Trüber Trend: Immer mehr Geburtskliniken in Sachsen schließen

Kamenz - Die Geburtsklinik am St. Johannes Krankenhaus Kamenz (Kreis Bautzen) schließt. Im Rückblick auf die vergangenen Jahre ist sie nicht die erste. Das wirft die Frage auf, ob eine flächendeckende Versorgung im Freistaat überhaupt noch gegeben ist.

Noch 2018 freuten sich werdende Eltern über den "Storchenparkplatz" am St. Johannes-Krankenhaus. Nun wird die Geburtsklinik Ende des Monats geschlossen.  © xcitepress/rl

Ambulante Behandlungen in der gynäkologischen Praxis des St. Johannes Krankenhauses sind weiter möglich, doch für die Geburtsstation selbst ist Ende des Monats Schluss. Als Gründe nennt das Krankenhaus rückläufige Geburtenzahlen.

Werdende Mütter aus der Region müssen nun weitere Wege in Kauf nehmen. Nach Hoyerswerda oder Bautzen sind es 30 Minuten, nach Dresden rund 45 Minuten. Auch deshalb ist der Widerstand in der Region groß.

Der Stadtrat fordert, den Zeitraum bis zu einer eventuellen Schließung zu verlängern, um eine sachgerechte Lösung zu ermöglichen. Eine Online-Petition hat Unterschriften gesammelt, eine Petition im Landtag läuft.

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Die Geburtenzahlen im Freistaat haben nach einem Zwischenhoch 2016 in den vergangenen Jahren stark abgenommen.

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Ein solches Bild genoss in den letzten Jahren am St. Johannes-Krankenhaus immer größere Seltenheit.  © imago/Westend61
Immer mehr Neugeborenen-Bettchen bleiben in Sachsen leer.  © IMAGO/Robert Poorten

Geburtenzahlen im Sinkflug

Susanne Schaper (48, Linke): Gesundheitsvorsorge nicht von Renditeerwartungen abhängig machen!  © Stefan Häßler

Kamen damals nach Angaben des Statistischen Landesamtes 38.000 Kinder zur Welt, waren es 2024 noch 24.700 Kinder. In Kamenz selbst sanken die Geburtenzahlen laut Krankenhaus von rund 400 in den vorangegangenen Jahren auf 316 im Jahr 2025.

Parallel dazu sank die Zahl der Geburtskliniken in Sachsen. Waren es 1990 noch über 50, blieben nach Schließungen u.a. in Erlabrunn (Erzgebirge) von 35 (2023) aktuell noch 31 Geburtskliniken übrig, so das Sozialministerium auf TAG24-Anfrage.

"Die Stationen sind gleichmäßig über den Freistaat Sachsen verteilt", eine überwiegende Erreichbarkeit innerhalb von 40 Minuten werde erreicht. Geburtshilfe sei ein besonders personalintensiver Bereich mit hohen Vorhaltekosten, gibt die Krankenhausgesellschaft Sachsen (KGS) zu bedenken.

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Dennoch dürfe die Gesundheitsversorgung nicht von Rendite-Erwartungen abhängen, sagte Susanne Schaper (48, Linke). Franziska Schubert (43, Grüne) forderte ein Moratorium gegen weitere Schließungen.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Franziska Schubert (43) forderte ein Moratorium gegen die Schließung von Geburtskliniken.  © Ralf Seegers

Rückt enger zusammen! Ein Kommentar von Thomas Staudt

TAG24-Reporter Thomas Staudt appelliert an die Sachsen.  © Eric Münch

Nicht erst seit gestern wird plastisch greifbar, was die Bevölkerungswissenschaftler meinten, als sie vor zehn Jahren oder noch früher vom demografischen Wandel sprachen: Die Geburten gehen zurück, während wir parallel grundsätzlich eine immer höhere Lebenserwartung haben. Die Bevölkerung überaltert - und schrumpft.

Bemerkbar macht sich das überall. Die Verwaltungen sind aufgebläht für immer weniger Menschen. Industrie und Handel ringen um Fachkräfte, die Vereine und Parteien um Mitglieder, Rettungsdienste wie die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft DLRG um Freiwillige. Der Bundeswehr gehen die Soldaten aus, den Händlern die Kunden.

Wenn weniger Kinder gezeugt und geboren werden, brauchen weniger Schwangere Vorsorge und Betreuung. Insofern sind auch die Schließungen von Geburtskliniken der vergangenen Jahre in Sachsen ein Indiz des großen Wandels.

Allerdings muss sich auch eine demokratische Gesellschaft die Frage stellen, was für eine sie denn am Ende sein will. Eine, in der jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist oder seine Klientel bedient und nach dem Motto handelt "Jedem das Seine und mir das Meiste"? Oder eine, in der jeder ausreichend Platz zum Atmen hat. Allgemein gesprochen.

Streichungen, Kürzungen, Schließungen - keiner will sie. Wenn es ums Haben geht, ist mehr immer besser als weniger. Aber ein Weniger kann im größeren Kontext auch eine Chance sein. Es zwingt uns zu Überlegungen, wie es künftig besser laufen kann oder muss. Für uns selbst - und für andere.

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