Union-Berlin-Blog: Ein Schweizer für Union - Meistertrainer Lustrinelli ist der neue Trainer

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Berlin - Eisern: In einer Personal-Union aus drei waschechten Berliner Fußball-Fan-Originalen gibt es bei TAG24 den Union-Berlin-Blog.

Christian Beeck, Jürgen Heinemann und Tobias Saalfeld.
Christian Beeck, Jürgen Heinemann und Tobias Saalfeld.  © Archiv

Die Autoren:

Icke (Jürgen Heinemann) ist seit Mitte der Siebzigerjahre Unioner und als Betriebswirt seit über 30 Jahren im Vertrieb tätig. Er ist verheiratet und hat ein erwachsenes Kind. Icke lebt heute in Grünheide und schreibt hier als Gründer des Blogs.

Unionfux (Tobias Saalfeld) ist seit über 40 Jahren Unioner, er arbeitet als Freischaffender für Bühne, Funk und Fernsehen, auch dort schreibt er.

Union hat drei Trainer im Visier: Wann der neue Coach vorgestellt werden soll
1. FC Union Berlin Union hat drei Trainer im Visier: Wann der neue Coach vorgestellt werden soll

Beecke (Christian Beeck), Ex-Bundesliga-Spieler (Hansa, Cottbus), Ex-Union-Manager, 21 Länderspiele für DDR-Junioren, stammt aus dem eigenen Nachwuchs von Union. Beecke hat zwei Kinder. In unserem Union-Blog fungiert Beecke als Berater.

21. Mai: Ein Schweizer für Union - Meistertrainer Lustrinelli ist der neue Trainer

Mauro Lustrinelli (50) gilt als Wunschlösung der Union-Bosse – der Schweizer Meistertrainer soll bei den Eisernen frischen Wind und offensiveren Fußball bringen.
Mauro Lustrinelli (50) gilt als Wunschlösung der Union-Bosse – der Schweizer Meistertrainer soll bei den Eisernen frischen Wind und offensiveren Fußball bringen.  © Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa

Unionfux: Das kann man schon als ausgewachsenen Coup bezeichnen: Der bisherige Trainer des Aufstiegsüberraschungsmeisters aus der Schweiz, FC Thun, und ehemalige Co-Trainer von Urs Fischer (in der Saison 2012/13), Mauro Lustrinelli, wird neuer Cheftrainer des 1. FC Union Berlin, wir kriegen somit unseren Favoriten, die erklärte Wunschlösung.

Da wir, mit ziemlicher Sicherheit, nicht die einzigen Interessenten an dem fünfzigjährigen Schweizer waren, ist das schon eine ziemliche Sensation, mehrere Bundesligisten und auch einige Serie-A-Vereine sollen angefragt haben, schon im Winter hatte Lustrinelli mehrere Anfragen aus der Bundesliga, die er seinerzeit aber alle abgeblockt hat, erst wollte er das Fußballmärchen zu Ende schreiben und mit seinem FC Thun Meister werden - gute Entscheidung. Im Übrigen hat er sich, als Thun noch in der Challenge League (die zweite Liga in der Schweiz) spielte, eine Meisterprämie in den Vertrag schreiben lassen - diese Zuversicht und dieses Selbstbewusstsein haben sich ausgezahlt.

Der Run auf den Tessiner ist nicht verwunderlich: Wer einen Aufsteiger mit überschaubarem Budget zu einer ziemlich souveränen Meisterschaft führt, sei es auch nur in der eher zweitklassigen Super League der Schweiz, der muss schon was draufhaben, der muss aus wenig viel machen können und obendrein jemand sein, der Spieler besser machen kann, sowas ist eine gesuchte Eigenschaft bei Trainern. Wenn man zudem noch in dem Ruf steht, junge Spieler entwickeln zu können (immerhin war Lustrinelli auch einige Jahre U21-Nationaltrainer der Eidgenossen), müsste die Schlange der Bewerber gar nicht so kurz gewesen sein. Warum haben also wir die Nase vorn bei diesem Nicht-gerade-Insidertipp?

Rolle rückwärts: Union-Flop vor Rückkehr
1. FC Union Berlin Rolle rückwärts: Union-Flop vor Rückkehr

Der frühe Zeitpunkt der Verpflichtung, immerhin ist die Meisterschaft sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz nicht mal eine Woche beendet, ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Kontakt schon seit einigen Wochen bestehen muss, spätestens seit der überfälligen Entlassung von Steffen Baumgart.

Zingler und Heldt sollen bzw. müssen ziemlich überzeugend gewesen sein, das heißt wohl, dem polyglotten Lustrinelli (Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch fließend) ist weitgehend freie Hand zugesichert worden und welcher Trainer mag nicht die Vorstellung, dass ihm nicht allzu viel in seine Arbeit reingeredet und rumgepfuscht wird? Und natürlich wird ein Anruf bei seinem ehemaligen Chef, Urs Fischer, erfolgt sein und der wird ihm wohl absolut zugeraten haben: Großstadt ja, aber wenig Hektik im Umfeld, eine loyale und geduldige Anhängerschaft, der Fokus der Medien liegt nicht so auf dem Verein, ein klassischer Underdog, doch alles andere als Liganeuling: kurz - eine spannende und durchaus lohnende Aufgabe insgesamt inklusive Charme und Einzigartigkeit - wer folgt schon der ersten weiblichen Erstliga-Trainerin? Und Zeit wird man ihm auch eingeräumt haben beim Umbau, die Abkehr vom altbekannten Unionstil, der zuletzt auch nicht mehr so wirklich funktioniert hat, vollzieht sich nun mal nicht im Handumdrehen - wobei der Klassenerhalt in der Bundesliga kaum verhandelbar sein dürfte, doch das müsste ja klar sein. Und nicht zuletzt darf er drei neue Mitarbeiter mitbringen: Michel Renggli (trainierte die U21 beim FC Luzern), Sascha Stauch (auch er ehemaliger U21-Nationaltrainer der Schweizer) und Enrico Schirinzi (Trainer der U17 der Young Boys Bern) - frischer Wind im Staff.

Auch wir werden uns wohl bei Urs über seinen einstigen Mitstreiter erkundigt haben, darüber hinaus verwies Präsident Dirk Zingler kürzlich darauf, dass man, neben dem wichtigen guten Bauchgefühl (welches in jüngerer Vergangenheit allerdings wieder gewaltig getrogen haben muss), natürlich auch datenbasiert vorgegangen ist, es soll eben nichts dem Zufall überlassen werden.

Mauro Lustrinelli, der als großer Motivator und Verfechter eines unbedingten Teamgeists gilt, Humor und Unkonventionalität mitbringt, steht für einen eher offensiven Stil im 4-4-2, dynamisch und, jetzt schlägt’s dreizehn, mit viel Ballbesitz. Doch Zingler hat ja schon angekündigt, dass die erste Phase in der Bundesliga bei Union Vergangenheit sei, man will in Zukunft mehr auf jüngere Spieler setzen und auf besseren, aktiveren Fußball. Seine gar nicht so alte Aussage, dass jeder bei Union rausfliegen würde, der versuchen würde, Fußball zu entwickeln, sei, wie der Große Vorsitzende jetzt relativierte, unglücklich gewählt gewesen. In der Tat. Damit wäre Mauro Lustrinelli wohl kaum zu überzeugen gewesen und höchstwahrscheinlich auch der falsche Mann.

Auf der Shortlist haben zwei weitere Namen gestanden, dem Vernehmen nach Christian Eichner vom KSC und Horst Steffen, der ja ebenfalls eine Sensationsgeschichte mit dem SV Elversberg vorzuweisen hat, aber auf seiner ersten Bundesligamission in Bremen schon nach kurzer Zeit gescheitert ist.

