steffen Füssel

28 Waldarbeiter und zehn Forstingenieure wissen nun genau, was das heißt. Jeder einzelne Baum muss "angesprochen", sprich beurteilt werden, erklärt Maschinenführer Lukas Lange (23). "Das ist wie Mikado", lacht er. Aber schneidet Lange auf der falschen Seite des Stammes, kann das tonnenschwere "Stäbchen" zurückschnellen.

Wird eine Wurzel durchtrennt, kann sich der Wurzelteller mit einem Schlag aufstellen. Äste, die scheinbar sicher in der Krone hängen, können sich durch kleinste Erschütterungen lösen.

Die Mikado-Haufen müssen wie am Küchentisch von oben nach unten abgebaut werden. Die Teams sind für den Notfall stets zu dritt. "Und wenn die Waldarbeiter sagen, sie können einen Baum aus Sicherheitsgründen nicht bewegen, bleibt die Säge auch aus", so Wagner weiter.

Schwanendrama an sächsischem Teich: 10 tote Tiere in einer Woche
Sachsen Schwanendrama an sächsischem Teich: 10 tote Tiere in einer Woche

Für die Arbeiten wurden zwei Seil- und drei Tragschlepper sowie drei "Harvester" zusammengezogen. Die teils in den Kronen hängenden Stämme werden mit Armbrüsten geangelt. In wenigen Wochen sollen Teile der Stämme vom Amselgrund mit Hubschraubern ausgeflogen werden.

Lukas Langes Seilschlepper kann bis zu zwölf Tonnen ziehen.
Lukas Langes Seilschlepper kann bis zu zwölf Tonnen ziehen.  © Steffen Füssel
Ein Geländer am Amselsee zeigt die Wucht, mit der einer der Bäume umgerissen wurde.
Ein Geländer am Amselsee zeigt die Wucht, mit der einer der Bäume umgerissen wurde.  © Steffen Füssel

Borkenkäfer lauert und kann riechen, "wenn sich ein Baum nicht mehr wehren kann"

Nationalpark-Sprecher Hanspeter Mayr (63) erwartet nach den Aufräumarbeiten einen Mischwald.
Nationalpark-Sprecher Hanspeter Mayr (63) erwartet nach den Aufräumarbeiten einen Mischwald.  © Steffen Füssel

Fast erstaunlich also, dass nach einer Woche Rettungswege um und Zufahrten nach Rathen frei von Totholz sind. Der Basteiweg ist offen, in dieser Woche sollen die Schwedenlöcher folgen.

Tempo ist aber auch geboten: "Der Borkenkäfer riecht, wenn sich ein Baum nicht mehr wehren kann", sagt Wagner. Erste Fallen haben bereits einen hohen Befall angezeigt. Seine Larven schlüpfen in sechs Wochen. Bleibt es warm, läuft die Uhr schneller. Ganz zu schweigen von der Brandgefahr.

"Das sah hier früher alles ganz anders aus", sagt Nationalpark-Sprecher Hanspeter Mayr (63) am hinteren Teil des Amselsees. Entlang der einst prächtigen Promenade fehlt tatsächlich reihenweise Laub.

Plötzlich zeigt er auf einige Jungbäume: "Pappel, Birke, Buche, Tanne, davon haben wir nicht eine gepflanzt. Wenn wir fertig sind mit Aufräumen, wird hier ein schöner Mischwald entstehen."

Titelfoto: Montage: Steffen Füssel (2)

Mehr zum Thema Sächsische Schweiz: