Wassermangel in der Talsperre: Das Dorf, das aus dem Wasser steigt

Hartmannsdorf-Reichenau - Fast ein Jahrhundert lang liegt Steinbrückmühle auf dem Grund einer Talsperre. Nur wenn das Wasser extrem sinkt, kehren Straßen, Brücke und Grundmauern zurück. Heimatforscher Rico Dittrich (53) versucht seit Jahrzehnten, einen Ort zu bewahren, den er selbst nie erlebt hat.

Heimatforscher Rico Dittrich (53) an seinem Lieblingsort.  © Steffen Füssel

Wo sich sonst ihre Wasseroberfläche spannt, zieht sich jetzt ein braungraues Rinnsal durch die Talsperre Lehnmühle. Baumstümpfe ragen aus dem Schlamm, ein alter Bachlauf zeichnet sich ab.

Und mittendrin steht sie: eine mächtige Steinbrücke, gebaut für einen Ort, den es längst nicht mehr gibt. Rico Dittrich kennt sie seit Jahrzehnten. Lang nur von vergilbtem Papier.

"2018 habe ich sie das erste Mal gesehen", sagt er zur TAG24. "Ein schönes Gefühl. Es ist faszinierend zu sehen, was es damals alles schon gab."

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Der im nahen Hartmannsdorf aufgewachsene Bauingenieur sammelt seit den 90ern alles, was er über Talsperre und die untergegangene Ortschaft finden kann. "Das macht ja auch nicht jeder als Hobby", grinst er.

Steinbrückmühle gibt es seit 1932 nicht mehr. Doch wenn das Wasser der Talsperre weit genug sinkt, taucht die mächtige Steinbogenbrücke auf.

Die aus dem Mittelalter stammende Verbindung gehörte einst zu einer bedeutenden Route: Hier überquerte die alte Zinnstraße von den Bergbaugebieten um Altenberg Richtung Freiberg die Weißeritz.

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Der Probestau um Steinbrückmühle hatte seinerzeit schon fast alle Häuser unter Wasser gesetzt.  © Rico Dittrich

Dresden brauchte Wasser

Die namensgebende Steinbrücke. Leicht im Hintergrund zu sehen: die Talsperre Lehnmühle.  © Steffen Fuessel

Nicht nur für Dittrich ist das mehr als eine Ruinenlandschaft. Vor der Flut lebten in Steinbrückmühle rund 60 Menschen in 13 Gehöften: Wohnhäuser, Bauernhöfe, eine Schmiede, einen Gasthof.

Und natürlich die Mühle, die dem Ort seinen Namen gab. Schon 1445 ist sie hier "bey der steinen brukken" belegt. Sie wurde zerstört, wieder aufgebaut, brannte ab, wechselte immer wieder den Besitzer.

1918 ließ einer davon Technik zur Stromerzeugung installieren. Steinbrückmühle hatte sein eigenes kleines Elektrizitätswerk.

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Doch Dresden brauchte Wasser. Die Bevölkerung der Industrieregion um Dresden und Freital wuchs. Zugleich sollten die Orte besser vor Hochwasser geschützt werden.

Zwischen 1927 und '31 entstand die Talsperre Lehnmühle. Eine gewaltige, mehr als 500 Meter lange Staumauer.

Echtes Postkartenmotiv: Steinbrückmühle war einst ein Osterzgebirgs-Idyll.  © Rico Dittrich

Steinbrückmühle musste verschwinden

"Guck mal, das dürfen die gar nicht!"  © Steffen Füssel

Keine 500 Meter von der Ortschaft entfernt. So musste Steinbrückmühle verschwinden. Ging aber in der Umgebung auf: Gebäude wurden teilweise sorgfältig zerlegt und in den umliegenden Orten wieder aufgebaut.

Das wiederaufgetauchte Dorf übt eine eigentümliche Anziehungskraft aus. Dittrich kann das verstehen.

Doch 2018 erlebte er, wie Besucher Steine aus der alten Brücke lösten oder jahrzehntealte Baumstümpfe mitnahmen. Für ihn ist das eine Grenze. "Lost Places sollte man tunlichst in Ruhe lassen."

Ohnehin darf diese Trinkwasserschutzzone nicht betreten werden. Unter der vermeintlich festen Oberfläche liegen teils tiefe, morastige Sedimente. Auch die alte Brücke gilt als nicht mehr standsicher.

So muss auch Dittrich Abstand halten zu dem Ort, dem er seit mehr als 30 Jahren näherkommen will. Vielleicht ist es genau das, was seine Faszination erhält.

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