Aus meiner Sicht ist da Mauro Lustrinelli die interessantere Wahl, auch wenn natürlich jeder neue Trainer erstmal eine Wundertüte ist und die vorherigen Erfolge keine Garantie darstellen, das liegt nun mal in der Natur der Sache. Während Eichner und Steffen ohne Vertrag sind, müssen wir für unseren neuen Schweizer sogar Geld auf den Tisch legen, denn er steht eigentlich noch bis 2028 in Thun unter Vertrag, die Rede ist von einer Million Euro. Und Lustrinelli verzichtet immerhin auf eine mögliche Champions-League-Teilnahme mit seinem Herzensverein FC Thun, für den er ja seit vielen Jahren als Spieler und Trainer tätig war, doch der Sprung in eine Topliga ist nun mal verlockend.

Eins ist jedenfalls klar: Lange rumgeeiert und taktiert hat er schon mal nicht, trotz eben so einiger anderer Optionen, unser neuer Cheftrainer, das deutet darauf hin, dass er ziemlich geradlinig ist, weiß, was er will und richtig Bock auf uns haben muss - und wir haben ja ohnehin beste Erfahrungen mit einem Schweizer Meistertrainer gemacht.

Zudem ist die frühe Planungssicherheit sicherlich von großem Vorteil, ebenso, dass er in die meisten Transferfragen eingebunden werden kann, möglicherweise auch die eine oder andere (Personal-)Idee mitbringt. Im Grunde hat jetzt schon unsere neue Saison begonnen, rund hundert Tage, bevor es eigentlich losgeht - gut so.

Also, herzlich-eisern willkommen, lieber Mauro Lustrinelli, auf eine neue Erfolgsgeschichte auf beiden Seiten, wir alle freuen uns sehr darauf!

19. Mai: Bei aller Euphorie: Vorsicht vor dem letzten Eindruck

Marie-Louise Eta (34) vor dem Spiel.
Marie-Louise Eta (34) vor dem Spiel.  © Soeren Stache/dpa

Unionfux: Eins lernt man über die vielen Jahre, wenn man für die Bühne schreibt: das Wichtigste ist der Schluss. Der Abend kann noch so mäßig gelaufen sein, wenn die letzte Nummer so richtig zündet, gehen die Leute relativ zufrieden nach Hause - getreu der alten Weisheit: der letzte Eindruck entscheidet. 

Allein, davon darf man sich nicht zu sehr täuschen lassen - und das gilt auch für unsere momentane Situation. Das Grande Finale ist natürlich imposant, die Arbeit von Marie-Louise Eta beeindruckend. Dass jetzt Rufe laut werden, die ihre Weiterbeschäftigung bei den Männern fordern, ist eigentlich logisch. Ebenso sehen einige das ebenso jetzt auch bei Carl Klaus: die großartige Performance der Nummer drei sieht ihn plötzlich als Nummer eins der Zukunft. 

Das alles ist schon verständlich, nur so schnell sollten die Preußen dann doch nicht schießen. Ohne die Leistung von MLE als auch von Klaus schmälern zu wollen: die beiden letzten Spiele waren, besonders im Vergleich zu den vorangegangenen Spielen, ziemlich überzeugend, mutig, spielerisch anspruchsvoller und vor allem - erfolgreich und das zu Recht. Doch dass diese beiden letzten Spiele ohne echten Druck erfolgt sind, ist hingegen nicht so ganz unerheblich. Nicht umsonst versauen in Liga 2 und Liga 3 zwei Mannschaften Aufstiegsaspiranten die Tour, für die es eigentlich um nichts mehr geht, von möglichen Fernsehgeldern mal abgesehen. Vulgo: Leichtigkeit jenseits der Verkrampfung setzt oft Möglichkeiten und Kräfte frei, die vorher wie vergraben schienen. Unbestritten ist, dass es Marie-Louise Eta gelungen ist, Kräfte und Ideen zu implizieren, eine Weiterbeschäftigung ergibt sich jedoch nicht zwingend daraus, zumal es ja eine attraktive Weiterbeschäftigung als Trainerin der Bundesligamannschaft der Frauen gibt. 

Die Bundesliga ist nach wie vor ein hartes (Männer)Geschäft, gerade Newcomer sind schneller verbrannt, wenn denn die ersten Spiele nicht nicht ganz so verlaufen wie erhofft. Nicht zuletzt ist es fraglich, ob man auf die, immer noch ungewöhnliche und mutige Wahl, Eta gekommen wäre, wären noch andere Strecken zu anderen Voraussetzungen zu absolvieren gewesen. 

So zu tun, als wäre das Geschlecht im Grunde nachrangig, gerade in diesem überaus speziellen Geschäft, wäre dann doch etwas naiv, wie eben auch die Tatsache zu ignorieren, dass Marie-Louise Eta immer noch weitgehend unerfahren ist, unabhängig von allen benötigten Bescheinigungen. Kann klappen, aber auch nicht, frag nur nach bei Sandro Wagner - auch wenn ich MLE für fähiger halte als den doch etwas zu selbstverknallten Sandro W… 

Etwas anders verhält es sich mit Keeper Carl Klaus: wie schnell scheint der Bonus des unantastbaren Frederik Rönnow, des konstantesten Akteurs der letzten Jahre, verbraucht? Dabei gibt es keinen Grund, an Rönnow, einem der unbestritten besten Bundesligakeeper, auch nur im Ansatz zu zweifeln, auch wenn die letzte Saison vielleicht nicht so stark schien wie die davor. 

Klaus herausragende offensive Abschläge haben in einem Spiel zweimal zu Toren geführt, in dem der Gegner auch nicht besonders sattelfest war, sowieso wurde er insgesamt, glücklicherweise, nicht geprüft. Ein guter Mann, gar keine Frage, aber setzt das auch die Leistungen unseres konstanten Dänen der letzten Jahre außer Kraft? Also bitte - so schwach sollte doch das Gedächtnis der Allgemeinheit nicht sein. 

Was ich sagen will: aus den letzten Spielen die Befähigung für die kommende Saison abzulesen, ist allzu wohlfeil. Ich bin froh, dass MLE in unserem Verein arbeitet und Carl Klaus der Backup zumindest für Frederik Rönnow ist. Und ja, niemand kann in die Zukunft schauen, weder die angebliche Wunschlösung Lustrinelli noch Christian Eichner oder der gerade erst in der Verlosung aufgetauchte Jess Thorup sind eine Garantie, dass unsere erste Männermannschaft demnächst besseren und erfolgreicheren Fussball anbietet, sondern bestenfalls eine Hoffnung.  Bei aller Liebe und allem Optimismus: ich würde diese überaus komplizierte Aufgabe auch nicht zwingend einem Novizen oder einer Novizin übergeben - und das ist Marie-Louise Eta bis auf Weiteres, nicht weiter ungewöhnlich, zumal in ihrem Alter. Ihre Zeit wird kommen, vielleicht noch nicht jetzt, aber sie wird kommen. 

Und auch Frederik Rönnow ist, zumindest vorerst, die klare Nummer eins, er hat seine herausragende Stellung über Jahre nachgewiesen. Für Carl Klaus heißt es, erstmal den Kampf um die Nummer zwei zu gewinnen, bei der Konkurrenz Matheo Raab schwer genug. 

Bis dahin sollten wir uns wünschen, einen herausragenden Trainer verpflichten zu können, egal wie er nun schlussendlich heißt, mit genügend Erfahrung im Männerbereich. Denn Erfahrung und Geschlecht werden auch in Zukunft in der Bundesliga der Männer eine wichtige Rolle spielen, ob wir wollen oder nicht, und das ist auch nicht ganz ohne Grund so, so realistisch müssen wir sein, bei aller Gleichberechtigung, bei aller Romantik. 

