Stirbt im Osten die Demokratie? Das fragwürdige neue Buch von Jana Hensel
Dresden - Mit dem Buch "Zonenkinder" über junge Leute aus der DDR nach der Vereinigung wurde Jana Hensel (49) 2002 bekannt. In ihrem neuen Buch "Es war einmal ein Land", das am Dienstag erscheint, will sie erkunden, "warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet".
Ein Buch, das die Nervosität der Zeit auf den Punkt bringt, entstanden aus der Beunruhigung, dass etwas Entscheidendes aus dem Gleichgewicht geraten ist: die demokratische Gesinnung im Osten.
Hensel schwingt die Totenglocke: "Es ist ein Buch über das Ende eines Traums. Ich meine damit nicht weniger als die (kurze) Ära der Demokratie. Und auch wenn sie nicht nur im Osten zu Ende geht, tut sie es hier radikaler, als wir uns das vorstellen mochten."
Die Autorin untersucht, was aus dem demokratischen Versprechen nach 1989 geworden ist. Sie beschreibt, wie bei vielen Bürgern aus Hoffnung Enttäuschung wurde, aus Engagement Resignation - bei schließlich offener Ablehnung der Demokratie.
Sie durchmisst die Zeit seit der Vereinigung - des verheißungsvollen Beginns, der Abwicklung vieler Betriebe mit Massenarbeitslosigkeit, Schröders Hartz-Reformen, Merkels Flüchtlingspolitik als Kipppunkt, Pegida, Corona, Ukraine-Krieg, den tief sitzenden Komplex von sich entwurzelt und nicht beachtet fühlen.
Hensel hat umfängliches Quellenstudium betrieben und vieles persönlich in Gesprächen recherchiert, ihre Analyse ist soziologisch grundiert (Steffen Mau, Wolfgang Engler). Die Begegnungen unterteilt sie in drei Kategorien: "Die Radikalen", "Die Abgedrifteten", "Die Wehrhaften".
Jana Hensel: "Die Demokratie war meine ständige Begleiterin"
Zu den Protagonisten gehören AfD-Politiker wie Tino Chrupalla oder Maximilian Krah; die Ex-Grüne und Neu-Rechte Antje Hermenau; SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig oder die frühere Linken- und heutige BSW-Politikerin Katja Wolf. Viele von ihnen "Zonenkinder" wie sie.
Wie sie durch deren Lebensgeschichten die heutige Wirklichkeit und ihre Widersprüche einfängt, ist einprägsam.
1976 in Leipzig geboren, war Hensel 13, als die Mauer fiel. Alt genug, die DDR bewusst erlebt, jung genug, die Wende als radikalen Einschnitt erfahren zu haben. Berührend schildert sie, wie sie "an der Hand meiner Mutter" an den Montagsdemos teilnahm ("Atemberaubend schön war es").
Diese Perspektive prägt sie. "Die Demokratie war meine ständige Begleiterin", heißt es: "Ich glaube an sie, ich lebe in ihr, gebrauche sie täglich, verlasse mich auf sie und will mir nichts anderes vorstellen, will in nichts anderem, in keinem anderen System als einer Demokratie leben."
Ob das auch in Zukunft möglich sein werde, fragt sie: "Was würde eine Zukunft ohne Demokratie?" Fragen, die nach der Bundestagswahl 2021 aufkamen, als die Karte von Sachsen ebenso blau wie die der anderen östlichen Flächenländer war, "weil die AfD so gut wie alle Wahlkreise gewonnen hatte".
Jetzt kostenlos für den News-des-Tages-Newsletter anmelden!
Jana Hensel sieht Ende der Demokratie in Ostdeutschland
Die Beklemmung im Blick auf die AfD hat der Politikwissenschaftler Philip Manow beschrieben als "beständige Gefahr, dass die Feinde der Demokratie im Namen der Demokratie die Demokratie kapern könnten".
Von dieser Gefährdung ist Hensel furchtsam getrieben. So stark ihre Analyse teils ist, wird das Buch geschwächt durch die plakative und voreilige Prämisse, aus der es für Autorin und Leser kein Entrinnen gibt. Dabei unterfordert sich Hensel in den Schlussfolgerungen.
Demokratie kann nur durch Demokraten gerettet werden, heißt es, mit der Aussagekraft einer Bauernregel. Angesichts selbst der für die AfD zurzeit besten Umfragezahlen - 39 Prozent in Sachsen-Anhalt, 38 Prozent in Thüringen - wird deutlich, das jeweils eine relative Wählermehrheit dagegen steht.
Lässt sich da pauschal von Demokratiefeindlichkeit sprechen? Hensel traut dieser - schweigenden, aber wählenden - Mehrheit nichts zu. Zudem: Ist jede Stimme für die AfD automatisch demokratiefeindlich?
Das Buch ist, was es unbedingt sein will: die Chronik eines angekündigten - und unaufhaltsamen - Todes. Hensel lässt keinen Zweifel: "Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da. Wir sollten also vorbereitet sein", schreibt sie, im selbstgefälligen Ton des Krisenstolzes.
Wesen der Demokratie ist langsam
Ist die Situation, in der wir uns befinden, wirklich so aussichtslos? Und wie sollte das überhaupt aussehen, wenn die Demokratie im Osten stürbe? Hieße das, dass sie im Westen überlebte? Dann wäre sie in ein und demselben Land, Deutschland, gleichzeitig tot und lebendig. Wie, bitte?
Die Demokratie, als Teil ihres Charakters, arbeitet langsam, langsamer als Autokratien, die sich um Wahlen, Mehrheitsbildung, parlamentarische Abstimmungsverfahren, Kompromissbildung und Rechtsstaatlichkeit nicht scheren.
Diese Langsamkeit kann Hemmnis sein, als Ausdruck der Gewaltenteilung ist sie Qualitätsmerkmal. Der Gedanke liegt nah, dass die Demokratie auch in der Abwehr ihrer Widersacher Zeit braucht - sich zu sammeln, zu positionieren, Strategien zu entwickeln - und sich nimmt.
Demokratie werde nicht gestärkt durch präsidiale Ermahnungen, man möge sich zu ihr bekennen und sie gegen ihre Feinde verteidigen, so sagt es Botho Strauß. Die Demokratie stärke allein ihre Anfechtung; sie sei das bestmögliche System zur Überwindung ihrer Infragestellung.
Sinnvoll könnte sein, auf die Bestandskräfte der Demokratie zu vertrauen und die Widerständigkeit nicht allein der demokratischen Gesinnung, sondern der demokratischen Institutionen. Die lassen sich so leicht nicht überwältigen. Noch einmal Botho Strauß: Eine gefestigte Demokratie wahrt das Geheimnis ihres Funktionierens.
Titelfoto: Imago/Jürgen Heinrich, PR

