Von Claudia Dohle
Augustusburg - Schloss Augustusburg, Heimat von mehr als 170 Motorrädern, stand Anfang der 1990er-Jahre selbst auf der Kippe. Nach der Wende war ungewiss, wie es mit dem Schloss, den Mitarbeitern und der Motorradsammlung weitergehen würde. Werner Sieber (80), ehemaliger Schloss-Direktor, erinnert sich an eine Zeit des Umbruchs, in der die berühmte Sammlung beinahe auseinandergerissen und an private Sammler verkauft worden wäre.
Überall in der ehemaligen DDR wurden von der Treuhand Firmen abgewickelt. "Es war die Zeit, wo keiner richtig wusste: Wo gehören wir eigentlich hin?", blickt der 80-Jährige zurück. "Eine Zeit lang wussten wir nicht, wo wir unseren Lohn herkriegen."
Zur selben Zeit wurden die Motorenwerke Zschopau (MZ) durch die Treuhand abgewickelt, erinnert sich Sieber. Die Produktion wurde gestoppt, Mitarbeiter entlassen.
"Der vornehmste Begriff dafür ist Ausräumen. Aus dem Ersatzteillager in Gornau wurden die Sachen aus dem Fenster geschmissen. Wir sind aus dem Motorradmuseum dorthin und haben Ersatzteile eingesammelt und für unsere MZ-Motorräder mitgenommen".
In der Zeit erlebte Sieber kuriose Begebenheiten: Einmal stand unangekündigt ein Mann mit Maßband im Museum. Er wollte eine Taktstraße bei MZ kaufen. Die Treuhand habe ihm mitgeteilt, dass er auch alles aus dem Motorradmuseum kaufen könne.
Sieber scheuchte den Mann weg und beschwerte sich bei der Treuhand. "Das klingt alles heroisch und sehr dramatisch, aber in diesem Museum steht deutsche Industriegeschichte."
Notar aus Rheinland-Pfalz sollte Motorräder bewerten
Ein anderes Mal landete ein Notar aus Rheinland-Pfalz per Helikopter im Schloss. "Er sollte die Motorräder bewerten."
Im Motorradmuseum standen damals 140 Maschinen, 500 weitere im Depot auf dem Hafer-Boden über dem heutigen Kutschenmuseum. "Von mir bekam er weder eine Zahl noch sonst was", so Sieber.
Was aus den Plänen und Begegnungen der Nachwendezeit geblieben ist, sieht Werner Sieber heute mit Abstand. 2011 ging der langjährige Schlosschef in den Ruhestand.