Ganz zuletzt geht es sowieso nicht um Carl Klaus und Marie-Louise Eta, sondern um den 1. FC Union Berlin. Und schon gar nicht sollte man sich vom letzten Eindruck beeinflussen lassen, ganz egal, wie sexy der aus aussehen mag. Doch Eta und Klaus in der Hinterhand zu haben ist gleichwohl ein sehr beruhigendes Gefühl - und das ist doch mehr als großartig und zwar für alle Beteiligten, oder? 

18. Mai: Kaum kümmert sich 'ne Frau drum - der Mai ist Louis Monat

Marie-Louise Eta (34) hat bei Union Berlin einen Abschied nach Maß gefeiert.
Marie-Louise Eta (34) hat bei Union Berlin einen Abschied nach Maß gefeiert.  © Soeren Stache/dpa

Unionfux: Genauso, wie die Nach-Baumgart-Lösung charmant und nachvollziehbar war (man wollte den neuen Trainer nicht über’s Knie brechen müssen, sondern Zeit gewinnen), so riskant war sie - und so richtig war sie am Ende auch, schön, wenn Mut belohnt wird. Zweieinhalb Spiele brauchte die erste Cheftrainerin, um nicht nur der Bundesliga, um einer beinahe ruinierten Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. Die letzten beiden Partien 2025/26, meinetwegen ohne den ganz großen Druck, zählten in mehrfacher Hinsicht zu den besten Spielen dieser Saison, auf jeden Fall sah das Ganze wesentlich nach richtigem Fußball aus und die Zahlen unterstreichen das unbedingt. Kein sinnloser langer Hafer, die richtige Körperspannung und Konzentration, keine ängstliche Rumzauderei, die besten Passquoten, der Versuch von Kombinationsspiel, Laufbereitschaft, eine selten gesehene Wachheit - Steffen Baumgart müssen, wenn er denn zugeschaut hat, die Augen getränt haben, wie klar die Mannschaft sein kann.

Da war wieder der Spaß an der Sache, die Heimfestung Alte Försterei, der Nachweis, in diese Liga zu gehören. Der Abstand zum Relegationsplatz beträgt schlussendlich satte zehn Punkte, sowohl Gladbach und der HSV bleiben hinter uns. Gut, man könnte einwenden, dass wir faktisch schon nach dem 26. Spieltag nach dem Auswärtssieg gegen Freiburg gerettet waren, das konnte man zu diesem Zeitpunkt nur nicht ahnen, dass diesmal schon überschaubare dreißig Punkte für den Klassenerhalt reichen würden. Nichtsdestotrotz, wenn die lange Zeit furchtbar lausige Rückrunde, in der wir zu oft wie ein Absteiger aufgetreten sind, für eins gut war, dann dass man begriff, dass der Trainer Baumgart leider eine Sackgasse ist, in vielfacher Hinsicht, auch das hat im Nachhinein die Trainerin Eta, zumindest bis zu einem gewissen Grade, bewiesen. 

Es ist schon schade (und auch wieder nicht), dass MLE demnächst eine andere Bundesligamannschaft trainieren wird, schön ist hingegen, dass sie das immer noch bei uns tun wird - ich bin mir sicher, dass unsere Frauen in der kommenden Spielzeit weiteren Boden in der Tabelle gutmachen können.

Wichtig ist jedenfalls, dass sie erstmal das Potential der Männermannschaft wieder sichtbar gemacht hat, es wurde ja von vielen Seiten immer hartnäckiger behauptet, dass der Kader nun mal nicht besser sei und in der Hinrunde nur überperformt hat. Natürlich darf der Schlussakkord keinesfalls den Blick auf die Baustellen verschleiern, mitnichten ist jetzt alles prima, aber dazu kommen wir später noch, immerhin haben wir nun mehr als drei Monate Zeit, darüber zu diskutieren.

Fakt ist: Man kann nur den Hut vor der Leistung von Marie-Louise Eta ziehen. Denn auch für sie war diese Fünf-Spiele-Mission ein erhebliches Risiko: Kaum Zeit, Druck, sowohl medial als auch sportlich und die Gefahr einer ziemlichen Beschädigung im Falle der Bruchlandung - auch wenn sie ja nicht mehr hätte absteigen können, doch das war ja noch nicht klar und es wäre fahrlässig gewesen, davon auszugehen. Es spricht für sie, dass sie jeglichem, sich allzu sehr anbietenden Spektakel aus dem Weg gegangen ist und sich, bei aller Kommunikationsbereitschaft, nicht zum Mediendarling gemacht und dem Druck standgehalten hat und nicht zuletzt, dass sie offenbar unheimlich schnell lernfähig ist. Das waren ihre beiden männlich gelesenen Vorgänger fraglos in weit geringerem Maße - manchmal muss sich eben erst 'ne Frau drum kümmern …

Um so mehr ist ihr der Erfolg der letzten Spiele zu gönnen, der ja auch nicht ganz unbelohnt bleibt. Man muss dann nicht die ganze Zeit auf die B-Note verweisen und Platz elf ist unterm Strich schon mehr als in den letzten Wochen zu erwarten war. Die zwischenzeitliche Katastrophenrückrunde findet also ein ziemlich versöhnliches Ende, man geht mit einem einigermaßen guten Gefühl in die überlange Sommerpause - und, nicht zuletzt, es bleibt dabei: Der 1. FC Union Berlin gewinnt sein letztes Saisonspiel in der Bundesliga, das ist jetzt sieben Mal in Folge geglückt, so eine Tradition sollte man nicht so einfach sausen lassen.

Also noch mal: Loui, das war ganz großes Kino und alles andere als eine Selbstverständlichkeit, du hast Geschichte geschrieben und weiß Fußballgott nicht die schlechteste Story. Das bleibt, ohne zu übertreiben, für alle Zeiten, es ist eben historisch - und fraglos wird es noch eine ganze Weile dauern, bis es Nachahmer gibt, aus verschiedensten Gründen. Aber dass wir dich nochmal eine Bundesligamannschaft der Männer coachen sehen, das halte ich schon für relativ wahrscheinlich. Das hätte wohl niemand viel besser machen können, das Experiment ist ein weitgehender Erfolg, alle gehen als Gewinner aus einer ziemlich kniffligen Situation hervor - ich kann mir vorstellen, dass nicht wenige uns gerne scheitern gesehen hätten. Nicht zuletzt freut es mich wie verrückt, seit langer Zeit mal wieder einen vollkommen souveränen und entspannten Sieg in der Alten Försterei miterlebt zu haben, ohne Haare raufen und 180er-Puls. Ab und zu hat das was.

Mal sehen, wie es nun weitergeht, der nächste Schuss muss endlich mal wieder sitzen, auch wenn sich das leichter schreibt als es getan ist - aber darum geht es, denn das ist die entscheidende Stellschraube. Sah es erstmal nach Christian Eichner vom KSC aus, so hat jetzt wohl Mauro Lustrinelli vom Aufstiegsüberraschungsmeister aus der Schweiz, FC Thun, die Poleposition. Sky und Kicker, beide doch eher seriös, vermelden, dass die Gespräche weit fortgeschritten sein sollen, ja sogar bereits eine Einigung erzielt wurde, wenn auch die Vereine untereinander noch nicht gesprochen haben. Der ehemalige Co-Trainer von Urs Fischer (in der zweiten Saisonhälfte 2012/2013) wird unzweifelhaft eine Ablösesumme kosten, denn er steht noch zwei Jahre unter Vertrag, hoffentlich wird's nicht allzu teuer und hoffentlich scheitert es nicht daran, denn wir reden von der wichtigsten Personalie seit Jahren.

