Boxberg - Die über 160 Meter hohen Kühltürme vom Kraftwerk Boxberg sind Landmarken in der Lausitz. Sie weisen jedem den Weg in Sachsens größte Gemeinde. Wer in diesen Tagen dort mit Menschen ins Gespräch kommt, hört viele Klagen. Der Kohleausstieg zeichnet sich am Horizont ab, doch der Umbau der lokalen Wirtschaft nimmt keine Fahrt auf. Die Millionen aus dem Strukturwandel kommen im Dunstkreis des Kraftwerkes nicht an. Das sorgt für viel Frust und nährt Zukunftsängste.
"1990 hatte das Kraftwerk 4500 Beschäftigte. Vergangenes Jahr waren es nur noch 550 Leute. Das macht was mit den Menschen, die hier arbeiten", sagt Martin Schautschick (39). Er ist Vorsitzender des Betriebsrates des Kraftwerkes Boxberg, das vom Energieversorger LEAG betrieben wird.
Der LEAG-Konzern entstand 2016 durch den Verkauf der Lausitzer Braunkohletagebaue und -kraftwerke. Damals veräußerte der schwedische Energiekonzern Vattenfall AB das Erbe der ostdeutschen Braunkohlekombinate an die tschechische EPH-Gruppe.
Schautschick arbeitet seit 2007 im Kraftwerk. Der Familienvater aus Weißkeißel spricht für seine Kollegen und die Menschen rund um Boxberg, wenn er sagt: "Wir haben den Kohlekompromiss nicht gefeiert, aber akzeptiert. Wir haben an die Politik und deren Versprechen zum Strukturwandel geglaubt. Heute muss ich sagen, dass wir uns hier verarscht fühlen."
Schautschick: "Boxberg ging bis jetzt immer leer aus"
Der Arbeitnehmer-Vertreter übt heftig Kritik: an den Landkreisen Bautzen und Görlitz, die bei der Bewältigung des Strukturwandels nicht an einem Strang ziehen. An den Ländern Sachsen und Brandenburg, die länderübergreifende Visionen und Ideen nicht entwickeln. Und an den Bundesregierungen von Kanzler Olaf Scholz (67, SPD) und Kanzler Friedrich Merz (70, CDU), die viel angekündigt und bisher nicht geliefert haben.
"Neue Achsen für den Bahn- und Fernverkehr hat man uns versprochen. Dazu noch Bundeswehr mit Kasernen und Forschung. Die Kaserne soll jetzt in Bernsdorf errichtet werden. Das ist gut 50 Kilometer weit weg. Boxberg ging bis jetzt immer leer aus", ärgert sich Schautschick.
Am Kraftwerk werden zwar gegenwärtig viele Millionen Euro in Batterien und Solarfelder investiert, nennenswert neue Jobs bringt das aber nicht.
Schautschick: "Wir brauchen starke Verkehrsanbindungen und Gewerbegebiete. Wie sonst sollen sich hier neue Betriebe ansiedeln?"
Boxberger Bürgermeister: "Wir wollen hier Wertschöpfung und Arbeitsplätze"
Der Boxberger Bürgermeister Hendryk Balko (38, parteilos) teilt die Lageeinschätzung des Gewerkschafters. Er sagt fast beschwörend: "Wir wollen Industriegemeinde bleiben. Unsere Bevölkerung ist gewöhnt an schwere Industrie. Wir wollen hier Wertschöpfung und Arbeitsplätze." Balko findet, dass man sich "in Sachen Strukturwandel derzeit im Klein-Klein verliert, anstatt zu klotzen".
Der Kommunalpolitiker formuliert Forderungen: Die Kommunen im Norden des Landkreises Görlitz sollen feste Budget-Zusagen bekommen, um eigene Projekte vorbereiten zu können. Die Infrastruktur muss auf Top-Niveau gehoben werden, damit Investoren "einen reich gedeckten Tisch vorfinden". Die Landesregierung soll Druck auf die LEAG machen, damit Flächen freigegeben werden. Sein Traum: ein Kompetenz- und Ausbildungszentrum für Energiethemen in Boxberg.
Die Stimmung in der Gemeinde Boxberg schwankt. "War ja klar, dass das Geld bei uns nicht ankommt, sondern in Cottbus, Görlitz oder Bautzen versandet", hört man oft in Gesprächen. Resignation, aber auch Wut greift um sich. Viele reden von Niedergang. Rentnerin Waltraud aus Uhyst bringt es so auf den Punkt: "Investoren und neue Produktion müssen her, damit die jungen Leute nicht weiter abwandern. Sonst ist hier bald alles tot."
Der Ausstieg ist beschlossene Sache
Deutschland will bis spätestens 2038 raus aus der Kohleverstromung. 2020 beschlossen Bundesregierung, Kohleländer und Kraftwerksbetreiber dafür einen Fahrplan. Noch im selben Jahr begann man den Ausstiegsplan umzusetzen und die ersten Kraftwerksblöcke abzuschalten.
Vereinbart wurde auch, dass 2026 und 2029 überprüft wird, ob Stilllegungsdaten nach 2030 um je drei Jahre vorgezogen werden können. Insgesamt 4,35 Milliarden Euro Entschädigungen erhalten die Betreiber von Kohlekraftwerken (West: 2,6 Milliarden Euro; Ost: 1,75 Milliarden Euro). Nachdem die EU-Kommission die Beihilfe erlaubt hatte, räumte man Anfang Dezember 2025 den Weg frei für die Zahlungen an die LEAG, die in der Lausitz aktiv ist.
Insgesamt 40 Milliarden Euro erhalten die vom Strukturwandel betroffenen Kohleregionen - für den Umbau der Wirtschaft vor Ort. Rund 60 Prozent der Mittel sind bereits verplant (Verkehrsprojekte, Auf- und Ausbau von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen). Als Ersatz für die wegfallenden Kohlekraftwerke plant die Bundesregierung den Bau neuer Gaskraftwerke.
Ein Koloss kommt in die Jahre
Der Grundstein für das Kraftwerk Boxberg wurde im Herbst 1968 gelegt.
Es startete in den 1970er-Jahren mit einer installierten Gesamtleistung von 3520 Megawatt (MW). Sie setzte sich aus zwölf 210-MW-Blöcken (Werk I und II) und zwei 500-MW-Blöcken (Werk III) zusammen.
Die Werke I und II sind inzwischen stillgelegt. Ein moderner 900-MW-Block Q (Werk IV) ersetzt sie seit 2000.
Das Werk III rüstete man in den 1990er-Jahren mit moderner Umwelttechnik nach. Der Neubau des 675-MW-Blocks R (ebenfalls Werk IV) komplettierte den Standort 2012. Die beiden 500-MW-Blöcke sollen 2029 stillgelegt werden.
Die neueren Blöcke Q und R sollen 2038 vom Netz gehen.