Die Parameter des fünfzigjährigen Erfolgstrainers lesen sich jedenfalls ziemlich gut. Sein Ansatz von Fußball könnte zu uns passen und uns verbessern - wichtige Voraussetzungen. Nicht zuletzt ist er angeblich stark in der Kommunikation, das kann nach den Brubbelköppen der Nach-Fischer-Zeit nur von Vorteil sein. Würde mich nicht wundern, wenn Urs (mit dem er mit Sicherheit telefoniert hat) ihm zugeraten hat. Vielleicht wissen wir in den kommenden zwei Wochen schon mehr und es kann dem ersten Schweizer-Trainer-Kapitel ein weiteres mit Erfolg hinzugefügt werden. Egal jedoch, was passiert: Ist schon gut, eine Marie-Louise Eta in der Hinterhand zu wissen - und welcher Bundesligist kann das schon von sich sagen?

16. Mai: Union komplett gedopt!

Andras Schäfer (26) lässt sich nach seinem Traumtor feiern.
Andras Schäfer (26) lässt sich nach seinem Traumtor feiern.  © Soeren Stache/dpa

Icke: Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass man in dieser Grotten-Saison SO ein Spiel An der Alten Försterei sieht? Wunderbare Tore, guter Spielaufbau, eine sichere Abwehr (trotz Viererkette) und alle rennen, laufen sich frei und kämpfen. Sprich alle Spieler sind engagiert. Und Augsburg war mit den 4 Toren noch gut bedient. Weitere hundertprozentige Chancen ließ Union (Burke, Burcu, Bogdanov) ungenutzt. Bis auf eine kurze Phase zwischen der 65. und etwa 82. Minute beherrschte Union SPIELERISCH das Geschehen auf dem Platz.

Man rieb sich einfach nur die Augen, da gab es Ballstafetten von Union mit Pfiff und über mehrere Stationen. Wieso geht das plötzlich? Von Januar bis April (dieses Jahrs) jedenfalls sah man nichts dergleichen. War Union gedopt? Wahrscheinlich ja. Es ist augenscheinlich, dass sich Marie-Louise Eta etwas traute. Sie war wohl das Doping-Mittel. Als der Klassenerhalt feststand, stellte sie die Abwehr um, ließ 4er-Kette spielen und setzte Querfeld auf die Bank. Und sie impfte der Mannschaft ein, SPIELT den Ball nach vorn und vor allem sauber. Beides gelang!

Unsere Tore erzielten 2 x Ilic, Jeong und Schäfer. Insgesamt gaben wir 17 Torschüsse ab. Besonders Schäfers Tor in den Dreiangel hat gute Chancen zum Tor des Monats. Noch mehr überragend ist allerdings der Wert der angekommenen Pässe. 84%!!! Gab es das schon einmal beim 1.FC Union? Und dann noch in der 1.Bundesliga. Im Tor ist auch unser 3. Torwart Klaus (Rönnow und Raab sind verletzt) hervorzuheben. Sicher, Ruhe ausstrahlend und immer wieder mit seinen schnellen, vor allem aber genauen langen Bällen nach vorn … war er der Regisseur vieler unserer Angriffe. Die ersten zwei Tore hatten ihren Ursprung in Klaus seinen langen Bällen und seiner Gedankenschnelligkeit. Und Klaus hat verlängert. Wer nun in der kommenden Saison die Nummer 1 sein wird … ist absolut offen. Alle 3 Keeper bei uns sind bärenstark. Legt der neue Trainer viel Wert auf eine schnelle und präzise Spieleröffnung, so hat Klaus gute Karten.

Unsere Abwehrkette (Trimmel-Doekhi-Leite-Rothe) stand sicher. Leider benötigen wir zur kommenden Saison 2 neue Innenverteidiger. Friedrich und Nsoki scheinen als Zugänge festzustehend. Ein Vorstopper (so sagte man früher) mit Qualität muss mindestens noch folgen (vor allem wenn Querfeld auch noch gehr). Schäfer und Kemlein bildeten heute das defensive Mittelfeld. Khedira fehlte. Ein schlechtes Zeichen, das sieht nach Abschied aus. Die drei offensiven Mittelfeldspieler vom 4-2-3-1 System bildeten: Burke rechts, Ansah in der Mitte und Burcu auf links. Ansah fiel ein wenig ab, allerdings ohne zu enttäuschen. Burke mit seinen Sprints auf rechts war der wirkungsvollste der drei. Das zweite Tor bereitete Burke vor. Burcu spielte auf links seine gute Technik aus und bereitete das dritte Tor vor. Und Ilic vorn? Sein Doppelpack sagt viel aus. Es hätte auch ein Hattrick werden können. Einsatz und Wille wie immer. Ganz starke Leistung! Schön auch, dass der 19-jährige (eingewechselte) Bogdanov seinen ersten Assist einsammeln konnte. Das wird ihm Selbstvertrauen geben.

Wahrscheinlich werden bei Union in der kommenden Woche weitere Personalentscheidungen bekannt gegeben. Zum Beispiel der neue Trainer. Keiner hätte wohl aber etwas dagegen, wenn Frau Eta weiter machen würde. Das wird nicht passieren, aber die Möglichkeit das gut zu finden, besser kann man ihre Arbeit nicht loben! Wir benötigen neu: 1 Top-Innenverteidiger, 1 Top „6“ (wenn Khedira geht), 1 treffsicheren Mittelstürmer und einen Techniker wie Jeong, aber mit mehr Durchsetzungsvermögen. Man kann auch davon ausgehen, dass Mega-Talent Güther (16 Jahre alt) relevant mehr Einsatzzeiten bekommen wird.

Heute freuen wir uns über diesen tollen Saison-Abschluss, den so wirklich keiner erwartet hatte. Außer vielleicht … ich selber … mein Tipp vor dem Spiel (unter Zeugen) war … 4:0! Wichtiger aber als das Ergebnis war die Art und Weise, wie wir spielten: Souverän, ballsicher und dominierend. Eisern!

14. Mai: Lieber Toni L., Berlin ist weder/noch!

Toni Leistner bedankt sich bei seinen Fans.
Toni Leistner bedankt sich bei seinen Fans.  © Andreas Gora/dpa

Unionfux: Der Spieler Toni Leistner bekommt bei Hertha BSC nach drei Jahren keinen neuen Vertrag, nicht weiter verwunderlich, im Sommer wird die Abwehrkante immerhin 36 Jahre alt, da schaut man sich gern nach jüngeren Spielern um, währenddessen der leicht enttäuschte Leistner gern noch weitergemacht hätte. So weit, so normal. Die Verabschiedung war, gerade von den Fans, mehr als wohlwollend, gerade wenn man weiß, wie feindselig der langjährige Unioner (immerhin vier Jahre) 2023 begrüßt wurde - ein Transparent am Trainingsplatz forderte, er möge "sich aus dem Verein verpissen". In der Zwischenzeit hat man den Kämpfer in der Fanszene dann doch schätzen gelernt und pflichtschuldigst behauptet dann auch der Toni zum Abschied: "Berlin ist blau-weiß!" - das zumindest habe er in den drei Jahren gelernt. Na klar, das gefällt der Ostkurve natürlich, derlei populistische Parolen, und Leistner legt noch mal nach, es wäre in Stein gemeißelt und er steht auch dazu. Na, meinetwegen. Wahrscheinlich hat er auch bei seinem seinerzeitigen Abschied bei den Queens Park Rangers behauptet, ganz London steht auf QPR. Oder in Dresden… - wobei, da stimmt es wenigstens. Ist ja auch nichts Ungewöhnliches, wenn man bedenkt, wie viele Herzensvereine unser Ex-Trainer allein trainiert hat. 

Und es passt natürlich auch zur unheilbaren Großmannssucht des derzeitigen Zweitligisten, zu glauben, Berlin wäre blau-weiß. Und ja, ihr Zuschauerschnitt, wenn auch etwas rückläufig, ist beachtlich, für Zweitligaverhältnisse sowieso, auch wenn die deutschen Stadien ja allgemein, bis auf Ausnahmen, ziemlich gut ausgelastet sind. 

Nur: So ist Berlin eigentlich nicht. Und wenn man Berliner ist, dann weiß man das. Es gibt einen Grund, warum es in dieser Stadt sowas nicht gibt wie Karneval oder Oktoberfest. Selbst die Love Parade hatte für Auswärtige eine höhere Bedeutung als für den Berliner selbst. Man regt sich eben nicht gern kollektiv auf, eine gewisse großstädtische und speziell berlinerische Gleichgültigkeit kommt noch dazu, in Berlin können Weltstars frei rumlaufen und es juckt höchstens Touristen. Berlin ist also weder blau-weiß noch rot-weiß, bestenfalls in ihren angestammten Einzugsbezirken, aber das war’s dann auch schon. 

Gut, im Moment haben wir seit ein paar Jahren einfach sportlich die Nase vorn (das kann man wohl auch bei der Tante kaum abstreiten), mal sehen, wie lange noch, dessen kann man sich ja nie allzu sicher sein, allein der 400-Millionen-Verdotz-Pokal wird wohl für alle Zeiten nach Charlottenburg gehören, das holen wir nie auf. 

Aber wenn es das schwierige Dasein in Liga zwei für Hertha leichter macht, dann kann man ruhig weiter die Klappe aufreißen, irgendwo ist das ja auch der Berliner Weg, will sagen: Die Stadt selbst befindet sich ja schon seit längerer Zeit in einem traurigen Sinkflug, das tut dem Berliner zwar weh, wundern kann es ihn allerdings nicht. 

Ich bin mal gespannt, ob der rustikale Leistner Toni, weite Teile seiner Karriere eher bei Zweitligisten unterwegs, nochmal bei einem anderen Verein unterschreibt, er will es zumindest. 

Und ich bin ihm auch gar nicht gram über das, was er vermeintlich bisher gelernt hat. Schließlich ist er ja auch Sachse und kein Berliner, da kann er sich wohl nicht so mit den Feinheiten auskennen. Aber ich kann ihm versichern, Ostkurve oder auch Waldseite hin oder her, Berlin ist weder/noch - und das ist auch gut so. 

13. Mai: Augsburg zu Gast in Köpenick

Zum Saisonabschluss wollen die Fans in der Alten Försterei noch einmal ein Fußballfest veranstalten und ihre Mannschaft gebührend verabschieden.
Zum Saisonabschluss wollen die Fans in der Alten Försterei noch einmal ein Fußballfest veranstalten und ihre Mannschaft gebührend verabschieden.  © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Icke: Vage Gerüchte und eine trügerische Stille herrschen aktuell beim 1. FC Wundervoll. Wie immer eigentlich. Die nordkoreanische Verbal-Front hält. Letztes Wochenende hat Union auch dafür gesorgt, dass erst einmal Ruhe einkehren konnte. Eta schaffte ihren ersten Männer-Profi-Sieg und katapultierte uns damit wieder auf Platz 12. Nicht auszudenken, wenn Loui nachlegt und wir das letzte Heimspiel gegen Augsburg gewinnen. Der HSV muss in Leverkusen antreten und wird es dort sehr schwer haben. Mainz gastiert in Heidenheim, die ihren Überlebenskampf ausleben. Damit wäre sogar noch Platz zehn für uns machbar. Der ist nicht nur für das Prestige interessant, nein jeder Platz besser in der Bundesliga-Tabelle liefert bares Geld.

Zum Spiel gegen Augsburg muss nicht viel gesagt werden. Die liegen uns nicht. In 13 bisherigen Vergleichen konnten wir nur zweimal gewinnen. Augsburg dagegen sechsmal. Und die Kicker aus der Puppenkiste werden sich zerreißen! Warum? Sie können noch Platz sieben erreichen. Dieser garantiert auch in dieser Saison einen internationalen Startplatz und somit einen zweistelligen Millionen-Zuschuss zum Etat. Aber Bange machen gilt nicht. Treten wir so auf, wie im letzten Spiel, so haben wir alle Chancen die Partie für uns zu ziehen. Die Viererkette wird bei uns sicher wieder auf dem Platz zu sehen sein. Und auch vier echte Angreifer. Das sollte uns allen Spaß garantieren.

Parallel wird hinter den Kulissen heftig nach einem Trainer gesucht. Glaubt man einigen Medien … ist Christian Eichner aus Karlsruhe der Favorit. Altmeister und Heldt-Kumpel Breitenreiter soll ebenso im Spiel sein. Mauro Lustrinelli aus der Schweiz wird überlegt, wohl auch weil Fischer ein Erfolgsmodell war. Und Köln-Retter Rene Wagner soll wohl die Unbekannte im Quartett sein. Er hat den Bonus schon Co-Trainer bei uns gewesen zu sein und natürlich den Ossi-Bonus als Dresdner. Es bleibt spannend.

So wie auch die Gerüchte um Zugänge. Der belgische Verteidiger van den Bosch wurde schon verpflichtet. Altmeister-Verteidiger Marvin Friedrich kehrt wohl ablösefrei aus Gladbach zurück. Viele sind bei ihm skeptisch. Ich eher nicht. Ist er fit, so hat er Chancen in die Stammelf zu rutschen. Gerhardt (Wolfsburg), Bebou (Hoffenheim) und Cömert (Valencia) sind weitere vage Gerüchte. Auch eine Weiterverpflichtung von Nsoki (wir haben eine Kauf-Option) ist sogar sehr wahrscheinlich. Die ganz großen Knaller sind noch nicht dabei.

Freuen wir uns auf ein tolles Abschluss-Spiel am Wochenende. Danach wird es wohl die ersten Verkündungen geben. Eisern.

11. Mai: Alter Schotte - Union siegt verdient in Mainz

Oliver Burke (29, l.) jubelt über sein Tor zum 2:1.
Oliver Burke (29, l.) jubelt über sein Tor zum 2:1.  © Torsten Silz/dpa

Unionfux: Zuerst überrascht eine überaus mutige Aufstellung: gleich vier Offensive mit Burcu, Ansah, Burke und Ilic - wann gab es das zuletzt in einem Auswärtsspiel?

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt’s on top ne Viererkette, aber eigentlich logisch: irgendwo muss ja der vierte Angriffsplatz ja herkommen. Nun ist der Mut ja das eine, aber noch viel beeindruckender ist ja, mit welcher Einstellung und Körpersprache wir in das Spiel gegen Fischer-erfolgsverwöhnte Mainzer (einunddreißig Punkte in neunzehn Spielen sind ein Schnitt für’s internationale Geschäft) gehen - sowas ham'wer lange nich gesehen, so schön, so schön! Und der Gegner ist in der Tat beeindruckt, in der ersten Hälfte machen wir das Spiel, was auch am aktiven und offensiv denkenden Burcu und seinen technischen Möglichkeiten liegt (leider kriegt er bis zu seiner Auswechslung ziemlich was ab, von Feind und Freund) und noch etwas ist auffällig und zwar im gesamten Spiel: der beinahe vollständige Verzicht auf lange, hohe Bälle, stattdessen bevorzugt man diesmal die spielerischen Lösungen.

Und schon sieht unser Spiel nach einem Spiel aus, nicht umsonst haben wir auch die besseren Torchancen: nach zehn Minuten zwingt Ilic mit seinem Kopfball nach Trimmel-Ecke Zentner zu einer Riesenparade, doch nur wenige Minuten später wird unsere Drangphase von Tennisbällen unterbrochen, die mitgereisten Unioner protestieren gegen die Spieltagsansetzungen mit beispielsweise späten Sonntagsspielen, allerdings sollten sie auch wissen, dass das Fernsehen (hier in Form von Sky und DAZN) den Spieltag diktiert und wer bezahlt, schafft nun mal an. Die müssen ihre gezahlten Gelder ja auch wieder einspielen und was wäre der Profifussball ohne Fernsehgelder? Traurig, aber so ist es nun mal.

Trotzdem haben wir auch nach der nicht allzulangen Unterbrechung die besseren Chancen und eine davon wird zur Führung veredelt, tatsächlich durch eine kurz ausgeführte Ecke: Trimmel auf Burcu, der auf Kemlein und dieser hebt die Kugel butterweich in Richtung rechter Pfosten, dort löst sich Ilic perfekt und ist so vor Zentner am Ball. Direkt vor dem Pausenpfiff kann Burcu fast erhöhen, aber der Mainzer Keeper wischt seinen cleveren Versuch auf die kurze Ecke um den Pfosten. Mainz hat nur einen Amirifreistoß zu bieten und eine Chance von Sano aus spitzem Winkel, beide Male ist Klaus auf dem Posten und sieht abermals so gar nicht nach drittem Keeper aus.

Dass die Mainzer wesentlich druckvoller aus der Pause kommt, ist sowohl zu erahnen als auch zu befürchten und schon nach drei Minuten kann Nebel flanken und der vollkommen freie Sheraldo Becker (der kostet Mainz nur entspannte 500k inkl. Leihe, tut schon n bisschen weh) läuft ein und verwandelt technisch gekonnt im Sprung mit der Innenseite, schönes Gegentor, darf trotzdem so nie und nimmer passieren. In der Folge drückt Mainz: gegen Potulskis Kopfball kann Klaus noch stark halten, gegen Tietz’ artistischen Versuch am langen Pfosten nach Flanke von Kohr ist er dann aber machtlos, aus sehr spitzem Winkel fliegt der Ball über seinen Kopf hinweg ins Tor. Euphorisches Gefeiere bei den Mainzern, auf dem Feld und auf den Rängen, nur leider und gottlob vergeblich, der VAR kassiert die Mainzer Führung wegen knappem Abseits wieder ein. Und das bewirkt so einen kleinen Bruch im Spiel der 05er, lässt der Druck etwas nach, auch wenn die Hausherren spielbestimmend bleiben. Nur einmal müssen wir noch das Glück bemühen oder besser gesagt, froh sein, dass der Kopfball bekanntlich nicht zu Beckers Stärken gehört - er ist zwar sträflich frei, doch sein Timing lausig. In der fünfundachtzigsten Minute dann setzt sich Ilic gut durch, doch sein Schuss verendet tragischerweise am rechten Lattenkreuz - bitter für unseren unermüdlichen Mittelstürmer, der schon ein wenig vom Pech verfolgt wird, schon die gesamte Spielzeit hindurch, auch wenn er ja trotzdem so wichtig ist für uns.

Normalerweise würden wir jetzt mit einem Auswärtsunentschieden zufrieden sein und versuchen, etwas ängstlich hinten den berüchtigten Bus zu parken, doch diesmal kommt das nicht in Frage: Minute 88, Köhn flankt entschlossen, Ilic köpft in die Mitte und da ist Burke, für einen Moment scheint er den Ball nicht unter Kontrolle zu bekommen, aber schließlich doch - aus der Drehung haut er den Ball mit der linken Pike in den linken Winkel - alter Schotte, genauso macht man das!

Na, und jetzt könnte das große Zittern beginnen, aber die offizielle Spielzeit ist gerade abgelaufen und fünf Minuten Nachspielzeit angezeigt, da erobert Kemlein am eigenen linken Strafraum blickig den Ball gegen Kohr, schickt den eingewechselten durchstartenden Skarke im perfekten Moment und der umkurvt den herausgeeilten Zentner und legt auf den ebenfalls eingewechselten und klug durchgelaufenen Juranovic quer und der hat nicht viel Mühe, den Ball aus wenigen Metern mit der Innenseite zu versenken - Deckel drauf!

Die verbleibenden Minuten halten wir abgezockt den Ball und dann können sich die Jungs, Marie-Louise Eta und die mitgereisten Unioner freuen, über den ersten Sieg seit fast zwei Monaten, verdient, weil mit der besten Leistung seit über vier Monaten und die ist kein Zufall: denn da bringt die Truppe annähernd die Leistung, zu der sie in der Lage ist und hat folgerichtig mal was anderes anzubieten als sinnlose Bälle lang ins Nirgendwo und dann stehen unterm Strich neun zu drei echte Torschüsse (das sind die, die auch wirklich auf die Kiste kommen), beachtliche 82% Passquote (Saisonbestwert!!) und eine Laufleistung von 122 Kilometern. Mag schon sein, dass die Mannschaft aufgrund des feststehenden Ligaverbleibs befreit aufspielen konnte und ja, wenn Tietz’ Treffer zählt, spielt sich Mainz höchstwahrscheinlich in einen Rausch und legt noch zwei Tore drauf, aber so einfach ist das nun auch wieder nicht.

Da ist eben auch von einer guten Trainerin (die Mädels können sich freuen!) an den entsprechenden Stellschrauben gedreht worden und irgendwie hat Loui den Jungs vermitteln können, dass man mit ohne Schweinefussball durchaus was reißen kann. Diese Leistung, die ja offenbar möglich ist, muss der Maßstab sein für die kommende Spielzeit, dann könnten wir wieder erheblich mehr Spaß und Erfolg haben, zumindest einen erheblich souveräneren Klassenerhalt.

So, freuen und niemals vergessen: in der Bundesliga haben wir bisher immer unser letztes Saisonspiel gewonnen und mit der Einstellung klappt das auch diesmal, denn diese liebgewonnene Tradition sollten wir doch unbedingt beibehalten. Bis dahin,

Glückwunsch an alle, besonders aber an Marie-Louise Eta, die erste Cheftrainerin, die in der Bundesliga gewonnen hat, auswärts. Heimsieg folgt…

7. Mai: Jetzt kann Union ohne Druck frei aufspielen

Marie-Louise Eta breitet an der Seitenlinie die Arme aus.
Marie-Louise Eta breitet an der Seitenlinie die Arme aus.  © Soeren Stache/dpa

Icke: Es geht gerade nach Mainz, wo Altmeister Urs Fischer jetzt ein erfolgreicher Trainer ist. Und die Mainzer sind stark. Das sollte uns aber nicht tangieren. Union kann nicht mehr absteigen, egal was passiert oder wer wie spielt. Traut sich Trainerin Eta jetzt zu experimentieren? Darf Güther vielleicht sogar starten? Bekommt Kral eine Chance in der Startelf? Der Kral, der eigentlich als sicherer Abgang feststand, wo sich jetzt aber herausstellte, dass er gerade erst umgezogen ist. Näher an die Alte Försterei heran. Das macht eigentlich nur Sinn, wenn Kral und Union sich schon einig sind, mindestens noch ein Jahr zusammen zu arbeiten.

Auch Köhn wird endlich wieder auf der linken Außenbahn erwartet. Es sollten immer die besten Spieler auflaufen. Köhn ist aktuell in einer besseren Form als Rothe. Klaus muss wieder das Tor hüten, aber er hat gezeigt, wie stark eine Nummer 3 von Union in der Bundesliga halten kann. Absoluter Respekt! Interessant wird es, zu schauen, ob Querfeld wieder im Stamm aufläuft. Nachdem die Leistung von Juranovic zuletzt keinen Unioner vom Hocker riss, dürfte Trimmel wohl wieder starten. Und zuletzt, wer spielt in der Abteilung Attacke? Wohl wieder nur ein Zweier-Sturm. Nach der letzten bockstarken Leistung nach seiner Einwechslung, wäre alles andere als Burcu in der Startelf für viele eine Überraschung. Daraus würde sich folgende Elf ergeben: Klaus – Doekhi, Querfeld, Leite – Trimmel, Khedira, Köhn – Kral, Schäfer (Kemlein) – Ilic, Burcu.

Egal wie das Spiel gegen Mainz 05 ausgeht, das Wiedersehen mit Urs wird herzlich werden. Er hat immer noch viele Fans, die ihn mögen. Mainz braucht auch keine Punkte mehr für den Klassenerhalt. Ergo, 2 Teams die ganz befreit schönen Fußball spielen (könnten). Und doch habe ich da so meine Bedenken. Unser Fußball war in der Rückrunde grauenvoll. Ob es einem Union-Team, egal in welcher Zusammenstellung plötzlich gelingt, guten Fußball zu spielen … da darf man Falten auf der Stirn haben.

Die Gerüchte um mögliche Ab- und Zugänge laufen gerade an. Viele glauben auch unser Manager muss gehen. Bäume hat er jedenfalls noch keine ausgerissen. Er zeigte kein glückliches Händchen bei Neuzugängen. Einzig Jordan als Abgang war überraschend, dass er das zu dieser Transfersumme schaffte. Dagegen lag er wiederum bei den letzten 2 Trainern voll daneben. Ob man ihn noch einmal einen Trainer suchen lässt, da habe ich so meine Zweifel. Egal, wir schauen wieder alle und fiebern mit, schreien auch mal laut, wenn`s zu schlecht wird. Aber wir freuen uns auch wie Bolle, wenn wir wieder Tore schießen. Unglaubliches Union! Eisern.

6. Mai: Nur ein Punkt, nur ein Einwurf

Livan Burcus (r.) später Ausgleichstreffer hat ein "Geschmäckle" hinterlassen.
Livan Burcus (r.) später Ausgleichstreffer hat ein "Geschmäckle" hinterlassen.  © Soeren Stache/dpa

Unionfux: Nachdem der vorzeitige Klassenerhalt geschafft ist, werden hier und da Stimmen laut, unter anderem von der Vereinsfreistoßlegende Torsten Mattuschka, dass Baumi den einen Punkt wohl auch noch geholt hätte, den jetzt Interimstrainerin Eta gegen Köln eingefahren hat - was gleichzeitig auch heißt: Warum habt ihr denn den armen Steffen Baumgart eigentlich so schnöde und so flink vor die Tür gesetzt?

Nun, was den Punkt angeht, bin ich mir da gar nicht so sicher, wenn man die immer grauenvolleren Auftritte unter besagtem Baumi bedenkt, die im Großen und Ganzen noch schöngeredet wurden, was aber nur ging, weil die (spielerisch auch oft mäßige) Hinrunde doch relativ viele Punkte gebracht hatte und man deswegen nie in die Abstiegsränge rutschte. Ganz davon abgesehen, dass Platz 16, besetzt vom VfL Wolfsburg, derzeit bescheidenste sechsundzwanzig Punkte aufweist (zum Vergleich: in der Zweiten Liga hat der momentane Tabellensiebzehnte Fürth vierunddreißig Punkte!), die allgemeine Schwäche der zweiten Tabellenhälfte uns also auch in die Karten spielt - man damit aber weder rechnen konnte noch sollte. Wir haben in der Rückrunde nämlich unmissverständlich nachgewiesen, dass wir im Grunde gegen jeden Gegner überfordert sind, taktisch, technisch, spielerisch und sogar fitnessmäßig, sodass wir auf einen indisponierten Kontrahenten hoffen müssen und jede Menge Glück, denn ist das nicht der Fall - wird's eng bis unmöglich.

Dazu kommt, dass eine Entlassung von Baumgart nach erreichtem Ligaverbleib und nach der etwas vorschnellen Verlängerung im Januar eher schwer zu vermitteln, andererseits jedoch eine Fortsetzung der Zusammenarbeit schlichtweg unmöglich gewesen wäre, zu klar waren und sind die Defizite einer Truppe, die er immerhin sechzehn Monate betreut hat.

Wer zudem behauptet, dass dem Kader die Qualität fehlt, Baumgart also gar nichts für die Schwäche der Mannschaft kann, der verkennt, dass unter dem vermeintlichen Anzünder und Motivator zuletzt kaum ein Spieler Normalform, geschweige denn mehr erreichte, das Potential des Kaders also massiv unterlaufen wurde. Wer jetzt daran die größere Schuld trägt, also Spieler oder Trainer, ist schwer zu sagen, zumal von außen. Aber der beängstigende Zustand der Truppe kommt doch nicht von ungefähr.

Nicht umsonst konnte beim letzten "Hauptstadtderby"-Podcast unser Beecke kaum ein gutes Haar an der Leistung gegen Köln lassen und man musste ihm leider vollumfänglich Recht geben, auch und gerade in der Deutlichkeit - und dabei war das ja noch eines der besseren Spiele des Jahres 2026. Ich bin vielmehr der Meinung, dass Baumgart einige Spiele zu spät freigestellt worden ist, wobei man natürlich sagen muss, dass die Fässer immer erst überlaufen müssen und man hinterher sowieso immer schlauer ist. Natürlich haben wir unter Baumgart zweimal die Klasse gehalten und dann war ja wohl kaum alles schlecht. Aber es gab auch in der ganzen Zeit keine wirkliche Phase, in der es einigermaßen rund lief und in den letzten Monaten dann gar nicht mehr. Darauf nicht zu reagieren, wäre extrem fahrlässig gewesen.

Denn klar ist: Hier muss ein wirklicher Könner ran, denn Umbruch hin, Umbruch her - Wunderdinge können wir kaum bei den Neuzugängen erwarten, wenn man allein sieht, dass Stanley Nsoki wohl weiterverpflichtet wird, angeblich sogar mit einem Dreijahresvertrag, obwohl er eher selten gespielt und noch seltener Bäume ausgerissen hat und darüberhinaus Marvin Friedrich ebenfalls bis 2028 unterschrieben haben soll, obwohl er zuletzt in Gladbach gar keine Rolle mehr gespielt hat. Dann kann man ahnen, dass offenbar eher die sparsamen Lösungen für den Kader der nächsten Spielzeit gesucht werden müssen und die brauchen unbedingt die kluge Hand eines Fussballlehrers, der das Beste daraus machen und herauskitzeln kann und sich zudem etwas mehr mit der Kunst der Kommunikation auskennt - hoffentlich findet man so jemanden, denn nur dann haben wir in der achten Bundesligasaison eine echte Chance, für eine neunte zu sorgen.

Noch ein Wort zur angeblichen Unsportlichkeit aus dem Köln-Spiel, dem sogar der "Kicker" einen ganzen Artikel widmete: N atürlich ist es allgemein üblich, dass, wenn ein Ball wegen einer Verletzung ins Aus gespielt wurde, der Ball wieder zur gegnerischen Mannschaft eingeworfen wird. Christopher Trimmel verzichtete jedoch diesmal darauf, in der Folge fiel der späte Ausgleich durch Burcu. Wenn man jetzt fehlendes Fairplay anklagt (lt. Kicker-Autor Jim Decker nicht nur ein nice-to-have), so ist man einfach nicht in der Lage, sich das Gesamtbild anzuschauen, warum auch immer. Für sich allein genommen, ist es natürlich ein Unding, was "auf keinen Fall Schule machen darf" (Kicker), man sieht es aber ohnehin sehr selten.

Wenn man aber weiß, dass nach dem Anschlusstreffer andauernd ein Kölner Spieler ohne Gegnereinwirkung wegen angeblicher Muskelkrämpfe zu Boden ging (als ob ein durchtrainierter Bundesligaspieler keine neunzig Minuten durchhält, zumal in einem gar nicht mal so laufintensiven Spiel), um Zeit zu schinden und unsere Druckphase und den Spielfluss zu stören, dann muss man da nicht nur ohnmächtig zuschauen, sondern entsprechend reagieren, sonst ist man nur ein Opfer einer allzu durchschaubaren Masche, die so gar nichts mit Fairplay zu tun hat. Und genauso hat es Trimmel, im Übrigen ein untadeliger Sportsmann, nach der Partie auch erklärt: Man muss das Spiel dann eben mitspielen. Nicht umsonst ist nämlich sogar der Kölner Torwart selbst zum Einwurf hingeeilt, um ihn für seine Mannschaft einzufordern, weil er schon ahnte, dass unser Kapitän sich nicht länger verschaukeln lässt.

Unsportlichkeiten gibt es beim Fußball zuhauf: Von peinlicher Rumdiskutiererei bei jeder Schiedsrichterentscheidung (am liebsten mag ich dabei den entsetzten Griff mit beiden Händen an den Kopf) über Markieren (schwerste Schmerzen inkl. Wälzen, aber gleich darauf wieder munter wie ein Reh) bis hin eben zum Zeitschinden (hier mein Favorit: Der Keeper fängt unbedrängt einen leichten Ball aus der Luft und lässt sich dann nach vorn fallen, um das Spielgerät lange gegen niemanden zu sichern). Ich habe aber wenig Hoffnung, dass sich da nochmal was ändert. Insofern hat Christopher Trimmel in dieser speziellen Situation alles richtig gemacht, auch wenn es nicht gleich ersichtlich ist, zumindest nicht für jedes Fachmagazin - halten zu Gnaden.

4. Mai: Geschafft! Union bleibt in der Bundesliga

Am Ende konnten sich die Eisernen über einen Punkt gegen Köln und den Klassenerhalt auf dem Sofa freuen.
Am Ende konnten sich die Eisernen über einen Punkt gegen Köln und den Klassenerhalt auf dem Sofa freuen.  © Soeren Stache/dpa

Unionfux: Hallelujah und Fußballgottseidank - diese verdammte Saison ist vorbei! Schon am ersten Sonntagabend im Mai, zumindest fast, zumindest für uns. Die schlimmste Rückrunde seit unserer Rückkehr in den Profifußball 2009/10, wenn auch kaum zu ertragen, bleibt ohne kurzfristige Folgen - wir gehen in unser achtes Bundesligajahr! Das Unentschieden gegen Köln macht es möglich, denn Urs Fischer und Mainz 05 gewinnen bei St. Pauli und Wolfsburg holt "nur" einen Punkt in Freiburg, wir sind rechnerisch mit sieben Punkten Vorsprung durch.

Sicher, es hätte schon mit dem Teufel zugehen müssen, wenn es uns noch erwischt hätte - aber jeder, der sich lange genug mit Fußball beschäftigt, hat sie schon gesehen, die kotzenden Pferde vor der Apotheke.

Und unbestritten ist ja auch, dass wir die gesamte Rückrunde wie ein verdammter Absteiger aufgetreten sind, mit zum Teil katastrophalen Auftritten und lediglich einem Auswärtssieg und einem (in Worten: einem) Heimsieg! Und beide ziemlich glücklich, so ehrlich muss man sein. Auch das ziemlich gewagte Experiment mit Marie-Louise Eta ist letztlich aufgegangen, wenn auch nicht mit großem Hurra, es sei denn, die letzten beiden Spiele hauen nochmal voll rein, trotz allem sind ja noch sechs Punkte zu vergeben. Immerhin ist jetzt der Druck weg und auch das eine oder andere Experiment (z. B. mit Güther und/oder Bogdanov) ist ja durchaus denkbar.

Die genauere Auswertung der Spielzeit wird hier später noch erfolgen, doch eins ist jetzt schon klar: Das ist der dritte fette Schuss vor den Bug, noch so eine Saison wie die vergangenen drei Spielzeiten wird höchstwahrscheinlich nicht ein weiteres Mal gutgehen. Wir alle kennen die Abstiege mit Ansage der letzten Jahre in der Bundesliga. Und wir sollten das nicht genauso machen, es wäre ebenso jammerschade wie unnötig hoch zehn.

Wenn diese Katastrophen-Rückrunde für eins taugt, dann dafür, dass sie schonungslos unsere Schwächen und Versäumnisse aufdeckt und sämtliche Augenwischerei geradezu unmöglich macht. Allzuviele sorglose, selbstgefällige und falsche Verpflichtungen und Verlängerungen können wir uns nicht mehr erlauben: Der 1. FC Union darf nicht länger die Komfortzone für Spieler werden, die wenigstens ihre Normalform weder erreichen können noch wollen. Fällt irgendjemandem zum Beispiel ein, wer der "Unioner der Saison" ist? Nicht so richtig, oder? Warum wohl?

Wo liegen denn noch unsere Stärken? In der Abwehr? Schon lange nicht mehr. Und in Mittelfeld und Angriff wohl kaum. Unsere Laufleistung ist rapide schlechter geworden, gewonnene Zweikämpfe Platz 16, unsere Passquote die schlechteste der gesamten Liga, genauso wie der Ballbesitz. Nur in einer Kategorie sind wir noch führend: gewonnene Kopfballduelle, na immerhin. Aber das wird auf Dauer wohl kaum ausreichen.

Obendrein brauchen wir dringend einen (auch gern erfahrenen) Trainer mit einer Idee, die bitte funktioniert (und zwar bei uns). Dazu muss es jemand sein, der Spieler besser machen kann und einen guten Spirit mitbringt, also keinen Griesgram, der die gesamte Stimmung drückt. So einer ist nicht so leicht zu finden, aber noch einen Bjelica, Svensson oder Baumgart können wir uns einfach nicht leisten. Die nächsten personellen Entscheidungen, und es werden gewiss nicht wenige, müssen sitzen, wenigstens die meisten.

Dafür muss man vielleicht nochmal Geld in die Hand nehmen, doch die Verantwortlichen sollten nicht vergessen, dass die erste Männermannschaft nun mal immer noch das Wichtigste in diesem Verein sein muss, denn nur deswegen fließen größere Summen in unseren Klub. Wie schwer eine Rückkehr aus Liga Zwei sein kann, das sehen wir ja Saison für Saison - der Stadtnachbar zum Beispiel geht demnächst in seine vierte Spielzeit im Unterhaus. Und wir bauen das neue Stadion ja wohl kaum, um dann im Zweitliga-Mittelfeld zu versinken. Die Lage jedenfalls ist ziemlich ernst, das sollten alle endlich verstanden haben und aus den Fehlern der Vergangenheit schleunigst die richtigen Schlüsse ziehen, selbst wenn der eine oder andere schmerzhaft sein dürfte.

Für’s Erste aber freuen wir uns, wenn auch mit gehöriger Demut, vielleicht ist es ja doch mehr pure Erleichterung als alles andere, über ein weiteres Jahr in einer der besten Ligen der Welt. Und genießen die letzten zwei Spiele, die man ausnahmsweise relativ entspannt an sich vorüberziehen lassen kann. Wäre natürlich großartig, wenn wir da noch das Maximale herausholen könnten (schon allein wegen der Fernsehgelder etc.). Aber eben könnten, nicht unbedingt müssen. Und nicht zuletzt freuen wir uns, weiterhin einen Erstliga-Blog, hier bei TAG24, zu haben. Glückwunsch, "Loui", Glückwunsch, Mannschaft, Glückwunsch, Unioner!

Titelfoto: Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa

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